Samstag, 26. März 2016

Baldrian

 

 Ein unterschätztes und missverstandenes Phytotherapeutikum

 

PSYCHOAKTIVE PFLANZENKUNDE

 

baldrian

 

Markus Berger

 

 

„Wenn wir Baldrian zu uns nehmen, ist es, als ob das einschläfernde, friedliche Rauschen der Wälder über uns käme; wir werden müde und schlafen ein. Wir lernen das Schlafen wieder mit dieser alten, wunderbaren Wurzel, die aus dem Schweigen der Wälder stammt.“

(HERTWIG 1938: 224)

 

Valeriana officinalis ist eines der medizinisch meist genutzten psychotropen Kräuter. Verallgemeinernd wird davon ausgegangen, dass Baldrian unentwegt genossen werden kann – schließlich bekommt man derlei Präparate sogar im Supermarkt. Im Falle eines unkontrollierten, missbräuchlichen Konsumverhaltens, beispielsweise bei Angststörungen, kann aber eine Reihe von Problemen resultieren. Dabei sind die meisten Nebenwirkungen sowohl dem medizinischen Fachpersonal als auch den Anwendern unbekannt.

 

Die medizinische Anwendung

 

Baldrian und seine Präparate werden in der Regel äußerlich bei nervösen Sehstörungen, Sehschwäche und Überanstrengung der Augen, und innerlich bei Nervosität, Schlaflosigkeit, nervösen Herzbeschwerden, krampfartigen Magen- und Darmschmerzen, Migräne und bei der Abgewöhnung von Nikotin und Alkohol eingesetzt.

„Den Baldrian finden wir schon bei den Hippokratikern (…), bei Plinius und im Mittelalter. Stets war er ein schützender Geist und immer das, was wir heute ein gutes Mittel für die Nerven nennen. Er trägt auch nicht zufällig Baldrs Namen; etwas vom alten Waldgeist, der unsere Nerven beruhigt, steckt immer noch in ihm.“ (HERTWIG 1938: 224)

 

Inhaltsstoffe

 

Das ätherische Baldrianöl enthält Valerian- und Isovaleriansäure, Bornylacetat und weitere Bornylester, Sesquiterpene, z.B. Valeranon, Valerenol und Valerenal. Daneben Valepotriate (Valtrat, Isovaltrat, Didrovaltrat, Acevaltrat, IVHD-Valtrat), Valerensäuren (Valerensäure, Hydroxyvalerensäure, Acetoxyvalerensäure), Alkaloide (Valerianin, Actinidin, Baldrianhauptalkaloid) und Phenolcarbonsäuren.

 
Die Gefahren

 
Normalerweise schätzt man das immerhin überall erhältliche Baldrian als harmlos und nebenwirkungsfrei ein. In der Packungsbeilage der Baldrian Ratiopharm®-Dragees steht zu diesem Punkt: „Schwere Überdosierungen sind bisher nicht bekannt geworden. Zur Entscheidung, ob Gegenmaßnahmen gegebenenfalls erforderlich sind, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Bisher sind keine Nebenwirkungen bekannt geworden.“

 

Doch stimmt das so nicht ganz. In der Tat beklagen sich immer wieder einige Anwender über Kopfschmerz,  Benommenheit und Übelkeit nach Einnahme eines Valeriana-Präparats.

Die in älteren Publikationen mitunter erwähnten Unruhe- und Aufregungszustände und Schlafstörungen kann man heutzutage getrost vergessen. Solche Nebenwirkungsangaben spielen ausschließlich auf das Auftreten einer paradoxen Wirkung an.

 

 

Hier die wichtigsten Hinweise:

 

Schwere Baldrian-Überdosierungen können in Herzinsuffizienz (gestörte Herztätigkeit), Magen-Darm-Beschwerden oder (eher selten) in einer Kontaktallergie gipfeln.

 

Frauen sollten während der Schwangerschaft bzw. Stillzeit vollständig auf die Einnahme von Baldrian verzichten.

 

Fahrzeuge und Maschinen sollten unter der Wirkung von Baldrian nicht bedient werden. Die sedativen (entspannenden, beruhigenden) und schlaffördernden Effekte können erhebliche Beeinträchtigungen darstellen.

 

Dies alles gilt ganz besonders im Zusammenspiel mit anderen zentral dämpfenden Pharmaka (z.B. Diazepam = Valium® und verwandten Benzodiazepinen und auch Barbituraten) und Alkohol.

Die im Baldrian enthaltenen Valepotriate könnten zudem zytotoxisch (zellgiftig) und kanzerogen (krebserregend) sein. Nur in europäischen Rassen der Valeriana officinalis sind geringe Mengen (bis zu 1 %) an Valepotriaten enthalten. Im mexikanischen oder indischen Baldrian hingegen finden sich diese in wesentlich höheren Konzentrationen.

 
Missbrauch

 

Zum Missbrauchpotenzial des Baldrian: „(..) Die Zahl der rezeptfrei gekauften Baldriantabletten, -tees oder -tropfen [nimmt] ungewöhnlich zu. Auch die Ärzte verordnen entsprechende Präparate immer häufiger. Dabei geht es nicht nur um die alten Heilanzeigen wie ‚Nervosität, innere Unruhe und Einschlafprobleme’, es werden immer häufiger Angststörungen damit behandelt, besonders Patienten mit chronischen Angsterkrankungen. Nicht wenige versuchen sich erst einmal auf diese Art selber zu behandeln, weil sie den Gang zum Haus- oder gar Nervenarzt scheuen. Und da Angststörungen mit Baldrian nicht gezielt behandelt werden können (von einer gewissen Beruhigung einmal abgesehen), nehmen die verzweifelten Patienten immer mehr, erhöhen also ständig die Dosis, um überhaupt noch eine (beruhigende) Wirkung zu verspüren. Manche Ärzte registrieren dabei entsetzt, dass bis zu 200 Baldrianperlen pro Tag oder mehr oder mehrere dutzend (!) Teebeutel täglich verbraucht werden, ohne dass sich die Angststörung dadurch dauerhaft bessert, was nicht verwundert, wenn man die biologischen Hintergründe dieses Leidens kennt. (…) Bei zu hohen Dosen und vor allem überlanger Einnahme von Baldrian sind inzwischen auch Absetzsymptome dieses Pflanzenheilmittels bekannt geworden. Beispiele: starke Unruhe, Schwindel bis hin zu regelrechten Schwindelanfällen, Schweißausbrüche, ja erhöhter Blutdruck und Herzrhythmusstörungen. Manche Psychiater sprechen sogar von Orientierungsstörungen bis zum Orientierungsverlust oder einem drohendem Delirium tremens (…)“ (FAUST 2000).

 

Abhängigkeit?

 

Die Zeitschrift „Psychiatrie aktuell“ berichtete 2001 von einer angeblich neuen Erkenntnis: „Baldrianmissbrauch kann zu körperlicher Abhängigkeit führen. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) jetzt hin. Die Gefahr bestehe vor allem für Patienten mit Angsterkrankungen, die über einen längeren Zeitraum Baldrian in hohen Dosen einnehmen. (…) ‚Bei chronischen Angst- und Spannungszuständen sollte man auf eine Selbstbehandlung mit Baldrian verzichten und statt dessen einen Psychiater aufsuchen’, rät Prof. Dr. Jürgen Fritze, Geschäftsführer der DGPPN“ (MEDCON 2001). Im Buch „Psychoaktive Pflanzen“ ist unter dem Punkt Nebenwirkungen der Valeriana officinalis dies vermerkt: „Baldrianabhängigkeit kommt extrem selten vor“ (SCHULDES 2001: 94). Diese Aussage dürfte sich auf oben zitierte Quelle der DGPPN beziehen.

 

Das in München ansässige Komitee Forschung Naturmedizin (KFN) berichtigte allerdings am 18. Februar 2003 im Artikel „Experten stellen irrführende Angaben richtig: Baldrian macht nicht süchtig“ (www.phytotherapie-komitee.de) diese Fehleinschätzung: „Professor Dr. Volker Faust, renommierter Psychiater des Landeskrankenhauses Ravensburg-Weißenau und durch viele Publikationen ausgewiesener Experte zum Thema ‚Pflanzenheilmittel und seelische Störungen’ spricht in diesem Zusammenhang von einem ‚Fehlurteil’, da ‚Absetzerscheinungen’ mit ‚Entzugserscheinungen (Abstinenzsymptomen)’ verwechselt werden. Professor Faust wörtlich: ‚Absetzerscheinungen haben mit einer Sucht nichts zu tun. Sie kommen auch bei nicht süchtig-machenden Stoffen vor und sind nur der Hinweis darauf, dass der Organismus auf das plötzliche Fehlen einer Substanz irritiert reagiert.’

Im Hinblick auf die Warnung vor Baldrian stellt der Ravensburger Psychiater aber zugleich unmissverständlich klar: ‚Baldrian macht nach den bisherigen Erkenntnissen weder seelisch noch körperlich abhängig.’ Bei Angststörungen sollte man allerdings in jedem Falle auf eine Selbstbehandlung verzichten und einen Arzt aufzusuchen“ (KFN 2002).

 

Bibliografie

 

BERGER, Markus, Der Feldsalat Valerianella locusta (L.) LATERRADE – Ein psychoaktives Baldriangewächs, unveröffentlichtes Manuskript

 

FAUST, Volker (2000), Psychotrope Phytopharmaka: Baldrian, http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/baldrian.htm

 

HERTWIG, Hugo (1938), Gesund durch Heilpflanzen, Berlin: Koch’s

 

KFN (Komitee Forschung Naturmedizin) (2002), Experten stellen irrführende Angaben richtig: Baldrian macht nicht süchtig, http://www.medinat.de/cgi-tdb/basics/presse/basics.prg?a_no=14&r_index=1.2

 

MEDCON 2001, Baldrian: Selbstmedikation mit schlimmen Folgen, http://www.psychiatrie-aktuell.de/news/detail_furInter.jhtml?itemname=news_634

 

SCHIMPFKY, Richard (1893), Unsere Heilpflanzen in Bild und Wort, Gera-Untermhaus: Köhler

 

SCHULDES, Bert Marco (2001), Psychoaktive Pflanzen 14. Aufl., Löhrbach: Werner Pieper and the Grüne Kraft

 

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