Sonntag, 14. Februar 2016

Wenn einer eine Reise tut

 

 

von Sadhu van Hemp

 

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Reisende soll man nicht aufhalten, sagt der Volksmund – und Recht hat er! Seit Urzeiten neigt der Mensch dazu, hin und wieder nachzugucken, was hinter dem eigenen Tellerrand so los ist. Bis heute leiden die Erdlinge unter Fernweh – und wer einmal an Reisefieber erkrankt ist, der überwindet jede noch so hohe Hürde, die sich ihm in den Weg stellt. Der Wunsch des Menschen nach Freiheit manifestiert sich darin, den angeborenen Wandertrieb auszuleben – koste es, was es wolle.

 

Freiheit ist das höchste Gut, das der Mensch besitzt. Niemand will sein Dasein eingezäunt wie Zuchtvieh fristen und sich inzestuös fortpflanzen. Bereits der Schöpfer war so weitsichtig, Adam und Eva aus dem Paradies zu vertreiben, bevor sich das Menschengeschlecht vor Langeweile und Eintönigkeit gleich wieder selbst abschafft.

Und was sind sie gereist, unsere Vorfahren! Mittlerweile gibt es kaum noch einen Ort auf unserem Planeten, an dem nicht die Fußspuren des Homo sapiens zu finden sind. Die Welt ist klein geworden, und der Aktivurlauber, der sich auf den Mount Everest oder durch die Sahara tragen lässt, muss schon damit rechnen, hinter der nächsten Biege auf eine Reisegruppe frühpensionierter Lehrer aus Bonn-Beul zu stoßen.

 

Doch halt! Reisefreiheit gilt nicht für alle – vor allem nicht für Habenichtse. Die Zeiten, als unsereins mal eben mit ein paar Mark im Brustbeutel nach Kabul trampte, sind längst vorbei. Heute kommt kein Teenager mehr auf die Idee, sich solo vom vorderen in den hinteren Orient durchzumogeln, um irgendwann nicht braun gebrannt, dafür aber abgebrannt in der „Freak Street“ in Katmandu aufzuschlagen. Nein, dieses All-Inclusive-Angebot für echte Hardcore-Individualtouristen ist völlig aus der Mode. Der Zauber des Hippie-Trails ist Geschichte, denn der europäische Wohlstandsbürger, also der, der sich den Spaß einer Fernreise noch leisten kann, mag es bequem und komfortabel. Niemand will mehr auf durchgelegenen und verwanzten Matratzen schlummern und das Essen der Einheimischen essen. Klimaanlage, Pool, deutsches Proll-TV und Bildzeitung müssen schon sein, wenn sich der Pauschaltourist wohlfühlen soll. Alles muss hübsch seine Ordnung haben, auch am Arsch der Welt: Man spricht und kocht deutsch, will von knackigen Animateuren animiert werden und sich schlichtweg wie zu Hause bei Mutti auf dem Sofa fühlen.

 

Keine Frage, ein Alt-Freak, der als Halbwüchsiger verinnerlicht hat, dass dem Reisenden der Weg das Ziel ist, der kann mit all dem, was die Tourismusbranche zwecks Linderung des Fernwehs anbietet, nichts anfangen. Die Vorstellung, mit einem Aeroplan an einen Ort unter Palmen verbracht zu werden, wo der Tourist in Käfighaltung kommt, ist der blanke Horror schlechthin für einen, der früher seinen Schlafsack am Strand ausrollte. Ebenso abstoßend der Gedanke, auf eine Woche Indien zu sparen, um dann mit ichbewegten Ichlingen vor dem engagierten Guru zu hocken und ein bisschen Wellness-Ayurveda zu praktizieren. Und nein, bitte keinen arrangierten Abenteuerurlaub in Patagonien im Kreise gutsituierter Piefkes, die sich die Rollkoffer von Sherpas nachtragen lassen. Der Hänfling will auch nicht auf einem Katamaran in der Südsee segeln, um Zeuge des morgendlichen Streits darüber zu werden, welcher „Selbstoptimierer“ zuerst die elektrische Zahnbürste oder das Mobiltelefon an die überlastete Bordbatterie hängen darf.

 

Ja, die Zeiten sind keine guten für Alt-Hippies, die vor vierzig Jahren überall dort in der Welt andockten, wo es zur Folklore der Gastgeber gehörte, den Besucher mit all den landestypischen Leckereien zu verwöhnen, die es dort im Überfluss gab. Egal durch welches Land man einst im Orient reiste, ein fettes Rauchpiece steckte immer in der Jeansjacke, und außer einem selbst wusste niemand, wo man gerade hängengeblieben war. Das ist vorbei, und wer heute in Antalya ein bisschen Hasch erwerben will, der muss schon Glück und große Scheine mitbringen. Der Pauschaltourismus duldet keine illegalen Drogen in den Urlaubsoasen, zumal sich die eingeflogenen Abendländer in den Resorts mit Alkohol bis zum Abwinken zudröhnen sollen. Somit gibt es schon lange keinen Grund mehr für unsere Alt-Kiffer, sich ins Flugzeug zu zwängen und die Orte der Jugend heimzusuchen.

 

Ohnehin ist das Reisen für Hänflinge beschwerlicher denn je. Wer sich heute wie einst unsere Großeltern hinters Steuer eines buntbemalten Bullis klemmt und von Kassel nach Kabul reisen will, wird sein Ziel nie erreichen. Spätestens die bayerische Polizei beendet die Rauschfahrt und der Reiseproviant ist futsch. Wie man es auch anstellen will, sich und seine Bong außer Landes zu bringen, die Angst, erwischt zu werden, reist mit. Insbesondere die allseits beliebten Flugreisen in sonnige Gefilde bringen den Hänfling ins Schwitzen, denn wer keine Ausnahmegenehmigung zur Aus- und Einfuhr von Cannabis vorweisen kann, muss sein Gras schon fressen, um am Urlaubsort halbwegs entspannt in seinem Wölkchen sitzen zu können.

 

Viele Alt-Kiffer verzichten auf die Billigflugreise nach Malle & Co., wollen sich nicht nackig machen und in Hotelburgen eingepfercht werden. Bevorzugt werden gepflegte Reisen zu Lande – und das möglichst an einen Ort, wo man stressfrei Gras und Hasch erwerben und verbrennen kann. Zum Glück gibt’s diesen Luxus in den benachbarten Niederlanden, wo der Hanffreund in den Sommermonaten unbehelligt breit wie Harry am Strand in der Sonne braten kann. Dort muss der Tourist auf der Suche nach einem Rauchpiece nicht durch dunkle Gassen schleichen, um sich schließlich übers Ohr hauen zu lassen. Von der ersten Sekunde an spürt der Urlauber dieses seltene Freiheitsgefühl, sich für ein paar Tage nicht verstecken zu müssen.

 

Doch so schön es an der niederländischen Nordseeküste auch ist – im Winter ist es dort dunkel, kalt und nur in der warmen Stube der Coffeeshops gemütlich. Und so bleibt vielen Kiffern, die nicht auf ihr Tütchen verzichten wollen, nur noch der Growschrank, um außer der Reihe Licht zu tanken. Während andere hackedicht von Alkohol die Urlaubsparadiese vollkotzen, schmachtet der Kiffer notgedrungen in seiner Germanenhöhle und streicht die Tage bis zum Frühling an der Wand ab.

 

Dass dieses Elend nicht ewiglich währen muss, beweist nun ein Mann aus Bamberg, der sich die entspannte spanische Hanfpolitik zu Nutze macht und deutschen Paranoia-Kiffern auf Fuerteventura ein Rundum-Sorglos-Urlaubspaket anbietet. Klingt gut, sehr gut sogar. Aber hält der Anbieter auch, was er verspricht? Liefert Bruder Sebastian von „Chillisimo“ auch die versprochenen „High End Holidays“ mit einer gefüllten Bong am weißen Sandstrand?

 

Im Dezember stieg ein vom Hanf Journal beauftragter Undercover-Reisetester in die Chartermaschine nach Fuerteventura, die nach einer Flugzeit von knapp fünf Stunden sicher auf der Kanareninsel landete. Und da stand er, der Sebastian, in kurzem Höschen und braun wie ein Brot. Ein Blick genügte unserem Mann, um zu wissen, dass er sich dem Bruder voll und ganz anvertrauen kann. Zum Service gehört, den Gast wie ein Kind an die Hand zu nehmen – kein Stress, keine Hektik, geradeso wie in Mutterns Schoß. Der stete Zufall will es zudem, dass sich sogleich eine Medizinalhanfblüte anfindet, die dem Ankömmling die Fahrt zur Unterkunft versüßt. Das Highlight von „Chillisimo“ ist die Sightseeing-Tour mit Sebastian, die auf Wunsch schnurstracks nach Gran Tarajal zum „Colectivo Cannabisterapeutico Canario“ führt. Ja, und was sagt unser unbestechliche Reisetester dazu?

 

„Ich fühlte mich wie bei unseren Brüdern und Schwestern in den Niederlanden – also unter Gleichgesinnten. So stolz die Spanier auch sein mögen, sie haben ein warmes Herz und ein freundliches Wesen: Auch wer kein Mitglied des Clubs ist und aussieht wie ein fieser Pegida-Opa, darf hinein und ein bisschen passiv von dem einatmen, das ein Balsam für Körper und Seele ist. Wie von selbst knüpft sich der Kontakt zu den Ureinwohnern der Insel, die sich bereitwillig und unverfänglich andienen, um dem Gast gegen ein kleines Honorar ein paar glückliche und erholsame Urlaubstage zu schenken.“

 

Eine Woche war unser Reise-Checker auf Fuerteventura – und um ein Haar wäre er für immer versackt. Ein derartiger Mangel an Fürsorge hätte natürlich einen Punktabzug für „Chillisimo“ gegeben. Aber keine Sorge: Rechtzeitig konnte Sebastian unseren Urlaubssachverständigen aus den Armen einer unbekannten Schönen befreien und pünktlich am Abflugschalter abliefern – unbeschädigt und generalüberholt wie nach einer Anti-Aging-Kur.

 

3 Antworten auf „Wenn einer eine Reise tut

  1. Keine Menschenverachtene Politik mehr!

    Ein Traum…
    Toll geschrieben und aus der Seele.
    Grüße an die Hanftreunde

  2. La Gomera ist auch sehr reizvoll. Wandern in der Schönheit des Roque de Agando ... nur in der Ferne meckert eine Ziege ... sonst kein Geräusch, außer dem Summen von Insekten ... Stille ... ein süßer Duft weht zu mir herüber ... :-) Freiheit! :-)

    La Gomera ist auch sehr reizvoll. Wandern in der Schönheit des Roque de Agando … abends auf der Terrasse … Blicke auf die Weite des grüngrauen Ozeans … nur in der Ferne meckert eine Ziege … sonst kein Geräusch, außer dem Summen von Insekten … Stille … ein süßer Duft weht zu mir herüber … 🙂 Freiheit! 🙂

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