Mittwoch, 30. Dezember 2015

Interview mit Queen Ifrica

 

„Wir können nur hoffen, dass am Ende wirklich die einfach Bauern von der Gesetzesänderung profitieren werden.“

 

von Janika Takats

 

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Auch wenn Ventrice Morgan aka Queen Ifrica bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater aufwuchs, kam ihr musikalisches Talent, das ihr wohl von ihrem Vater, der Ska-Legende Derrick Morgan, in die Wiege gelegt wurde, irgendwann durch. Mit Wurzeln, die tief mit der jamaikanischen Rastafari-Bewegung verbunden sind und Reggae-Sänger Tony Rebell als Mentor eroberte Queen Ifrica die Reggae-Szene ohne dabei ihre Prinzipien und Ideale aus den Augen zu verlieren. In den letzten Jahren ist es etwas ruhiger um die Sängerin geworden. Das hatte seinen guten Grund, wie sie uns im Interview verriet. Jetzt ist sie zurück auf Europatournee und bereitet die Veröffentlichung ihres neuen Albums vor.

 

 

Zurzeit bist du mit Tony Rebel auf Tour, der für dich so etwas wie ein Mentor ist.

 

Wir ergänzen uns, weil wir verstehen, was der andere macht. Wir haben dasselbe kulturelle und spirituelle Verständnis, daher inspirieren wir uns und bringen uns gegenseitig voran.

 

Während meiner Recherche habe ich wenig aktuelle News über dich gefunden. Was hast du die letzten Jahre gemacht?

 

Die den letzten Jahre habe ich mich hauptsächlich um meinen Sohn gekümmert, der jetzt drei Jahre alt ist. Als Frau sagt man sich, dass man beides unter einen Hut bringen kann: die Reisen und das Großziehen der Kinder. Doch wenn man älter wird, muss man langsamer machen und Prioritäten setzten. Daher haben ich in letzter Zeit nur einige wenige Shows gespielt und daran gearbeitet mein Album für VP Records fertig zu stellen. Wir habe als eine Pause gemacht im guten wie im schlechten Sinne (lacht).

 

Du bist in einem Umfeld aufgewachsen, das von der Weltanschauung der Rastafari geprägt war. Inwiefern hat das deine Persönlichkeit und dein Leben heute beeinflusst?

 

Ich denke es hat mir geholfen auf dem Boden zu bleiben und meinen Ansichten treu zu bleiben. Ich glaube, dass Musik der beste Kanal sein kann, um deine Botschaft zu verbreiten und damit Veränderungen zu bewirken. Als Rasta aufzuwachsen bedeutet sich viel mit sich selbst auseinander zu setzten und sich seiner Selbst bewusst zu werden. Es geht auch darum sich mit der Gesellschaft und den vorhandenen Machtstrukturen zu befassen. Ich bin mit Musik und Rasta aufgewachsen. Jetzt bringe ich beides zusammen, um meine Botschaft mitzuteilen.

 

Hast du während deiner Jugend auch einige Rastafari-Prinzipien kennen gelernt, mit denen du nicht einverstanden warst?

 

Ja. Für mich als Frau wäre da zuerst der Fakt, dass Frauen, obwohl sie von den Rastafari glorifiziert werden, nicht in gleicher Weise in den Ämtern der Rasta repräsentiert sind. Frauen leiten keine Zeremonien und werden von der Gemeinschaft als das schwächere Glied angesehen. Das habe ich immer anders gesehen. Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen. Ich habe einfach ein anderes Verständnis von Balance und dem Gleichgewicht der Erde. So sehr ich den König respektiere und seine Taten verehre, denke ich, dass der Königin die gleiche Anerkennung zusteht.

Des Weiteren bin ich auch nicht mit sämtlichen Vorgaben einverstanden, wenn es darum geht wie Frauen sich kleiden sollten. Es besteht die Auffassung, dass eine Frau keine wahre Rasta ist, wenn sie zum Beispiel Hosen trägt. Ich bin eine echte Rastafari, auch wenn ich Hosen trage, wegen meines Glaubens und meiner Überzeugung. Es geht nicht vorrangig um die äußere Erscheinung. Über Themen wie diese kann ich mit meinen Rasta-Brüdern in eine hitzige Diskussion verfallen. Im Endeffekt muss jedoch jeder seinen eigenen Weg finden.

 

Die Gesetzte auf Jamaika in Bezug auf Marihuana haben sich geändert. Cannabis wurde bis zu einer bestimmten Menge entkriminalisiert. Was denkst du über diese Veränderung?

 

Es ist eine bitter-süße Situation. Süß in dem Sinne, dass eine Youth nicht mehr wegen Marihuana festgenommen oder sogar getötet werden kann – wie es vor einiger Zeit passiert ist, als ein junger Mann wegen einem Spliff sein Leben verlor. Die Rastafaris werden nicht mehr wegen einer kleinen Menge Gras festgenommen. Das ist eine willkommene Veränderung. Aber die administrative Seite, wenn es darum geht Rechte für den Anbau zu bekommen und die Frage wer im Endeffekt davon profitieren wird, ist immer noch ungewiss. Der kleine Mann musste sich sein ganzes Leben lang verstecken, weil er ein bisschen Gras angebaut hat, um seine Familie zu ernähren. Wird er jetzt einfach links liegen gelassen oder wird er einfach ein Bauer sein, der für den großen Boss arbeitet, der das Geld hat? Man muss die Situation von beiden Seiten betrachten. Bisher gibt es einige Stimmen in der Regierung, die den kleinen Mann unterstützen wollen. Unser Justizminister war einer von vier Kräften, die die den Gesetzesbeschluss  der Dekriminalisierung vorangetrieben haben. Wenn die Unterstützung für die einfachen Leute von so weit oben kommt und die Gestaltung so fair ist wie es den Anschein hat, ist das eine gute Sache. Wir können nur hoffen, dass am Ende wirklich die einfach Bauern von der Gesetzesänderung profitieren werden.

 

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Hat sich das alltägliche Leben der Menschen auf Jamaika bereits durch die Dekriminalisierung verändert?

 

Für Leute, die Cannabis als Genussmittel verwenden, ja. Länder wie Kanada stecken Milliarden in die Erforschung von medizinischem Marihuana. Davon sind wir noch weit entfernt. Ich denke, dies ist eine gute Sache, weil es bedeutet, dass sich ein Wirtschaftszweig daraus entwickeln wird und Menschen dort Arbeit finden können. Natürlich sollte eine solche Entwicklung transparent ablaufen, damit jeder verstehen kann, was passiert. Auf Jamaika gibt es momentan viele Investoren. Dieses Jahr fand der Cannabis Cup zum ersten Mal auf Jamaika in Negril statt. Das sind Meilensteine, wenn man bedenkt, was Jamaika für eine Geschichte in Bezug auf Cannabis hat. Ich habe allerdings das Gefühl, dass es in der Bevölkerung eine Menge Verwirrung gibt, wenn es darum geht zu wissen, was jetzt genau erlaubt ist und welche Rechte man hat.

Tony Rebell und ich veranstalten das Rebel Salute Festival. Die Regierung hat uns dazu berechtigt Ausnahmegenehmigungen an Gruppen wie die Rasta zu verteilen, für die Cannabis eine religiöse Bedeutung hat. Eine Show wie Rebel Salute, bei der es kein Fleisch und keinen Alkohol geben wird, richtet sich ganz klar an ein Rasta-Publikum, daher können unsere Besucher ihr Marihuana mitbringen, mit unserer Erlaubnis. In den Jahren zuvor hatten Leute immer wieder Probleme mit der Polizei deswegen. Jetzt ist vieles einfacher geworden.

 

Wie läuft das mit der Genehmigung von euch genau ab?

 

Die Menschen müssen sich an uns wenden und wir stellen ihnen dann einen Brief als Genehmigung aus. Das ist eine Menge Arbeit und ich denke, wir werden nicht jedem Einzelnen eine Genehmigung erteilen. Sie brauchen einen bestimmten Grund Cannabis mit sich führen zu wollen. Marihuana wurde entkriminalisiert, doch es ist deshalb noch lange nicht legal. Daher kommt auch der Großteil der Verwirrung.

 

Was wäre für dich die ideale Regulierung?

 

Momentan ist die Regelung, dass du zwei Unzen in deinem persönlichen Besitz haben darfst. Darüber hinaus wird nun ein Bußgeld fällig, anstatt die Leute einzusperren. Für mich wäre eine ideale Regelung, wenn sie Marihuana einfach industrialisieren würden, wie sie es mit Rohrzucker getan haben. Das war ein großer Erfolg. Die ganzen jungen Leute, die keine Ausbildung und kein richtiges Zuhause haben, wären froh auf den Marihuana-Feldern arbeitet und ihre Ernte exportieren zu können. Es ist erwiesen, dass Jamaika der perfekte Ort ist um die Pflanze anzubauen. Das Klima ist ideal und viele Menschen könnten so ein Einkommen finden. Die Regierung braucht für dieses Wandel sehr lange, doch der professionelle Anbau würde am meisten Sinn für alle machen. Vor einer Weile bin ich einem englischen Soldaten begegnet, der in der Armee verwundet wurde und seit dem im Rollstuhl sitzen muss. Er hat Marihuana-Öl verwendet, um sich zu heilen bis zu dem Punkt an dem er sogar wieder laufen konnte. Er glaubt fest an die Kraft der Pflanze und er hat es am eigenen Leib erfahren, was dieses Kraut bewirken kann. Darin liegt ein unglaublich großes Potenzial.

 

Dein Vater Derrick Morgan ist ein berühmter Musiker. Hast du dich je unter Druck gesetzt gefühlt dich an seinem Erfolg messen zu lassen?

 

Mehr als alles andere bin ich froh darüber, dass er am Leben ist. Abgesehen davon, dass er eine Berühmtheit ist, ist er mein Vater und es ist für jedes Kind gut, wenn der Vater da ist. Viele unserer Musiker sind vor ihrer Zeit gestorben. Mein Vater hatte immer viele geliebte Menschen um sich und eine Frau, die auf ihn aufpasst. Das ist wichtig. Der Druck besteht darin seinen Vater zu repräsentieren. Diesen Druck werden die Marleys auch verspüren. Ich kann damit angeben, dass es mein Vater war, der Bob Marley oder auch Jimmy Cliff in der Welt bekannt gemacht hat. Ich fühle die Liebe und den Respekt, wenn ich mit den Marleys zu tun habe. Wir sind gute Freunde und wir wissen woher wir kommen. Es bin dankbar und nehme diese Rolle gerne an. Es ist nichts worüber ich mir sorgen mache.

 

Momentan bist du dabei ein Album fertig zu stellen. Was kannst du uns über die neue Scheibe erzählen?

 

Ich habe damals schon an dem Album gearbeitet, als ich von meiner Schwangerschaft erfuhr. Jetzt habe ich die Arbeit wieder aufgenommen. Es soll im März 2016 herauskommen, damit wir es im Sommer auf den Festivals präsentieren können. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ich habe mich als Künstlerin weiterentwickelt und bin neue Wege gegangen. Auf dem Album ist ein Song drauf, den ich mit Junior Gong aufgenommen habe und der kein wirklicher Reggae Tune ist. Der Song ist sehr modern. Gleichzeitig habe ich aber auch viel der Old School Reggae Energie eingefangen. Ich freue mich auf die Veröffentlichung.

 

Vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast.

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