Freitag, 25. Dezember 2015

Die Amsterdamer Coffeeshops

 

Ein Interview zur aktuellen Lage

 

Autorin: Janika Takats

 

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Die relativ liberale Drogenpolitik und die dadurch entstandenen Coffeeshops in denen volljährige Kunden verschiedene Cannabis-Sorten frei käuflich erwerben können, sind weltbekannt. Viele Touristen zieht allein die Aussicht, einmal in der Öffentlichkeit ungestört und völlig angstfrei kiffen zu können, in die Stadt. Die genaue Rechtslage und die aktuellen Bestimmungen kennen hingegen die wenigsten. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir uns mit Karl, einem der Verfasser des ‚Coffeeshop Guide Amsterdam‘ getroffen, der uns Auskunft über die derzeitige Lage gibt. Karl wurde in Innsbruck geboren und ist gelernter Typograf. 2002 promovierte er in Geschichte und Philosophie an der Universität Wien. Seit 1995 ist er im Verlagswesen und als Autor tätig. Er lebt und arbeitet in Amsterdam.

 

 

 

Wo einigen Jahren habt ihr den Coffeeshop Guide für Amsterdam ins Leben gerufen. Wie kam es zu dieser Idee?

 

Damals fragte ich meinen Kollegen Roeland, der alles über Coffeeshops weiß, selbst eine Zeit lang in Dampkring II auf der Haarlemmerstraat gearbeitet hatte und einem spielerisch den Unterschied zwischen Sativa und Indicapflanzen erklären kann, so dass man es auch echt versteht, diesen Roeland fragte ich, ob so ein Buch oder eine App schon bestünde. „Nein“, sagte er, das dürfe man nicht! Coffeeshops dürfen keine Werbung machen! Aber wir sind doch kein Coffeeshop!

Am darauffolgenden Tag machten wir uns bereits auf die erste Tour, auf die noch viele folgen sollten. Wir besuchten alle Coffeeshops in der ganzen Stadt. Das passierte zunächst undercover, weil wir in Ruhe die Atmosphäre einfangen wollten. Später, in einer weiteren Runde, suchten wir auch das Gespräch mit den Besitzern der Coffeeshops. Aber wir sind und bleiben unabhängig und unserer Best-of-Liste kann man ganz gut vertrauen.

Die Gesetzgebung in den Niederlanden ist etwas vage, wenn es um Drogen geht. Coffeeshops, und der Gebrauch von weichen Drogen, wie Cannabis, ist nur geduldet und nicht gesetzlich erlaubt. In Deutschland wäre so eine Gesetzgebung völlig undenkbar. Aber das hat den Vorteil, dass man auf die gesellschaftlichen Veränderungen besser und schneller reagieren kann. In den 70er Jahren waren die Straßen in Amsterdam voll mit Kiffern. Damals war man mit dem Problem konfrontiert, ob man diese ins Gefängnis stecken sollte, oder einfach mal einsehen sollte, dass Cannabis ein neues Phänomen ist, das Teil in unserer Gesellschaft ist. Das machen die Niederländer sehr gut.

Unser Buch und unsere App, um das abzuschließen, wurden jedenfalls, auch wenn sie zur Popularisierung von Coffeeshops beitragen, noch nicht verboten.

 

Wie ist derzeit die rechtliche Lage in den Niederlanden in Bezug auf den Konsum von Cannabis? Und auf den Verkauf?

 

Wie gesagt: die ganze Drogengeschichte ist im Prinzip nur geduldet. Aber der Niederländer ist auch Kaufmann! Und als solcher weiß er, dass die offene Drogenpolitik dem Land, und besonders der Stadt Amsterdam, einiges an Tourismuseinnahmen bringt (übrigens wird das Geld nicht ganz schlecht verwaltet. Amsterdam hat 2015 das Kulturbudget um 20% angehoben. Wo gibt’s denn sowas?). Und damit kommen wir zur Wietpas-Geschichte, also darum, Ausländern den Zugang zu Coffeeshops zu verbieten: In Den Haag, dem Sitz der Regierung wurde entschieden, dass der Drogentourismus eingedämmt werden müsse, weil besonders in den südlichen Provinzen, deutsche, französische und belgische Touristen zu leicht an Drogen kämen. Das hat Den Haag sich nicht selbst ausgedacht, sondern die Niederlande werden seit vierzig Jahren von den Nachbar- und EU-Ländern hart unter Druck gesetzt. Besonders Frankreich und seit einiger Zeit auch Deutschland glauben sich da besonders in die Belange des kleineren Nachbarn einmischen zu müssen. Nachdem auch in den Niederlanden die Regierung konservativer wurde und leider auch etwas feiger, ein Phänomen der 2000er Jahre, war dieser Wietpas ein Kompromiss, mit dem man die Nachbarstaaten etwas besänftigen konnte. Na, die Geschichte geht aber noch weiter. Es lebt seit hunderten von Jahren ein Konflikt zwischen der Regierung in Den Haag und der Stadt Amsterdam fort. Den Haag, konservativ und um den Ausgleich bemüht, Amsterdam fast aggressiv seine Liberalität und Offenheit bewahrend.

Der Bürgermeister von Amsterdam reagierte auf die Ankündigung des Wietpasses mit einem kurzen: Bei uns sicher nicht!

 

Warum mussten in letzter Zeit so viele Shops geschlossen werden?

 

Das hat wiederum mit der Geschichte zwischen Den Haag und Amsterdam zu tun. Der Amsterdamer Bürgermeister konnte zwar den Wietpas verhindern, aber als Kompromiss musste er einem anderen Gesetz zustimmen. Und zwar dem, dass Coffeeshops nicht in der Nähe von Schulen liegen dürfen, das sogenannte „afstandskriterium“. Das kostete einer Reihe von Coffeeshops den Kopf. Dabei ergeben sich bizarre Geschichten, wie die einer Schule auf dem Nieuwezijds Voorburgwal. Ein paar Dutzend Schüler bloß, aber laut Gesetz waren zwölf Coffeeshops zu nahe. Shops, die teilweise seit über 25 Jahren dort beheimatet waren. Coffeeshopbesitzer sind sehr erfinderisch und haben auch das nötige Kapital. So kam die Idee auf, diese Schule einfach zu kaufen, um sie dann irgendwo anders abzusetzen. Der Direktor, der von der Idee hörte, sagte als erste Reaktion: „Ich sage mit Sicherheit nicht sofort: Nein!“ Leider kamen die Coffeeshopbesitzer mit diesem Vorschlag viel zu spät und jetzt mussten so feine Coffeeshops wie Homegrown Fantasy, Utopia oder eins der beiden Abraxas schließen.

Eine andere Geschichte ist die, dass in der Haarlemmerstraat eine Schule öffnen will, also in der Nähe von den Coffeeshops Barney’s und Greenhouse. Die Coffeeshops haben einen Anwalt eingeschaltet und so wie es aussieht, kann sich die Schule einen anderen Ort suchen, weil die Coffeeshops sonst schließen müssten.

 

Wie ist das Verhältnis zwischen den Coffeeshops und ihrer Nachbarschaft?

 

Eine weitere Maßnahme gegen die Coffeeshops ist das „Projekt 1012“. Da geht es um die Säuberung des Rotlichtviertels im Zentrum von Amsterdam. So ein reiches Bürschchen aus einer alten Amsterdamer Diamantendynastie, mit dem Namen Lodewijk Ascher, kam vor ein paar Jahren auf die tolle Idee, die Stadt müsse sauberer werden. Sauber hieß für Ihn: weniger Prostituierte hinter den roten Fenstern und weniger Coffeeshops. Leider war das reiche Bürschchen in der regierenden sozialistischen Partei in Amsterdam die Leiter bereits weit nach oben geklommen. Tja, Sozialismus ist auch nicht mehr das was es mal war. Was dazu führte, dass alles jetzt viel schöner ist! Viele Prostituierte verschwanden in dunkle Hinterzimmer, wo ihre in Amsterdam so hart erkämpften Rechte, wie Sozialversicherung und allgemeiner Schutz vor Zuhältern, geschändet werden können, und anstatt der Coffeeshops stehen jetzt stinkende Frittenbuden. Man ist inzwischen nicht mehr so glücklich mit dieser Regelung – und das reiche Bürschchen ist längst weitergereicht worden ins konservative Den Haag. Aber um Deine Frage konkret zu beantworten: Coffeeshops sind in Amsterdam Teil des Stadtbildes. Und nachdem spätestens nach dem Konsum des ersten Joints vom Gast keine bemerkenswerte Geräuschentwicklung kommt, kann man damit gut leben. In meiner Straße, drei Häuser weiter, liegt ein Coffeeshop – na und?

 

Werden weitere Shops schließen müssen?

 

Januar 2016 sollten wegen dieses „afstandkriteriums“ 15 weitere Coffeeshops geschlossen werden. Weil die ganze Situation so absurd ist, ist das aber gerade mal vom Tisch, und man wird im Sommer 2016 weiterüberlegen.

 

Dürfen neue eröffnet werden?

 

Nein! Na ja, aus sehr seltsamen Gründen, nämlich weil eigentlich eine Erlaubnis für mehr Coffeeshops besteht, wurden in der Stadt Utrecht gerade zwei neue Coffeeshops genehmigt. Aber für Amsterdam gibt es sowas nicht.

 

Gibt es in der Stadt Probleme mit kiffenden Touristen?

 

Haha, nein. Eher mit Rad fahrenden Touristen.

 

Wie wird Kiffen in der Öffentlichkeit gesellschaftlich gewertet?

 

Völlig normal. In Amsterdam darf man noch ein wenig anders sein, ohne dass sich jemand aufregt. 700 Jahre liberale Gesellschaft machen sich doch bezahlt. Kurzum: es interessiert kein Schwein, ob Du Dir einen fetten Joint in den Mund steckst.

 

Was würdest du Besuchern, die nach Amsterdam kommen zur Vorbereitung raten?

 

Schaut Euch verschiedene Coffeeshops an! Die sind so verschieden. Es gibt für jeden was. Es gibt dunkle Höhlen, wo man das Gefühl hat, etwas verbotenes zu tun – tut man natürlich nicht; es gibt offene Lounges wo irgendwo in einem Eck ein DJ seine Platten dreht; man kann an der Gracht sitzen und mit roten Augen auf ein Rundfahrtboot voll mit Japanern starren. Einfach herrlich.

 

Was sollte man in der Stadt beachten?

 

Die Radfahrer! Ich nenne sie die stille Gefahr. Ok, das war nicht die Antwort, die Du erwartest. Im Prinzip nichts. Jeder darf in der Stadt mit einem Joint rumlaufen, und sofern er anderen damit nicht lästig fällt, wird auch niemand was sagen. Fünf Gramm darf man offiziell im Hosensack haben, aber auch da wird nicht sofort geschossen. Überhaupt ist die Polizei in Amsterdam äußerst gelassen, um es mal so zu sagen. Da braucht es schon einiges, um im Gefängnis zu landen. (Wieder ein kleiner Ausflug: in den Niederlanden wurden kürzlich drei Gefängnisse geschlossen. Wegen Unterbelegung! Eines wurde an Norwegen vermietet. Da sitzen jetzt arme Norweger, die in der Heimat mit einem Joint in der Hand erwischt wurden.)

 

Ist die Mehrheit der Bevölkerung mit der aktuellen Regelung zufrieden?

 

Ja. Absolut. Die Bevölkerung in Amsterdam hat andere Probleme. Da geht es eher um die Popularität der Stadt. Amsterdam war immer ein beliebtes Touristenziel, aber was sich seit drei oder vier Jahren hier abspielt, ist völlig neu.

 

Was sind die aktuellen politischen Bestrebungen? Wie schätzt du die Tendenz zukünftiger Entwicklungen ein?

 

Wie ich schon ausgeführt habe. In der niederländischen Regierung sitzen Konservative, die unter Druck vom Ausland stehen, dem die Drogenpolitik der Niederlande ein Dorn im Auge ist. Amsterdam geht aber unerschrocken und hartnäckig seinen eigenen Weg. Und ich denke eigentlich, dass die bestehenden Coffeeshops jetzt einigermaßen Ruhe haben. Und wenn in ein paar Jahren ein oder zwei neue Coffeeshops in der Stadt erlaubt werden, dann finde ich das weniger absurd, als noch vor kurzem.

 

Welche Aufklärungsprogramme für den Umgang mit Cannabis gibt es?

 

Vor ein paar Monaten gab’s in Amsterdam drei tote Touristen, die mit Heroin kontaminiertes Kokain zu sich genommen hatten. Innerhalb von ein paar Stunden standen in der ganzen Stadt riesige Leuchtschriftanzeigen mit: Achtung! Es ist verunreinigtes Kokain im Umlauf!

Aber spezielle Aufklärungsprogramme? Keine Ahnung. Ich denke da gibt es nichts besonderes. Nicht anders als beim Umgang mit Alkohol. Die Diskussion über den Gebrauch von Genussmitteln ist aber allgemein auf sehr hohem Niveau. Und das schlägt sich auch auf die Bildungspolitik nieder. Die Niederlande ist ein sehr zivilisiertes Land mit einem sehr hohen Anteil an mündigen Bürgern. Und Cannabis ist Teil der Gesellschaft. Die Menschen rauchen sich gern mal einen Joint an. Das verstehen sie in den Niederlanden. Warum auch nicht.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

8 Antworten auf „Die Amsterdamer Coffeeshops

  1. Surak

    “If an elderly but distinguished scientist says that something is possible, he is almost certainly right; but if he says that it is impossible, he is very probably wrong.” (Arthur C. Clarke)

  2. Littleganja mit Ausnahmeerlaubnis

    Die 4 besten Coffeeshops in Amsterdam meiner Meinung nach:

    1. Green House (3x in Amsterdam, Greenhouse-Icolator ist das beste was die haben wenn es gibt kaufen!!!!! )
    2. Barneys (1A Weed – Laughing Buddha ist TOP, jede Menge Vaporizer)
    3. Grey Area (sehr guten Hasch, ausgefallene Weedsorten)
    4. 1e Hulp (kennt kaum jemand, Top Weed & Hasch, für Amsterdam relativ günstig!)

  3. mr.tola

    probiert auf jedenfall mal den coffeeshop russland,klein aber fein.humane preise und gutes material.war 83 mein erster shop den ich auf empfehlung besucht hab.nur 2oo meter vom redlight greenhouse(lol)

  4. keule

    „Da sitzen jetzt arme Norweger, die in der Heimat mit einem Joint in der Hand erwischt wurden.“

    Sicher nicht wegen einem Joint.Dort ist Cannabis ebenfalls bis 15gr nur eine Ordnungswidrigkeit und führt zu Geldstrafen. So oder so hat Helsinki eine sehr große Drogenszene, Cannabis ist da ein untergeordnetes Problem.

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