Samstag, 7. November 2015

In vino veritas

 

 

Von Sadhu van Hemp

 

Bild: freeimages.com / rodrigo reis
Bild: freeimages.com / rodrigo reis

 

 

Der Vielvölkerstaat Schland ist das Biosphärenreservat der Schluckspechte und Schnapsdrosseln. In Sachen Saufkultur herrscht einig Vaterland, und spätestens nach dem zweiten Glas lallen Friesen, Bayern und Sachsen ein und dasselbe Kauderwelsch. Dass das auch so bleibt, dafür sorgt die demokratisch legitimierte Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler. Unser Mädchen vom Hopfenhof ist die Schutzpatronin der Zechschwestern und Suffbrüder – und das ist auch gut so, für uns alle.

 

Ein dreifaches Prosit auf unsere oberste Trinkschwester von der CSU! Hart wie Kruppstahl steht sie ihren Mann im Anti-Drogen-Krieg auf vaterländischem Mutterboden, und nur ihr, ihr allein ist es zu verdanken, dass unsere Rauschkultur bis in alle Ewigkeit dem deutschen Reinheitsgebot folgen wird. Wie ihre Vorgängerinnen von SPD, FDP und Grünen weiß sie, was gut und was schlecht ist fürs Volk, wenn es darum geht, die im Grundgesetz zugesicherte Freiheit der freien Entfaltung auszuleben und sich aus Jux und Dollerei die Rübe wegzuknallen. Unverblümt spricht sie aus, was Nüchterne nicht mal denken – und das ist die im Wein gefundene „Wahrheit“ über Drogen. Und zu dieser Wahrheit gehört, dass des Deutschen Sauflust keine Volkskrankheit, sondern ein zu schützendes Weltkulturerbe ist.

 

Kurz gesagt, Marlene Mortler ist eine von uns! Auch wenn viele Hanffreunde das Gegenteil behaupten: Unsere kleine Anti-Alkoholabstinenzlerin aus Franken ist die Garantin dafür, dass in Deutschland die Biersonnen niemals untergehen, dass der Geist des Weines auch morgen noch des Volkes dunkle Seele ausleuchtet und der Blick in die Schnapsflasche unser aller Horizont erweitert. Ein Deutscher, der dem Trunk der Götter entsagt, ist kein halber und kein ganzer Germane, denn ohne Bier, Wein und Schnaps geht nichts zwischen Jever und den Klosterbrauereien Oberbayerns. Genaugenommen ist das Land der Piefkes ein einziges großes Drogenanbaugebiet samt dazugehörigen Drogenlaboren, wo das Lebergift gebraut, gekeltert und gebrannt wird. Dass sich daran bis dato nichts geändert hat, haben wir einzig und allein dem aufopferungsvollen Engagement unserer fürsorglichen Drogenbeauftragten zu verdanken, die alles unternimmt, um den unseligen Krieg gegen Drogen nicht auf die härteste Droge der Welt auszuweiten. Unvorstellbar der Gedanke, die Mortler würde sich dem alkoholabstinenten Gutmenschentum beugen und unsere heiligen Flüssigkeiten mit dem verbotenen Hanf auf eine Stufe stellen.

 

Nein, das wollen wir nicht wirklich, auch wir Hanffreunde nicht! Und mal Hand aufs Herz, liebe Lesende: Wer will schon wegen eines illegalen Willibechers, verbotenen Schoppens oder unerlaubten Schnäpperken sein bisschen bundesrepublikanische Existenz aufs Spiel setzen und am Ende genauso gelackmeiert dastehen wie ein ertappter Haschgiftjunkie? Wollen wir ernstlich, dass die Mortlerin zur Bundeskanzlerin flitzt und Mutti petzt, dass die Zeit überreif ist für ein Alkoholverbot?

Der Hanf ist illegal – und das muss vorerst genügen. Eine schleichende Alkoholprohibition dürfte auch nicht im Interesse der Hanf-Community sein: Der gemeine Hänfling, der bei Lieferengpässen seiner dringend benötigten Einstiegsdroge einen Affen schiebt, steigt in der Regel nicht auf Heroin, sondern auf die allzeit und überall verfügbare Ersatzdroge Alkohol um. Wer kifft, verzichtet nicht auf Alkohol – und umgekehrt.

Je lauter also die Legalisierungsbefürworter nach Gleichbehandlung schreien, desto wacher werden die Gesundheitsfaschisten, die keine Skrupel kennen, eine über Jahrhunderte gewachsene „Unkultur“ mal eben über Nacht einzustampfen. Das Rauchverbot in Kneipen belegt die Gefährlichkeit dieser lästigen „Spaßbremsen“, die nichts unversucht lassen, den „Genussmenschen“ einen Keuschheitsgürtel anzulegen.

 

So gesehen ist der Schrei der kriminalisierten Hänflinge, ihr Genussmittel zuzulassen, weil ja auch die weitaus gefährlichere Droge Alkohol legal hergestellt, gehandelt und konsumiert werden darf, der Sache ganz und gar nicht dienlich. Die Forderung, der Gesetzgeber möge doch den allgemeinen Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG anwenden und wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich behandeln, diese Forderung bringt unsere Volksvertreter gehörig ins Schwitzen und könnte eins, zwei, drei nach hinten losgehen. Immer öfter kürzen unsere Antidrogenkrieger die Diskussion über die Re-Legalisierung des Hanfes mit dem Argument ab, dass eine weitere legale Droge nur noch mehr Probleme verursachen würde. Der konsequente Alkoholmissbrauch der Deutschen schade dem Volkswohl schon jetzt in einem Maße, das kaum mehr auf Besserung zu hoffen ist – sofern nicht gehandelt wird.

 

Und Recht haben sie, die Fachspezialexperten, die sich mit den Auswüchsen einer zügellosen Saufkultur auseinandersetzen müssen. Der Gewerkschaftsfritze der Polizei, Rainer Wendt, weiß sehr wohl, wovon er spricht, wenn er den Hanf verteufelt. Aus seiner Sicht sind Kiffer nur eine zusätzliche Belastung für seine Kollegen, die ohnehin schon sieben Tage die Woche rund um die Uhr mit Latexhandschuhen bewaffnet den Dreck einsammeln, den so eine versoffene Gesellschaft hinterlässt. Dass dieser Subkultur Einhalt geboten werden muss, dürfte selbst dem härtesten Hanfveteran in den Sinn kommen, wenn er sich so im öffentlichen Raum umschaut. Doch wie soll der Gesetzgeber dem Volk eine Teil-Prohibition verklickern, ohne dass gleich ein Bürgerkrieg ausbricht? Und dieser notwendige Schritt zum Erhalt einer funktionierenden, also nüchternen Gesellschaft gelingt schon gar nicht, wenn zugleich den Kiffern der berauschende Rauch freigegeben wird.

 

Wer unsere Drogenbeauftragte kennt, der weiß, dass sie weiß, dass sie Lügengeschichten über die Gefährlichkeit des Hanfes erzählt. Doch nicht Dummheit spricht aus ihrem Munde, sondern weitsichtige Klugheit. Der Glaube der Hanf-Community, unsere Marlene stünde auf der falschen Seite, der irrt – aber mächtig-gewaltig. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten wird sie ihrem Chef, Gesundheitsminister Gröhe (CDU), in Sachen Hanf zuarbeiten. Es wird ein paar Gesetzesentwürfe zur besseren Versorgung mit Medizinalhanf geben und vielleicht auch eine Entschärfung der Verwaltungsvorschriften der Fahrerlaubnisbehörden.

Marlene Mortlers wichtigste Aufgabe ist jedoch eine ganz andere – nämlich die Balance zwischen unserer Trinkkultur und Anstand und Sitte zu halten. Dieser Drahtseilakt könnte riskanter nicht sein, denn ein falscher Schritt, und Millionen Menschen, die von der deutschen Saufkultur ihre Familien ernähren, werden in Hunger und Not gestürzt.

 

Die Hanf-Community will den Vorwärtsgang einlegen, doch aus gesellschaftspolitischer Sicht gilt es zurückzurudern und die leicht pervertierte Saufkultur wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Das heißt im Klartext: Daumenschrauben müssen her, für Konsumenten wie für Produzenten. Dass das nicht allzu wehtut, dafür sorgt auf eindrucksvolle Weise unsere von den Hanffreunden zu Unrecht geschmähte Marlene Mortler. Sie weiß, wie man ehrlich schwindelt, ohne dass es einer merkt. Obwohl sie im Bilde darüber ist, dass der zunehmende Alkoholmissbrauch in unserer auch geistig verwahrlosten Gesellschaft ein gewaltiges Problem darstellt, macht sie gute Miene zum bösen Spiel und hofiert die Profiteure des Brauchtums. Wer genau hinguckt, sieht eine Frau, mit der selbst ein „besorgter Bürger“ aus Sachsen aus Dankbarkeit und innerer Überzeugung auf die Zukunft anstoßen würde. Schließlich ist Alkohol das Lebenselixier der Deutschen, das noch jeden Miesepeter und jede Heulsuse locker und mutig macht.

In vino veritas, sagt der Lateiner. Wie neulich in der Berliner S-Bahn, als ein von unserer Drogenbeauftragten beschützter Trinkbruder – nachdem er sein Gehirn in Alkohol eingelegt hatte – endlich seine Schüchternheit überwand und hemmungslos original altdeutschen Feingeist zeigte: Vor aller Augen fingerte der Traumschwiegersohn aller Pegida-Mütter sein Fortpflanzungsorgan heraus, strullerte zwei Kleinkinder an und grunzte in perfektem Boris-Becker-Nuscheldeutsch: „Ich stolz, Deutscher zu bin“.

 

Wir sehen: Das Ventil der deutschen Seele ist die Trinklust, die in allen Lebenslagen der Wahrheitsfindung dient und noch jedem Deutschen die passende Gelegenheit bietet, die im Rum gefundene Wahrheit auch auszusprechen. In diesem Sinne können wir Marlene Mortler nur größten Respekt zollen, denn ohne ihre hartnäckige Rückgratlosigkeit in der Alkoholsuchtbekämpfung wären Hopfen und Malz im Abendland längst verloren.

 

5 Antworten auf „In vino veritas

  1. Surak

    „Siegreiche Kämpfer gewinnen zunächst und ziehen erst dann in den Krieg. Unterlegene Kämpfer ziehen zunächst in den Krieg und streben erst dann den Sieg an.“ (Sun Tzu)

  2. Fanny

    „Unser Mädchen vom Hopfenhof ist die Schutzpatronin der Zechschwestern und Suffbrüder“
    So sieht’s aus! Besser kann man es nicht sagen!

  3. Ralf

    @Littleganja

    So? Sadhu van Hemp ist also ein Substanzfaschist? Dann sage mir doch mal wieviele Leben er durch seine Schergen und Justizmafia hat kaputt machen lassen? Oder befehligt er etwa gar keine bewaffneten uniformierten Horden, die in anderer Leute Häuser einbrechen ? Dann ist er wohl auch kein Substanzfaschist oder ?

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