Montag, 10. August 2015

Interviews von der Hanfparade 2015

Drei aus 10.000

 

von Florian Rister

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Die Hanfparade lockt nicht nur typische Klischee-Kiffer an, sondern viele tausend verschiedene Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Wir haben exemplarisch drei verschiedene Besucher zu ihren Erfahrungen bei der Demo und ihrem persönlichen Hintergrund befragt.

 

Die beiden Freundinnen Jessi und Clara sind 20 und 21 Jahre alt und kommen aus Berlin. Wir treffen sie auf der Abschlusskundgebung, wo sie ausgelassen zwischen den Ständen umherlaufen.

 

HaJo: Hallo ihr Beiden. Euch gehts gut?

 

Jessi: Ja, super. Ein klein wenig kaputt von der Hitze, aber wir halten durch.

 

HaJo: Wart ihr schon mal auf der Hanfparade oder ist das eure erste?

 

Clara: Wir sind beide das erste Mal hier. Wir waren vor ein paar Wochen auf dem „Zug der Liebe“ hier in Berlin, da haben wir einen Flyer zur Hanfparade bekommen und jemand meinte, das sei ähnlich. Also war uns klar, dass wir hier hinmüssen.

 

Jessi: Es ist einfach super cool mit so vielen Leuten auf der Straße an den Geschäften und Büros vorbeizutanzen. Mal zeigen, das es auch anders geht. Ich finds einfach toll, das sowas hier in Berlin möglich ist. Soviel Freiheit hat man nicht oft.

 

HaJo: Was war denn aus eurer Sicht besser, der „Zug der Liebe“ oder die Parade?

 

Jessi lacht: Also beim Zug der Liebe war die Stimmung irgendwie intensiver. Andere Drogen vielleicht… Hier sind schon einige Leute ziemlich stoned und latschen eigentlich nur noch so mit. Dafür gibt es hier auf der Abschlussparty sogar Livebands und viele Stände. Das ist schon besser gemacht irgendwie.

 

HaJo: Wie steht ihr denn zur Legalisierung von Cannabis? Das ist ja hier die zentrale Forderung der Demonstration.

 

Jessi grinst: Also ich bin voll dafür!

 

Clara: Ich auch. Ich habe noch nie kapiert, warum Gras verboten ist und Alkohol erlaubt. An Alkohol sterben so viele Menschen…

 

HaJo: Konsumiert ihr auch selber Cannabis?

 

Jessi: Ja klar, kommt schon mal vor. Aber wir gehen lieber feiern als irgendwo bekifft in der Ecke rumzusitzen. Das Kiffen ist dann eher so nach dem Weggehen morgens zum runterkommen.

 

Clara: Das ist bei mir ähnlich. Als ich noch in der Schule war habe ich ein Jahr lang viel gekifft, das hat mir nicht so gut getan. Mir fehlte da ein bißchen das aktive, lebendige daran. Aber wie Jessi schon sagte, manchmal rauche ich einen oder zwei Joints nach dem Feiern. Sonst eher selten.

 

HaJo: Also nehmt ihr lieber andere Drogen?

 

Clara: Kein Kommentar.

 

HaJo: Was glaubt ihr, wie lange wird es noch dauern, bis Cannabis legal ist?

 

Clara: Ich weiß es nicht. Ich verfolge das Ganze jetzt nicht so genau.

 

Jessi: Ich habe neulich gelesen, dass die Grünen es 2017 legalisieren wollen. Das wäre cool. Aber so richtig vorstellen kann ich es mir nicht.

 

HaJo: Und werdet ihr nächstes Jahr wieder zur Hanfparade kommen?

 

Clara: Ich denke schon, wenn ich Zeit habe.

 

Jessi: Ich bin nächstes Jahr im Ausland, aber vielleicht später irgendwann mal wieder.

 

HaJo: Gibt es sonst noch was, das ihr unseren Lesern mitteilen wollt?

 

Clara: Kifft nicht so viel! Man kann viel Zeit damit verschwenden. Es ist auch nicht cool mit Leuten rumzuhängen die morgens schon den ersten Joint geraucht haben und kaum mit der Welt klarkommen. Lieber mal abends im passenden Setting einen rauchen, als sein ganzes Leben damit zu verschwenden. Dann ist Cannabis auch ein richtiger Gewinn an Lebensqualität und Freude!

 

HaJo: Danke für das Interview und euch noch viel Spaß.

 

 

 

 

 

 

Andreas ist 35, Bayer und trägt ein großes Schild auf dem das diesjährige Motto der Hanfparade steht: „Nutzt Hanf!“ Nachdem wir bereits auf der Cannabismesse in München mit ihm Bekanntschaft gemacht haben, berichtet er uns am späten Abend nach der Parade von seinen Erlebnissen in Berlin.

 

HaJo: Hallo Andreas. Alles gut? Du hattest ja eine weite Reise, erzähl mal wie es war.

 

Andreas: Ja also ich komme aus einem kleinen Ort westlich von München.

Dieses Jahr wollte ich unbedingt mal zur Parade nach Berlin hochkommen und mir das Spektakel persönlich anschauen. Jetzt haben leider die beiden Kumpels von mir, die mit mir zusammen fahren wollten, ein paar Wochen vorher abgesagt. Erst wollte ich zu Hause bleiben, dann habe ich mir doch ein Fernbusticket besorgt und bin alleine hochgekommen.

Die Fahrt war ziemlich lang. 9 Stunden im engen Bus, super ätzend. Ich wollte eigentlich im Bus schlafen, das hat dann aber nicht so richtig geklappt. Dann kam ich heute morgen um 8 in Berlin an und musste mir erstmal noch die Zeit vertreiben, bevor es losging. Jetzt bin ich ziemlich durch eigentlich, aber es hat sich doch gelohnt. Was für eine fette Demo, gute Stimmung und Cannabis-freundliche Bullen. Ich hatte auf jeden Fall viel Spaß.

 

HaJo: Hast du dir aus Bayern etwas zu rauchen mitgebracht, oder wie machst du das?

 

Andreas: Ich glaube ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage das ich da jemanden kennengelernt habe, der mich in Berlin versorgt. Der hat mir das freundlicherweise sogar heute morgen hier mit zur Demo gebracht, was ja schon ein gewisses Risiko ist. Falls derjenige es liest: Vielen Dank!

 

HaJo: Das heißt, du hast auch hier auf der Demo konsumiert?

 

Andreas: Na klar, hier kiffen doch irgendwie alle. Die Polizei hat soweit ich das mitgekriegt habe immer weggeschaut. Sogar bei Bongrauchern. Da mache ich mir keine Sorgen. Klar, als Bayer ist man schon grundsätzlich immer etwas vorsichtiger. Aber auf Hanfdemos in München zündet auch manchmal jemand nen Joint an. Solange man in der Menschenmenge ist, werden die Bullen einen schon nicht rausholen. Hier bei der Hanfparade wäre es doch völlig lächerlich, wenn sie deswegen Stress machen.

 

HaJo: Dafür hat die Polizei Essen beschlagnahmt, was bei der Abschlusskundgebung an Demoteilnehmer, Mitarbeiter und Bands verschenkt werden sollte. Hast du das mitbekommen?

 

Andreas: Ja. Ich habe den Riesen Haufen Lebensmittel gesehen, den sie da am Ende mit 30 Mann bewacht haben. Das ist eigentlich ein Riesen Skandal. Das ganze Essen wird weggeworfen, während die Demoteilnehmer bei 35 Grad und 6-8 Stunden Dauer nichts zu Essen bekommen. Damit gefährden die Jungs in Grün krass die Gesundheit der Teilnehmer und zeigen wieder mal, wessen Geistes Kind sie sind. Ich könnte kotzen, wenn ich so ein Verhalten sehe. Das ist reine Schikane. Ich hoffe sehr, dass sich die Polizei für dieses Verhalten wird rechtfertigen müssen.

 

HaJo: Abgesehen von dieser Aktion, gab es sonst noch etwas, was dir nicht gefallen hat?

 

Andreas: Hm… Die Hitze? Nein im Ernst, eigentlich war alles super.

Klar hätten es auch doppelt oder dreimal soviele Leute sein können.

Nein, es sollten natürlich doppelt oder dreimal so viele sein. Aber eigentlich gibt es aus meiner Sicht fast nichts zu bemängeln, was die Organisatoren anders machen könnten. Die Strecke war gut, es gab interessante Reden und musikalisch war auch einiges geboten. Was will man mehr?

 

HaJo: Du bist jetzt 9 Stunden angereist und fährst morgen wieder das Gleiche zurück. Was glaubst du, warum die hunderttausenden Berliner Kiffer den Weg zur Parade nicht auf sich nehmen, während Leute wie du keine Kosten und Mühen scheuen, um dabei zu sein?

 

Andreas: Keine Ahnung, gute Frage. Vielleicht gibt es hier in Berlin weniger Problembewußtsein. Also weil Cannabis so gut verfügbar ist und die Polizei selten was macht, setzen sich die Leute nicht dafür ein.

Aber eigentlich sind hier ja schon auch einige Berliner. Würde ein ähnlicher Prozentsatz der Münchner Kiffer jedes Jahr einmal für die Sache demonstrieren, wäre ich schon happy.

Bei mir ist die Motivation etwas zu machen halt auch sehr stark, weil ich Patient und auf Cannabis angewiesen bin. Ich habe Multiple Sklerose, ohne Cannabis würde ich wahrscheinlich keine 5 Kilometer mehr laufen können. Aber weil ich keine Spastiken habe, zahlt die Kasse kein Sativex. Privat kann ich es mir nicht leisten, obwohl ich ein Rezept habe. Die Situation ist für mich langfristig unerträglich, es muss sich etwas ändern. Deswegen bin ich hier, auch wenn es natürlich eine große Anstrengung ist.

 

HaJo: Hast du schon einen Antrag auf eine Ausnahmegenehmigung gestellt?

 

Andreas: Ich bereite grade alles dafür vor. Ich denke in 2-4 Wochen kann ich den Antrag abschicken und darf dann gespannt auf die Antwort vom BfArM warten. Das legale Gras aus der Apotheke könnte ich mir natürlich auch nicht regelmäßig leisten, ich würde mich weiterhin aus dunklen Kanälen versorgen. Deswegen: Es muss eine politische Änderung her.

Dieser ganze Scheiß kann nicht so weitergehen!

 

HaJo: Da können wir dir nur zustimmen und wünschen dir viel Ausdauer und Erfolg bei deinem weiteren Weg.

 

Andreas: Danke, vielleicht sehen wir uns ja bald mal wieder. Ich werde der Legalisierungsszene auf jeden Fall erhalten bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

Carsten (51) wohnt in Berlin und geht schon länger zur Hanfparade. Sein

Fazit: So gut wars lange nicht

 

HaJo: Hallo Carsten, schön dich zu sehen. Du bist auch jedes Jahr hier, oder?

 

Carsten: Fast. Es ist mir schon sehr wichtig. Ich kiffe für mein Leben gern und ich habe seit meiner Jugend nicht verstanden, warum die Cannabis-User sich verstecken müssen. Mein Vater hat auch manchmal gekifft, der hatte in den 70ern studiert und da war das laut seiner Aussage normal. Aber er hat mir früh beigebracht, das ansonsten keinem zu erzählen. Ich hab dann ein paar Jahre in Holland gearbeitet und ganz

ehrlich: Ich habe nie so wenig gekifft, wie in Holland. Es war immer verfügbar und gut, aber irgendwie weniger spannend und abenteuerlich.

Man holt sich in Holland auch keine 10 Gramm, sondern eher mal zwei oder so.

 

HaJo: Wann war deine erste Parade?

 

Carsten: Das muss 2003 gewesen sein glaube ich. Als Hans Christian Ströbele die berühmte „Gebt das Hanf frei“ Rede gehalten hat, und Stefan Raab sein komisches Lied daraus gemacht hat. Danach ging es erstmal bergab mit der Hanfparade, aber ich bin trotzdem immer hingegangen. Die ersten Jahre dann immer ohne Dope in der Tasche, weil die Cops viel kontrolliert haben. Mittlerweile ist ja wieder entspannter was das angeht.

 

HaJo: Und wie hat es dir dieses Jahr gefallen?

 

Carsten: Ich fands schön. So gut war es lange nicht mehr. Das es auf der Abschlusskundgebung nichts zu Essen und zu Trinken käuflich zu erwerben gibt, ist natürlich ein Dauerproblem. Nach mehreren Stunden laufen und Party machen müssen die Leute was essen, deswegen gehen viele früher weg, als sie eigentlich wollen.

 

HaJo: Du weißt, dass die Polizei dieses Jahr Lebensmittel beschlagnahmt hat?

 

Carsten: Nein, das wusste ich nicht. Warum denn das?

 

HaJo: Vielleicht zur Gefahrenabwehr? *Lach* Wir wissen es auch nicht genau, das Essen sollte wohl an Bedürftige verschenkt werden. Was glaubst du, wie lange müssen wir noch zur Parade gehen? wann wird Cannabis in Deutschland legal?

 

Carsten: Ach, im Moment ist die Stimmung ja ganz gut. Aber das war sie früher ja auch schonmal. Letztendlich hängt es von so vielen Faktoren ab, wie sollte man da eine Aussage treffen? Die Masse an Menschen hier auf der Parade ist ja mittlerweile schon recht ordentlich, aber immer noch viel zu wenig um im Bundestag Eindruck zu machen. Da muss einfach mehr kommen, finde ich. Wir müssen nicht nur für die Legalisierung eintreten, sondern auch für die richtige Art von Legalisierung. Wenn wir uns jetzt zurücklehnen und einfach abwarten, drücken die uns ein krass kommerzielles System mit hohen Steuern und sinnlosen Regularien rein.

Ich will aber meine Pflänzchen im Garten haben, ohne Heckmeck mit Anmeldung, Lizenz oder ähnlichem. Brauche ich für meine Engelstrompete ja auch nicht, obwohl die wirklich gefährlich ist!

 

HaJo: Das ist natürlich richtig… Was glaubst du, wieviele Leute heute hier waren?

 

Carsten: Schwer zu schätzen. 10.000 ? Dürfte ungefähr hinkommen.

 

HaJo: Wie denkst du, könnte man in Zukunft mehr Leute zur Hanfparade bewegen?

 

Carsten: Gras verschenken. Ein Gramm pro Teilnehmer, dann stehen im nächsten Jahr ein paar hunderttausend Leute hier. Darauf wette ich meine nächste Ernte.

 

HaJo: Interessante Idee, aber es gibt ja auch viele andere coole Sachen. Was war denn dein persönliches Lieblingsereignis in deinen vielen Jahren Hanfparade?

 

Carsten: Da gabs einige. Fällt mir jetzt schwer eins auszuwählen.

Vielleicht der Polizeieinsatz als Doktor Hanf, einer der ersten Patienten mit Ausnahmegenehmigung seinen Joint behalten durfte und die Menge danach jubelte, das war schon fett. Aber ganz ehrlich: Es gab so viele coole Momente in den letzten Jahren und es wird noch so viele weitere geben. Die Mischung machts.

 

HaJo: Dann vielen Dank für das Interview und viel Spaß noch.

 

Carsten: Ich danke euch für eure Arbeit. Macht fleißig weiter so. Und liebe Leser: Kommt zur Hanfparade 2016! Es lohnt sich.

 

 

5 Antworten auf „Interviews von der Hanfparade 2015

  1. Opfer

    Die Hanfparade war mal so richtig scheiße. Diesmal hat uns nämlich nicht die Polizei beklaut, sondern echte Diebe haben uns zwei Rücksäcke abgezogen. Waren drei oder vier Spanier(?), die uns geschickt abgelenkt haben und hintenrum zugegriffen haben. Zum Kotzen ist das!

  2. Der Dude

    Fun Fact: Auf dem Meininger-Hotel-Dach neben dem HBF habe Ich bereits den einen oder anderen geraucht.

  3. Mörnest

    Das liegt aber an Berlin und nicht an der Hanfparade. Das waren dreckige Taschendiebe die immer am Haupbahnhof, am Alex, am Bahnhof Zoo und wer weis wo noch überall, Touristen beklauen. Ich vermute mal das waren auch keine Spanier, sondern eher Rumänen. Letztere kommen aus extrem armen Verhältnissen, da kann ich mir das eher vorstellen als bei Spanier. Aber eigentlich auch egal. Ist so oder so extremste Scheisse.

  4. Mörnest

    Ich fand diese Parade bis zum Kreislaufkolaps wegen Hitze Geil. Wir haben leider nur bis zur ersten Kundgebung ausgehalten, dann sind wir zu Meile und wollten im Park abkühlen und das war dann das Ende. Vielleicht sollte ich bei so ner Hitze und nach dem laufen nicht im Park kiffen. Beim nächsten Mal weiß ich es besser, bin halt keine 25 mehr. Aber ich hatte das Gefühl, das die Menge auf dem Weg auf das dreifache vom Platz angewachsen war. Auch freute es mich, das Steffen Geyer und Valclav Wenzel ihr Missverständnis klären konnten und gezeigt haben, nur gemeinsam sind wir stark, auch wenn es wohl am Ende zu nicht ganz so schönen Szenen kam. Nächstes Jahr hoffe ich auf eine Schäfchenbewölkung, schön Blau Weiß, damit es nicht ganz so Heiß wird.

  5. Hanne Vitzthum

    ein großartiges Ereignis.
    Wärmetest bestanden dank der Wasserhähne zum kostenlosen erfrischen.
    Das SonneMondSterne Festival findet immer am gleichen Wochenende statt.
    Das ist ein Fehler,
    weil die Hanfparade mehr Unterstützung finden würde.
    Das Tempo vom Demozug war zu schnell. Rennen war angesagt.
    War ich vorne , mußte ich weiter rennen,
    konnte nicht mal tanzen zur super Musik.
    Es braucht einen besseren Zeitplan.
    Ich freue mich auf das nächste Jahr.
    Hanf legal 2017 !

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