Sonntag, 23. November 2014

Wer einmal in die Röhre guckt

von Sadhu van Hemp

 

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Der Durchschnittsdeutsche verbringt täglich 242 Minuten vor der Glotze – Tendenz steigend. Das sind vier Stunden, in denen sich Otto und Ottilie Normalverbraucher von Quizsendungen, Seifenopern, Talkshows und Werbespots berieseln lassen. Schon die Nationalsozialisten wussten um das Potential des Wunderkastens, dessen suggestive Kraft Menschen zum Guten, aber auch zum Bösen lenken kann.

 

1935 in Berlin war’s, als der erste regelmäßige TV-Sendedienst der Welt seine Wellen in den Äther schickte und das Rudelglotzen in Mode kam. Zu sehen gab’s Ufa-Schmonzetten, „Wochenschau“-Berichte und natürlich den Führer samt seiner Saubande – und das auch schon mal per Live-Stream vom Reichsparteitag. Sogar das weibliche Publikum hatte eigene Sendungen wie „Gesunde Frau – Gesundes Volk“ und „Die Hausfrau im Kriege“. Die Welt staunte nicht schlecht über die deutsche TV-Elektrik-Trick, die immerhin 25 Bilder pro Sekunde in den Flimmerkasten zauberte und ungeahnte Möglichkeiten in Sachen Volksverblödung eröffnete. Doch so weit sollte es (noch) nicht kommen: 1944 drehten alliierte Bomber den Fernsehmachern den Saft ab – und es ward wieder dunkel in den Wohnstuben.

 
Erst 1952 ging das deutsche Staatsfernsehen unter Kuratel der vier Schutzmächte wieder auf Sendung – und das wie gehabt zu Propagandazwecken. Nun führten die Deutschen vom Sofa aus Krieg – zwar nur einen kalten, aber die Mattscheiben dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs liefen dennoch heiß. Der Bruderkrieg via TV-Antenne war ein Kampf der Kulturen, und die „Re-Education“ der Germanen konnte gegensätzlicher nicht ausfallen. Der Westen entnazifizierte seine Fernsehzuschauer mit Western und Heimatschnulzen, der Osten mit Anti-Kriegs-Epen. Jede Sendeminute unterlag strengster ideologischer Zensur – und das meist auf freiwilliger Basis. Unvergessen bleiben die Hetztiraden der Chef-Propagandisten Gerhard Löwenthal („Adenauer-Fernsehen“) und Karl-Eduard von Schnitzler („Sudel-Ede“), die wöchentlich im Dreck des anderen wühlten und sich damit bewarfen.

 

 

Mitte der Sechziger Jahre verfügten bereits sieben Millionen Haushalte über das Prestigeobjekt, das neben dem eigenen Auto dem Bundesbürger Glückseligkeit versprach. Erstmals klagten Buchverlage, Theater und Kintopp über Umsatzeinbußen. Kein Wunder, schuf doch die Television einen völlig neuen Typus Mensch, für den die Möbelindustrie sogar eine spezielle Sitzgelegenheit erfand – den Fernsehsessel. Fortan blieb der Deutsche zu Hause, wenn es um Kunst und Kultur ging.

 
Welchen Zauber das Fernsehen auf die Menschen seinerzeit ausübte, zeigt der Skandal um den Kabarettisten Wolfgang Neuss. 1962 fegte der Krimi-Mehrteiler „Das Halstuch“ mit einer Einschaltquote von 89% die Straßen Westdeutschlands leer – und das ärgerte den Werwolfgang. Denn die Kinos, in denen gerade seine selbstfinanzierte Filmsatire „Genosse Münchhausen“ anlief, blieben leer. Kurzerhand schaltete der Schelm eine Zeitungsannonce, die vorab den Mörder verriet und die ganze Nation auf die Palme brachte.
Damit hatte die „Rote Laus im Berliner Bärenpelz“ den Rubikon weit, sehr weit überschritten und die BILD-Zeitung gab den Haschbruder als „Vaterlandsverräter“ zum Abschuss frei. Morddrohungen folgten, obwohl Neuss immer wieder versicherte, dass nicht er, sondern seine Mutter die Schuldige sei, weil die den Mörder richtig geraten habe.
Doch der Beweis war erbracht, die Macht des Fernsehens kann ein ganzes Volk soweit deformieren und manipulieren, dass dabei auch schon mal Lynchjustiz herauskommen kann.

 

Mit Anbruch des „Roten Jahrzehnts“ wurde die Fernsehwelt in Ost und West bunt und die Bundesdeutschen sahen die Farbe, die an den Händen des großen Bruders aus Amerika klebte. Zudem gab die Satellitentechnik den Blick auf die Krisengebiete der immer enger werdenden Welt frei – zum Missbehagen derer, die angesichts der ausufernden öffentlich-rechtlichen Fernsehkultur um ihr Herrscherwissen fürchteten. Zudem entwickelte sich mit den Dritten Programmen so etwas wie ein gesellschaftskritisches Bildungsfernsehen, das die Bürger eher aufschreckte, denn einlullte. Denkwürdig war u.a. Wolfgang Menges fiktive Pseudo Doku „Smog“ (1973), gegen deren Ausstrahlung Politik und Industrielobby Sturm liefen. Tatsächlich stand die Frage im Raum, wem das Fernsehen gehört: dem Volk oder den Bonzen? Die Antwort gab im gleichen Jahr der Bayerische Rundfunk mit dem Sendeverbot für die Kindersendung „Sesamstraße“. Auch der Kabarettist Dieter Hildebrandt erhielt von ZDF und BR „Denkpausen“ verpasst. Nicht anders erging es den Kollegen in der DDR: Wer zwischen den Zeilen konterrevolutionär klang oder in der DFF-Kantine unanständige Witze über die Sittenwächter riss, durfte Däumchen drehen.

 

Mit der Ära Kohl hielt die „political correctness“ Einzug ins bundesdeutsche Fernsehen. Die Zeiten, als der beschwipste Alt-Nazi Werner Höfer zum „Internationalen Frühschoppen“ einlud und mit seinen Gästen das Studio mit Tabakqualm einnebelte, neigten sich dem Ende. Fortan lasen spröde Quoten-Frauen die Bundesligaergebnisse vor, und sonntags freute sich Papi auf „Schimanski“ und Mutti auf die „Lindenstraße“. Zwar spuckten in Talkshows ab und an noch ein paar Spaßguerilleros wie Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Wolfgang Neuss in die Kondenssoße von ARD und ZDF, aber die Zeit der Hippies und Träumer war abgelaufen. Wer in Deutschland Fernsehkultur machen wollte, schnitt sich die Zotteln ab und kiffte nur noch heimlich auf dem Klo.
Die Romantik des aufgeblasenen gebührenpflichtigen Qualitätsfernsehens hatte fertig, und die die ersten Totengräber traten auf den Plan. Die neue Generation witterte das große Geld, das mit tumber Massenbespaßung beschafft werden sollte. Der endgültige Paradigmenwechsel in der bundesdeutschen Fernsehlandschaft erfolgte 1984 mit der Zulassung des ersten Privatsenders. Pünktlich zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten anno 1990 war es dann so weit: RTL brach mit der Erotik-Show „Tutti Frutti“ alle Regeln des guten Geschmacks, und seitdem ist alles erlaubt, was niveauloser nicht sein kann. „Derrick“ reichte noch ein Mordopfer pro Folge, Tatortkommissar Till Schweiger richtet erst einmal selbst ein Blutbad an, bevor er seinen blanken Knackarsch als Wichsvorlage in die Kamera hält.

 

Das Leitmedium TV hat uns zu Voyeuren degradiert, die sich wie kleine Kinder mit Märchen und billigen Klischees verzücken lassen und gar nicht merken, dass sie längst in der Matrix des Fernsehens gefangen sind. Heidi Klum formt mit ihrer Talentshow Geschmack und Stil einer ganzen Mädchengeneration. Arzt- und Krankenhausserien machen Senioren für die Reklame des Pharmakartells empfänglich, während Sportsendungen unter dem Motto „KEINE MACHT DEN DROGEN“ von den Bierbrauern gesponsert werden. Die Kunst ist nur noch Mittel zum Zweck: Statt Kultur gibt’s Dummquatschen bei Markus Lanz, denn bildungsnahe Zuschauer bringen keine Einschaltquote, somit auch keine Werbeeineinahmen. Die Dienstanweisung lautet: Immer schön in der Mitte bleiben und möglichst allen gerecht werden.

 

Ja, und man will es kaum glauben, selbst der Hanffreund kommt auf seine Kosten, wenn die Fernsehmacher lustige Kifferklischees verwursten. Besonders eifrig ist der RBB, der alle paar Tage spannende Bilder aus Deutschlands größtem Freiluft-Coffeeshop ins Wohnzimmer liefert. Das geht unter die Haut, wenn ein Horde Judge-Dredd-Doppelgänger kleine Neger im Görlitzer Park wie Hasen jagt und das Fell gerbt. Da blüht sie auf, die deutsche Volksseele, in der so viel Hass und Rassismus schlummert! Und das zu Recht, schließlich hat der „Weltspiegel“ in seinen Reportagen über Jahre bewiesen, dass die Moslems allesamt Dschihadisten sind, die mit Drogengeldern ihre Waffen bei uns bezahlen. Empfehlenswert auch die Reality Soaps des Unterschichtfernsehens, wenn eine schwangere Mandy „Toto & Harry“ anheuert, damit die ihren Freund Dustin beim Grasdealen auf dem Schulhof ertappen. Und welcher Komiker heitert sein Publikum heutzutage nicht mit einer Kifferpointe auf?
Der Hanf ist für alles gut und die Wurzel allen Übels, besonders in Krimis. Da ist ein Pfund Hanfblüten schon mal ursächlich, wenn am Ende des „Tatorts“ Kommissar Tukur ein Massaker verüben muss. Kein Zweifel, der Hanf ist ein Killerkraut. Das weiß auch Deutschlands Lieblingsgerichtsmediziner Professor Börne aus Münster, der zehn Millionen deutsche Männer in einem Nebensatz darüber aufklärte, dass Kiffer Hodenkrebs bekommen.
Wenn das mal keine Ansage ist? Da zahlt man doch gerne GEZ-Gebühren. Bleibt nur die german Angst, genau dann solche lebensrettenden Informationen zu verpassen, wenn man auf Toilette muss. Und auf diesem stillen Örtchen verbringt der Durchschnittsdeutsche immerhin sechs Monate seines Lebens.

 

 

Eine Antwort auf „Wer einmal in die Röhre guckt

  1. SO 36'er

    Zitat: „Besonders eifrig ist der RBB, der alle paar Tage spannende Bilder aus Deutschlands größtem Freiluft-Coffeeshop ins Wohnzimmer liefert.“

    ,,, alle paar Tage? Nein, mittlerweile schon täglich.

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