Dienstag, 21. Oktober 2014

Zynismus

Acht Variationen über den Zynismus zur medizinischen Verwendung von Cannabisprodukten

 

von Dr. med. Franjo Grotenhermen

 

Dr. med. Franjo Grotenhermen Mitarbeiter des nova Institutes, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM)
Dr. med. Franjo Grotenhermen, Foto: Archiv

 

Das Große Wörterbuch der deutschen Sprache definierte 1999 zynisch als „eine […] Haltung zum Ausdruck bringend, die besonders in bestimmten Angelegenheiten, Situationen als konträr, paradox und als jemandes Gefühle missachtend und verletzend empfunden wird“.

 

Der Zynismus im Zusammenhang mit der Diskussion um die medizinische Verwendung von Cannabisprodukten in Deutschland ist oft kaum zu ertragen. Zynismus lässt sich am besten in seiner Auswirkung auf den konkreten Einzelfall erläutern und verstehen. Daher möchte ich zunächst den folgenden aktuellen Fall vorstellen.

 

Ich habe einen Patienten, Herrn S., der zurzeit wegen des illegalen Anbaus von Cannabis gerichtlich angeordnete Sozialstunden ableistet. Er besitzt aufgrund seiner chronischen Schmerzen, die auf andere Medikamente nicht ausreichend ansprechen, eine Ausnahmeerlaubnis zur Verwendung von Cannabisblüten aus der Apotheke, kann sich diese aber nicht in dem notwendigen Umfang leisten. Er wurde wegen des illegalen Anbaus von Cannabis zu einer Geldstrafe verurteilt. Da er nicht über ausreichende Geldmittel verfügt, wurde die Geldstrafe in die Ableistung von Sozialstunden umgewandelt. Die Polizei achtet währenddessen darauf, dass er nicht erneut Cannabis anbaut und weiterhin unter Schmerzen leidet.

 

Variation 1: Auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens gibt es Ungerechtigkeiten, also warum nicht auch im Bereich Cannabis und Cannabinoide als Medizin. Auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens gibt es eine Zweiklassenmedizin, in der Privatpatienten bevorzugt behandelt werden. Es gibt auch in anderen Bereichen sinnvolle Behandlungsverfahren, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet werden. Andere Menschen leiden auch. Soll Herr S. doch auch leiden.

 

Variation 2: In den letzten 15 Jahren hat es deutliche Fortschritte gegeben. Dronabinol (THC) ist seit 1998 in Deutschland verschreibungsfähig. Seit 2011 ist der Cannabisextrakt Sativex für mittelschwere bis schwere Spastik bei erwachsenen Patienten mit multipler Sklerose arzneimittelrechtlich zugelassen und muss daher von den Krankenkassen erstattet werden. Zudem können Patienten eine Ausnahmeerlaubnis von der Bundesopiumstelle bekommen, um Cannabisblüten aus der Apotheke beziehen zu können. Heute müssen Medikamente auf Cannabisbasis von den Patienten im Allgemeinen selbst bezahlt werden, aber in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sind weitere Fortschritte zu erwarten. Da wird Herr S. doch wohl noch 10 oder 20 Jahre warten können, bis auch sein Problem durch eine arzneimittelrechtliche Zulassung eines Medikaments auf Cannabisbasis bei seiner Erkrankung gelöst ist.

 

Variation 3: Selbst angebauter Cannabis ist doch kein richtiges Arzneimittel. Wir wissen zwar, dass Patienten, die sich Cannabis selbst anbauen, sehr sorgfältig vorgehen und keine Pestizide verwenden. Wir wissen auch, dass die Kenntnis der genauen THC-Konzentration in der Praxis nicht von relevanter Bedeutung ist, weil aufgrund der unterschiedlichen Ansprechbarkeit bei verschiedenen Patienten unabhängig vom THC-Gehalt eine Dosisfindungsphase unerlässlich ist. Aber trotzdem: Wer sich mangels Alternativen mit einer verboten Pflanze vom eigenen Balkon behandelt, gehört prinzipiell vor den Richter – so leid es uns im Einzelfall tut.

 

Variation 4: Tabak darf in Deutschland natürlich zuhause für den Eigenbedarf von jeder Bürgerin und jedem Bürger angebaut werden. Wein darf selbstverständlich auch jeder für den Eigenbedarf und den privaten Freizeitrausch unter Freunden herstellen. Da schert sich niemand um eine Kontrolle der Qualität, es ist ja schließlich für den eigenen Bedarf und auf eigenes Risiko, Aber bei Cannabis da schauen wir auch den Schmerzpatienten  über die Schulter und mäkeln über mangelnde Arzneimittel-Qualität. Nein, wir mäkeln nicht nur, sondern schicken ihm zusätzlich den Staatsanwalt auf den Hals.

 

Variation 5: Cannabis ist verboten, damit Kinder und Jugendliche vor dieser Droge geschützt werden. Und diesen Schutz stellt ja wohl niemand infrage. Da sind Kollateralschäden bei kranken Menschen, die von Cannabisprodukten medizinisch profitieren und ihr Leiden damit lindern, unvermeidlich. Da muss der Schmerzpatient halt leiden. Das ist nicht gegen ihn persönlich gerichtet, sondern der Rechtsystematik geschuldet.

 

Variation 6: Das Cannabisverbot hat nach großen Untersuchungen der WHO und anderer Institutionen keine relevanten Auswirkungen auf den Umfang des Konsums durch Jugendliche, aber immerhin können wir Herrn S. und viele andere Patienten damit so richtig quälen.

 

Variation 7: Bei den Opiaten, Amphetaminen und Schlafmitteln haben wir nach Jahrzehnten gelernt, zwischen der medizinischen Verwendung und dem Missbrauch zu unterscheiden. Das werden wir auch bei Cannabisprodukten schaffen. Wir haben uns so sehr an das Bild des bösen Cannabis gewöhnt, dass es uns nicht leicht fällt, zu verstehen und zu akzeptieren, dass er vielen Menschen auch helfen kann. Jede Veränderung braucht Zeit. Nur Geduld!

 

Variation 8: Das Betäubungsmittelgesetz und die Durchsetzung des Gesetzes dienen dem Schutz der Volksgesundheit, auch der Gesundheit von Herrn S. Diese Logik mag im konkreten Fall schwer verständlich und kaum nachvollziehbar sein, aber schließlich muss auch nicht jeder die bundesdeutsche Gesetzgebung verstehen.

 

Viele dieser Zynismen und weitere stammen nicht von Zynikern, sondern von Menschen, die jede Form von Zynismus von sich weisen und sich ernsthaft und besonnen Gedanken machen, aber nicht zu Ende denken.

 

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reefermadness
reefermadness
6 Jahre zuvor

Die personifizierte Gerechtigkeit sieht folgender maßen aus: Der Patient ist gegenüber der gerechten Justiza ein armer Hund. Der arme Hund, ist aber in Wirklichkeit der geknechtete Dämon den Der Teufel hinter der Blindenbinde der Justizia züchtet. Ein Sporn auf der Waage der Gerechtigkeit, ein Quell der Erkenntnis und Barmherzigkeit ein Füllhorn voll von überschäumender menschlicher Güte; die sich in der Doppelmoralischen Weißheit personifiziert und in der universellen Einsicht mündet: Im Namen des Pharma Volkes. zum nachdenken für juristen: eines tages wurde gegenüber dem gericht in karlsruhe ein kind geboren. es waren 2fachärzte und 1geburtshilfe-expertokrat anwesend das kind sprach E=mc2 der facharzt sagt ,das kind ist viel zu inteligent dem nehmen wir das halbe gehirn raus. nach der operation wachte das… Weiterlesen »

Gasterl
Gasterl
6 Jahre zuvor

Sehr guter Artikel – aber leider die Wahrheit. Es gibt einfach zu viele große, einflussreiche („geldige“) Lobbies, welche von einer Legalisierung von Cannabis getroffen werden würden. Man sehe sich nur einmal die schwarzen Kassen der Geheimdienste an. Diese sind schwarz, damit niemand nachvollziehen kann, in welchem Umfang die Geheimdienste wie viel Geld für was ausgeben. Aber durch was werden diese Kassen wohl gefüllt? Duch reguläre Steuereinnahmen nicht, sonst wären sie ja nicht schwarz…. Die Papierindustrie ist Europas größter Waldbesitzer (die Konzerne) – wenn man nun Hanf zur Papierproduktion hernehmen könnte, weil der Anbau legal wäre, dann wären deren Waldbesitze totes, unnützes Kapital. Die Pharmaindustrie verdient prächtigst mit Schmerzmitteln und viele, weiteren Medikamenten – würden die Patienten selbst anbauen, dann wären… Weiterlesen »

Danydanone
Danydanone
6 Jahre zuvor

Genauso weiter recherchieren!
Zuerst Frauen und Kranke, dann mal gucken.

Qualitätsjournalismus!

Greenthumb up!

reefermadness
reefermadness
6 Jahre zuvor

So, ihr Diskutierenden! Seid ihr endlich mal einen Schritt weiter? Ich habe selten so viel Polemik,Unsinn,Halbwahrheiten und Vorurteile auf einen Haufen gelesen,wie in dieser Diskussion. Was ihr tut, ist nicht die Diskussion um den Kern der Sache, sondern ihr zerfetzt euch immer noch die Mäuler wegen den jahrelang verabreichten Lügen einer christdemokratischen Gehirnwäsche- und Verdummungsaktion. Ihr wärmt immer wieder die Argumente aus den 70ern und 60ern auf, über die der normale Durchschnittskiffer heutzutage eigentlich nur noch müde lächeln kann, wenn ihm das nicht auch noch im Entstehen erstarrt. Mittlerweile gibt es Studien, Gerichtsurteile, sich selbst behandelnde Patienten von chronischem Schmerz bis Multiple Sklerose zu tausenden, die alle beweisen, dass Cannabis eher harmlos als gefährlich ist. Trotzdem kommen hier angebliche ehemalige… Weiterlesen »

Surak
6 Jahre zuvor

Das Verhalten des beschriebenen Patienten, sei er nun real oder meinetwegen gern auch nur fiktiv, ist jedenfalls selber absolut zynisch und gleichermaßen absurd wie paradox: Was will er damit erreichen, diese Sozialstunden abzuleisten? Wenn er sich moralisch im Recht sieht, mag er keine Möglichkeit kennen um den Mühlen der Justiz zu entgehen, aber er könnte doch immerhin jede Leistung – ob nun Arbeit oder Geld von ihm gefordert wird – konsequent verweigern. Er könnte in der Haft jeden Tag den Leuten von der Krankenstation die Hölle heiß machen, weil sie seine Schmerzen mit den dort verfügbaren Mitteln nicht wirksam behandeln können. Er könnte das entstehende Zeitfenster nutzen, um im Internet auf einer passenden Plattform ein Tagebuch über seine Haftbedingungen, Schmerzen,… Weiterlesen »

reefermadness
reefermadness
6 Jahre zuvor

bingo @surak
dann höre dir die experten dochmal genau an!!!

http://www.hanfplantage.de/videoaufzeichnung-cannabis-viel-rauch-um-nichts-diskussion-gottingen-01-06-2012

ab 1.12min wird die fragestellung interessant!!
und noch viel schöner ist das Rumgestammel wie immer!!!
mfg

reefermadness
reefermadness
6 Jahre zuvor

Genauso weiter recherchieren!
Zuerst Frauen und Kranke, dann mal gucken.

Qualitätsjournalismus!
Da sind sie genau auf dem richtigen Weg
auch danone wurde durch die PR usw…

nun setze ich mal dem ärtzlichen ZYONISMUS die Krone auf…

http://www.russland.ru/benutzte-antike-sibirische-prinzessin-cannabis-um-brustkrebs-zu-ertragen/

und dann bitte frauen und kinder in deutschland zuerst von Bord!
mfg

Louis Cyphir
Louis Cyphir
6 Jahre zuvor

Schuld ist unser veraltetes BtmG: Religiöse Menschen in der Politik zusammen mit Alkohol und Pervitin haben unsere Drogengesetzte in den 1930er Jahren entwickelt, das ist ein Problem, für uns Freidenker/innen und überall sitzen noch diese monotheistischen Fundamentalisten. Es hat etwas mit der Grundeinstellung dieser Menschen zu tun, ein Monotheist glaubt an einen Gott und das dieser Strafen verteilt wenn man sich sündhaft Verhält also Sintflut, Heuschreckenplagen, Hungersnot usw. Diese Strafen schickt er allen Ungläubigen und Frevlern, also Menschen die sich Sündhaft verhalten. Aus dieser Angst heraus unterdrücken, bekriegen und erziehen monotheitische Menschen andere ungläubige Menschen seit Jahrhunderten. Diese Monotheisten sind so durch Erziehung und Gruppenzwang so konditioniert worden, dass Sie Angst vor etwas unbekanntem , unsichtbaren bekommen haben. Dies Angst… Weiterlesen »

J2
J2
6 Jahre zuvor

„Der Zynismus im Zusammenhang mit der Diskussion um die medizinische Verwendung von Cannabisprodukten in Deutschland ist oft kaum zu ertragen.“ Wer sich mit dem Alltag in den ehemaligen deutschen Konzentrationslagern auseinandergesetzt hat, wundert sich über die o/g Zustände nicht. Ich habe neulich herausgefunden, daß Hitler u.a. Crystalmeth süchtig gewesen ist und außerdem Kontakte zu Geisterwelt gepflegt hat. Die Verbindung konnte nur so was bringen, was unser Leben bis heute dämpft. Und was Holland betrifft, bitte nicht vergessen, daß der ehem. König ein Nazi war. Was ich damit sagen will, erkläre ich am besten am Beispiel einer Situation in meinem ehem. Wohnhaus. Die Vermieter haben sich jahrelang und konsequent jede Mühe gegeben, um die Parteien miteinander zerstritten zu halten. So ist… Weiterlesen »

J2
J2
Antwort an  Louis Cyphir
6 Jahre zuvor

„Schuld ist unser veraltetes BtmG“

Schuld sind wir selbst, weil wir das mit uns machen lassen. 🙂

Gasterl
Gasterl
Antwort an  J2
6 Jahre zuvor

Bis 1964 konnte man Cannabis trotz des Verbotes noch in Apotheken für medizinische Zwecke erhalten. Erst 1964 wurde es komplett verboten – daran waren meiner Recherchen nach vor Allem die Firma DuPond beteiligt, welche mit Anslinger „verbunden“ war.
Geld regiert die Welt….

J2
J2
Antwort an  Gasterl
6 Jahre zuvor

Nicht Geld, sondern ein paar alkoholkranke Hirne. Aber deine Recherchen sind sehr wertvoll, danke. (Nicht umsonst werden sie als Verschwörungstheorien abgestempelt. 🙂 )