Mittwoch, 3. September 2014

Drei Geschichten von der Hanfparade

Kascha ist im wohlverdienten Urlaub und lässt sich von der jamaikanischen Sonne rösten. Daher gibt es diesen Monat keine Hanfberatung sondern drei kleine Geschichten von der Hanfparade. Nächsten Monat steht Kascha euch wieder Rede und Antwort. Wie immer unter kascha@hanfjournal.de 

 

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Christopher

 

Christopher ist ein Hanfaktivist aus dem Saarland. Seit vielen Jahren reist er zur Hanfparade, nicht nur um seine Meinung zu sagen, sondern auch um mit Gleichgesinnten zusammen zu sein und die Macht der unaufhaltsamen Masse von Legalisierungsbefürwortern zu spüren. Am Freitagmorgen bricht er auf zu seiner Mitfahrgelegenheit, die er in der Facebook Gruppe „Mitfahrgelegenheiten zur Hanfparade“ gefunden hat. Da er in Berlin keine Kontakte hat, hat er bereits ein Zimmer in einer Jugendherberge gebucht. Nachdem in den letzten Jahren am Ende der Parade immer das Gras knapp wurde, hat Christopher diesmal vorgesorgt: 5 Gramm Gras und 3 Gramm Haschisch hat er gut versteckt in seinem Rucksack, und wird sie bei der Parade in seiner Unterhose mit Einschubfach mitnehmen. Er will auf keinen Fall Mangel leiden, wenn um ihn herum dauernd gekifft wird. So war es nämlich bei seiner ersten Hanfparade, als er sich noch nicht getraut hatte, etwas mitzunehmen. Außerdem möchte er sich auch spendabel zeigen können, wenn Menschen ihn um einen Zug am Joint bitten. Und er will natürlich abends noch auf die After Party, auch dort soll ja noch etwas übrig sein. Ja, Christopher ist sich ganz sicher: Die Menge ist angebracht.

 

Sein Fahrer ist ein netter Typ, der das erste Mal auf die Parade fährt. Er sagt, dass er aktuell nicht konsumiert und einfach so für die Legalisierung ist. Christopher glaubt ihm nicht ganz, der Typ scheint etwas paranoid zu sein. Es ist ihm aber auch eigentlich egal.

 

Am Freitagabend, nach 8 Stunden Fahrt, bezieht Christopher sein Zimmer in der Jugendherberge. Er geht kurz spazieren, raucht dabei zwei Joints und überlegt sich ob er noch ein Schild für morgen malen soll. Wie durch Zauberhand läuft er an einem Berg Pappe vorbei, nimmt eine große mit auf das Zimmer und bemalt es mit seinem Edding. „Fuck Prohibition“ schreibt er darauf, etwas Kreativeres fällt ihm jetzt nicht mehr ein.

 

Morgens geht es dann los zum Hauptbahnhof. Mit einer merkwürdigen Busverbindung tourt er 40 Minuten durch die Hauptstadt der Republik, um zum zentralen Hauptbahnhof zu kommen. Merkwürdig, der Alexanderplatz auf dem sich die Parade früher gesammelt hatte, schien leichter erreichbar.

 

Während der Startkundgebung beobachtet Christopher sehr genau die Polizisten und die Menschen. In der Menge wird teilweise schon Cannabis konsumiert, am Rand laufen aber Beamte rum und gucken immer ganz böse. In Anbetracht der nicht so ganz geringen Menge an Hanf in seiner Unterhose, wartet Christopher lieber bis die Demonstration losläuft. Seiner Erfahrung nach ist es dann gar kein Problem mehr, mal einen durchzuziehen.

 

Als die Demo losläuft, sucht er sich den Wagen mit der ansprechendsten Musik und holt das erste Päckchen aus dem Fach in seiner Unterhose. Der Großteil bleibt versteckt, man weiß ja nicht was passiert. Aber die Polizisten scheinen entspannt, so steckt Christopher sein selbst gebasteltes Schild an den Rucksack und fängt laufenderweise an, sein Gras klein zu bröseln. So geht es weiter, über die zwei Zwischenkundgebungen bis hin zum Brandenburger Tor. Dort angekommen muss Christopher sich erstmal setzen. Die Demo war lang und er ist ganz schön breit.

 

Getränke und Essen gibt es hier nicht, also muss er jetzt noch einmal zurück laufen, um ein Geschäft zu suchen. In einem nahe gelegenen Bäcker kauft er sich ein Sandwich und eine kleine Flasche Apfelschorle für insgesamt fast 6 €. Gesättigt geht es zurück zur Kundgebung, wo

mittlerweile Soom-T spielt. Die kleine, quirlige Frau rockt die Bühne und redet viel über Ganja; perfekte Stimmung um noch den einen oder anderen zu zwirbeln. Vor der Bühne trifft Christopher einen Aktivisten, den er aus dem Internet kennt. Dieser fragt ihn nach etwas Gras und natürlich gibt Christopher ihm eine kleine Blüte umsonst, Ehrensache. Sie lauschen mit großem Interesse den verschiedenen Rednern und lernen sich dabei näher kennen. Spannend, wie Menschen in der Realität ganz anders wirken können als im Web.

 

Gemeinsam machen sie sich nach dem Ende der Kundgebung auf den Weg zur Afterparty. Dort chillen sie noch die ganze Nacht auf einer Couch und diskutieren über die Legalisierung, Colorado, die Hanfparade, den Hanfverband und Weed ganz allgemein. Morgens um 10 muss Christopher

zurück in seine Jugendherberge, um seine Sachen abzuholen. Mit einem Reisebus fährt er wieder zurück, denn der Fahrer vom Hinweg wollte bereits Samstagabend zurück, was für Christopher nicht sinnvoll erschien. Er will alles mitbekommen und nimmt deswegen die etwas anstrengendere und teurere Rückreise mit dem Bus auf sich.

 

Für ihn hat die Parade alle Erwartungen erfüllt. Nächstes Jahr will er auf jeden Fall wieder dabei sein.

 

 

 

Dennis

 

Dennis und seine 3 Freunde haben auf der Facebook Seite des Deutschen Hanfverbands von der Parade erfahren. Da sie Samstag eh nichts zu tun haben, fahren sie aus ihrer Heimatstadt Hamburg mit dem Zug nach Berlin. Keiner hat etwas zu rauchen dabei, also beginnen die lautstarken Diskussionen schon im Zug: „Meint ihr da kann man was zu rauchen kaufen?“ – „Bestimmt, ist doch Hanfparade.“ – „Ach was, da sind doch überall Bullen…“ – „Wir brauchen auf jeden Fall vorher schon was!“

 

Schlussendlich beschließt die Gruppe von jungen Männern, sich zunächst in der Hasenheide mit Rauchwaren einzudecken. Die Qualität der Blüten ist nicht unbedingt erfreulich, aber immerhin kann so auf dem Weg zum Hauptbahnhof schon mal ein Joint gebaut werden und jeder von ihnen hat noch etwas für später einstecken. Kurz überlegen die vier Jungs, ob sie das frisch erworbene Produkt verstecken müssen, entscheiden sich aber gegen eine aufwändige Umpack-Aktion. Am Bahnhof angekommen stellt sich die Gruppe erstmal vor den Wagen, der in der Mitte des Platzes steht. Als die Reden beginnen sagt Dennis: „Ey voll langweilig hier, lass man irgendwo hinsetzen und einen rollen…“ Gesagt, getan. Die Gruppe setzt sich abseits der Menschenmenge auf den Boden und Denis baut einen großen Joint. Währenddessen malt sein Freund Markus gelangweilt mit einem Edding auf dem Boden herum.

 

Zwei Polizisten, die in einigen Dutzend Metern Entfernung vorbeilaufen, beobachten diese Rumschmiererei und nähern sich langsam. „Guten Tag, was macht ihr denn da?“ fragt der Beamte. Dennis hat den halb gedrehten Joint schnell unter sich geschoben und antwortet selbstsicher: „Wir sitzen nur hier rum.“

 

„Ich habe deutlich gesehen, wie dein Freund hier gerade mit dem Edding auf den Boden gemalt hat. Da und da und da!“ Der Polizist deutet auf die Schmierereien auf dem Boden und guckt Markus an. „Sowas muss doch nicht sein, das ist doch Scheiße! Was soll denn das? Machst du sowas zu Hause auch?“

 

„Jetzt müssen wir eine Anzeige schreiben. Wir nehmen dich jetzt mit zum Wagen und in 10 Minuten bist du wieder hier bei deinen Kumpels.“ Sagt der zweite Beamte und führt Markus zu einem nahestehenden Polizeibus. Dennis Herz pocht, aber er sitzt immer noch auf dem halb fertig gebauten Joint als die beiden Beamten sich wegdrehen und mit seinem Kumpel davongehen.

 

Bei der Rückkehr ist der Ärger groß: Es gab nicht nur eine Anzeige wegen der Sachbeschädigung mit dem Edding, sondern natürlich wurde bei der Durchsuchung auch das Gras gefunden, welches Markus einfach in der Hosentasche hatte. Immerhin haben die drei anderen auch noch etwas

einstecken, dennoch sind die Jungs jetzt etwas ernüchtert. So hatten sie sich ihre erste Hanfparade nicht vorgestellt.

 

Aus Frust besorgt Markus sich ein paar Bier und so geht die Demo los. Bei einem Elektrowagen laufen die Jungs im Takt wippend mit und bauen einen Joint nach dem anderen. An der Abschlusskundgebung angekommen, haben sie ihr ganzes Gras verraucht. Dennis versucht noch irgendwo etwas zu kaufen, aber keiner der Angesprochenen hat etwas abzugeben. „Der Chris in Hamburg kann was zu rauchen klarmachen, hat er mir eben per SMS geschrieben“ sagt Markus in die Runde. Nach kurzer Besprechung beschließt die Gruppe, sich wieder auf den Heimweg zu machen, um noch rechtzeitig für den Deal in Hamburg zu sein.

 

Auf der Heimfahrt sind alle sehr still. Markus nahm zwei Anzeigen mit nach Hause und die anderen sind einfach nur kaputt. Nur Dennis ist sich sicher, dass er nächstes Jahr wieder nach Berlin fahren wird: „War doch geil, voll die Kiffparty.“

 

 

Heike

 

Heike ist Mutter von zwei kleinen Kindern und konsumiert schon länger kein Cannabis mehr. Dennoch ist sie für die Legalisierung, auch weil sie ihren Kindern eine bessere und Zukunft ermöglichen will. Als ihr ein Freund von der Hanfparade erzählt, ist sie sofort Feuer und Flamme. Als Berlinerin ist der Weg nicht weit, allerdings findet sie auf die Schnelle keinen Babysitter. So wird also am Samstagmorgen der große Rucksack gepackt, Brote geschmiert, Getränke vorbereitet und die passende Kleidung ausgewählt. Auch Ohrenschützer für die Kleinen sind

mit dabei.

 

Am Startpunkt angekommen ist Heike völlig begeistert von der großen Menschenmenge. Mit den Kindern stellt sie sich etwas an den Rand der Menschenmenge und versucht den Reden zu lauschen, was ihr nicht leicht fällt. Der Ton ist leise und undeutlich, überall unterhalten sich Leute.

Sie beginnt ein Gespräch mit einem Mann der ihr gegenübersteht und beide sind der Meinung: Es ist toll, dass so viele Menschen ihr Gesicht zeigen für die Legalisierung.

 

Als die Demonstration beginnt, hält sich die junge Familie am Rand. Mehrere Wägen machen ihre Musik an, viel Elektro und „BumBum Musik“ wie der Jüngste sagt. Heike sucht nach einem Wagen der keine, oder wenigstens etwas leisere Musik spielt. Solche gibt es zwar, aber selbst dort hört man noch die lauten Beats von anderen, vorausfahrenden Wägen. Die Kleinen tragen Ohrenschützer, aber ihre Mutter ist dem Krach hoffnungslos ausgesetzt und leidet darunter. Die Zeiten des Tanzens und Partymachens sind für sie doch längst vorbei. Sie wollte ihre Meinung

zur Legalisierung äußern, nicht auf einem Straßen Rave mitlaufen. Nach der zweiten Zwischenkundgebung steht sie mit den beiden Kids am Rand und lässt die Demonstration an sich vorbeiziehen, um sich ganz hinten wieder einzureihen. Ein junger, angetrunkener Mann brüllt sie aus der Menge an: „Warum nimmst du KINDER mit auf sowas hier?!“

 

„Weil auch meine Kinder irgendwann unter diesem bescheuerten Cannabisverbot leiden werden, du Idiot!“ brüllt sie dem Mann hinterher, aber der hört schon gar nicht mehr zu, sondern läuft tanzend und torkelnd weiter. Leicht genervt beschließt Heike, den Weg abzukürzen und direkt zum Gelände der Abschlusskundgebung zu laufen. Dort hört sie sich noch einige Reden und das viel zu kurze Konzert von Götz Wiedman an und besucht einige Infostände. Da die mitgebrachten Brote und Getränke aufgebraucht sind, und man auf dem Gelände nichts kaufen kann, macht sie sich mit ihren beiden Kindern um 20 Uhr wieder auf den Weg nach Hause. Nicht völlig unzufrieden, aber doch enttäuscht von der Partylastigkeit der Veranstaltung.

 

5 Antworten auf „Drei Geschichten von der Hanfparade

  1. J2

    Um Gottes Willen! Es ist kein Wunder, daß es noch keine Legalisierung gibt. 😀 Mein Vorschlag: Eine völlig schweigende Demo, ev. nur ganz zum Schluß ein wenig leise Chillmusik. Fertig.

  2. weedbaden

    Die Erfahrungen von Heike sind die selben wie meine, erinnert einen immer an die anfangs Zeit der Loveparade. Das ist einer der Gründe warum ich nicht mehr komme und mich lieber an andere Stelle für unser Ziel einsetze.

  3. Isis

    Sehe ich genauso.
    Ich wurde mal vor Jahren Ohrenzeuge eines Schweigemarsches von mehreren Tausend Leuten, und das war mal beeindruckend. Die Stille, die den Zug umgab, war gespenstisch und sehr unangenehme Assoziationen wurden damit produziert.

  4. Ralf

    So eine Stimmung ist garnicht gewünscht. Es soll bei den Leuten ja der Eindruck entstehen, dass wir in einer echten Demokratie und einem „Rechts-„würg…..“staat“ leben in dem eigentlich alles Friede Freude Eierkuchen ist, und nur ein Paar Kleinigkeiten an, „eigentlich garnicht ganz so komplett falschen Gesetzen“, in einem , „ja einigermaßen gut funktionierenden System“, geändert werden müssen.

  5. J2

    Aber dadurch wird Hanf statt mit Ruhe, Entspannung und Menschlichkeit, mit Lärm und Streß assoziiert. Ich wollte nicht mal, daß mir so was am Wochenende am Haus vorbeizieht, geschweige daran teilzunehmen!

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