Montag, 7. Juli 2014

Interview mit Matthias von der Ohrbooten

Von Janika Takats

 

Die Gesundheitsschädigung kann nicht das eigentliche Argument für das Verbot sein, sonst könnte ich nicht an jeder Tanke einen Schnaps kaufen.“

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Foto: Ohrbooten

Ob vor 20 Leuten auf der Straße oder tausenden Festivalbesuchern, die Ohrbooten stehen für energiegeladene Auftritte und verstehen es ihr Publikum mitzureißen. Ende 2012 verließ der ehemalige Schlagzeuger Noodt die Band. Schon im darauf folgenden Sommer standen die Ohrbooten wieder auf den Festival Bühnen. Gitarrist und Sänger Matze hat sich bereit erklärt für uns ein paar Fragen zu beantworten. Die nächste Gelegenheit die Ohrbooten live zu erleben, gibt es auf dem Weetbeat-Festival. 

 

 

Vor „Alles für Alle bis alles alle ist“ ist euer letztes Album 2009 erschienen. Wie kam es zu dieser Pause?

 

 

Aus unserer Perspektive war es gar keine Pause. Wir haben in diesen vier Jahren jede Menge Konzerte gespielt. Davon leben wir hauptsächlich. Parallel haben wir an Songs gearbeitet. Zwischen dem dritten und vierten Album hatten wir quasi ein Album zusammen, das wir dann aber wieder verworfen haben. Es hat uns nicht gefallen. Dazu kam noch, dass ein Bandmitglied ausgestiegen ist. Das hat viel Zeit und Gespräche gekostet, bis wir zu dieser Entscheidung gekommen sind. Wir waren dann plötzlich zu dritt und sind dann das neue Album angegangen. Das war für uns eine neue Erfahrung.

 

 

Sucht ihr jetzt ‚Ersatz‘?

 

Den haben wir schon. Ende 2012 kam der Bruch. Wir haben dann schon Bookings für Festivals angenommen ohne zu wissen mit wem wir spielen werden. Wir hatten die Songs und wussten es geht weiter. Christoph Spangenberg hat dann später die Position unseres ehemaligen Keyboarders Noodt übernommen. Der Kontakt kam über unseren Schlagzeuger Onkel, mit dem Spange früher in dieselbe Schule ging, zustande. 2013 haben wir alle Konzerte zusammen gespielt. Wir haben natürlich Zeit gebraucht, um uns kennen zu lernen. Es läuft super und Christoph hat angefangen sich auch ins Songwriting zu integrieren und arbeitet inzwischen auch kreativ mit uns.

 

 

Hat sich durch die Umstellung auch musikalisch etwas verändert?

 

Ja, das tut es Gott sei Dank eh die ganze Zeit. Wir haben uns lange selbst aufgehalten, weil wir eine absolute Mehrheitsregelung in der Band hatten. Nur wenn alle dafür waren, wurde es gemacht. Das war leider selten der Fall. Zu dritt haben wir dann die Zweidrittelmehrheit eingeführt. Das hat es voll gebracht, denn oft ist nicht entscheidend wie du dich entscheidest, sondern DASS du dich entscheidest.

Musikalisch würde ich sagen, dass das letzte Album rauer, sprich punkiger und skaiger geworden ist als seine Vorgänger. Gleiches kann man wohl auch von den Inhalten sagen. Bei einigen Songs ist unsere Sprache nicht mehr ganz so ‚vorsichtig‘ wie einst. Das Zeug, an dem wir momentan arbeiten, geht noch mal in eine andere Richtung. Es sind viele schnelle Raps dabei und wir schrauben momentan noch an den Rhythmen.

Als Band steht man natürlich seinen Fans gegenüber immer vor dem Problem, es nicht allen recht machen zu können. Wir verändern uns und haben keine Lust bei jedem Auftritt das gleiche zu spielen, weshalb wir unsere Songs auf der Bühne abwandeln.

 

 

Wandelt sich eure Fanbasis dadurch auch?

 

Ich denke schon. Es gibt bestimmt einen Kern von Leuten, die verstanden haben, dass wir eine ziemlich große Bandbreite an Musikrichtungen für uns in Anspruch nehmen. Wir waren seit der ersten Platte keine reine Reggae oder Hip Hop Band. Es war von allem etwas dabei. Dieser Kern bleibt, weil sie uns einige Sachen verzeihen (lacht). Andere wenden sich ab, was für uns auch ok ist, weil neue Leute dazukommen. Man hört ja öfters den Vorwurf über Bands: „Am Anfang waren sie noch cool, aber dann sind sie zu poppig geworden“. Wir probieren uns dahin gehend auch gerne mal aus und zelebrieren diese ‚Poppigkeit‘ regelrecht auf unseren Konzerten, um den Stil dann wieder aufzubrechen. Es ist wichtig immer Dinge auszuprobieren, aber sie dann auch wieder zu lassen, um sich nirgends zu lange aufzuhalten.

 

 

Ihr habt in letzter Zeit auch angefangen Songs selber zu produzieren. Was war der Grund dafür?

 

Wir haben die letzte Platte selbst produziert und Onkel hat sogar die Hälfte der Songs selbst gemixt. Die neue Platte werden wir dieses Mal nur zum Mastern abgeben. Der Weg dahin lief über unsere eigenen Vorproduktionen. Wir haben Ideen festgehalten, am Anfang noch sehr rudimentär, dann mit mehreren Mikrofonen, so dass die Aufnahmen immer besser klangen. So haben wir immer mal wieder einzelne Lieder produziert für’s Chimsee Festival oder für einen Sampler. Onkel hat sich da immer mehr reingefuchst und unsere technische Ausrüstung wurde immer besser. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir total unabhängig geworden waren. Dies ist gut, weil Studioaufnahmen viel Geld kosten. Das Ganze hat vor und Nachteile. Wenn man alles allein macht, kocht man auch immer irgendwie im eigenen Saft und es kann schwer fallen da rauszukommen. Es ist gut eine objektive Meinung von Außen zu hören. Die hohlen wir uns deshalb von anderen Leuten.

 

 

Ihr habt als Straßenmusiker angefangen. Wann hattet ihr den Punkt erreicht, wo ihr entschieden habt die Sache professionell anzugehen?

 

Ich glaube eigentlich, dass es diesen Punkt schon bei jedem einzelnen von uns gab, bevor wir angefangen haben Straßenmusik zu machen. Die Ohrbooten haben sich erstmals 2003 getroffen und 2005 wurde das erste Album aufgenommen und veröffentlicht. Erst danach haben wir angefangen als Ohrbooten auf der Straße zu spielen.

Ben und ich haben allerdings seit 1999 für drei bis vier Jahre als Duo auf der Straße gespielt und damit unser Geld verdient. Jeder von uns hat auch schon in Bands gespielt, aber es nie geschafft damit seinen Unterhalt zu verdienen. Insofern war die Straßenmusik das erste professionelle Musik machen, weil wir davon unser Essen und unsere Miete bezahlen konnten.

Nachdem sich die Ohrbooten gegründet hatten ging alles ziemlich schnell, als die Jochen Kleine Plattenfirma (JKP) aus Düsseldorf, die in den 90ern von den Toten Hosen gegründet wurde, Interesse an uns verkündeten. Wir wurden 2005 unter Vertrag genommen und haben insgesamt drei Alben bei JKP veröffentlicht, alle von Moses Schneider produziert. Wir erhielten die Möglichkeit ein Album aufzunehmen und mit bekannten Produzenten zu arbeiten. In dieser Zeit gingen eine Menge Träume für uns in Erfüllung. Und jetzt sind wir immer noch da…

 

 

und ihr spielt auch immer noch Sessions auf der Straße.

 

Ja. Einfach aus Bock. Wir wollen überraschen. Wir sagen anderen Musikern wie Käptn Peng und Leuten auf Facebook Bescheid, um die Musik in einer sehr ursprüngliche Form zu zelebrieren. Wir spielen auch manchmal einfach so ohne Ankündigung auf der Straße. Wir gucken wer uns erkennt, aber es geht vor allem darum ein neues Publikum zu überzeugen. So lernen uns dann Leute kennen, die nie zu einem unserer Konzerte kommen würden. Es geht darum Leute dazu zu kriegen stehen zu bleiben und zuzuhören. Wir spielen in dem Fall nicht nur unsere eigenen Lieder sondern improvisieren auch mal eine ganze Session. Wir kommen dadurch wieder auf den Boden, was nach den Festivals manchmal nötig ist. Auf der Straße verlassen wir unsere sichere Blase und bekommen auch negatives Feedback ab.

 

 

In eurem Video zu „Punk is Dad“ verarbeitet ihr unter anderem die Gentrifizierung von Kreuzberg. Die Veränderung wird dabei nicht gerade positiv dargestellt. Wir siehst du diese Veränderung?

 

Veränderung hat schon immer statt gefunden, ob man das nun gut findet oder nicht. Dadurch entsteht eine Sehnsucht nach Vergangenem. Ich glaube allerdings, dass sowieso alles irgendwann wiederkehrt. Was natürlich sichtbar ist, ist das die Freaks, die man hier auf der Straße sieht, langsam weniger werden und verschwinden. Das Straßenbild wird gesetzter und ’netter‘. Da fehlt mir was. Das Angebot einer sauberen und modernen Stadt ist mir als Künstler zu steril. In „Punk is Dad“ setzten wir uns kritisch mit uns selbst auseinander. Wir sind erwachsener geworden. Ben hat heute ein Kind und hätte seine jetzige Identität früher vielleicht als spießig empfunden. Wenn man eine Familie hat, ändern sich die Dinge. Das steckt alles in dem Lied. Diese Ebene finde ich noch viel spannender, weil sie sehr ehrlich ist. Wir sind Teil der Veränderung.

 

 

Denkst du, dass Marihuana unter strengen Jugendschutzrichtlinien legalisiert werden sollte?

 

Ich sehe die Verbotspolitik auf jeden Fall kritisch. Die Cannabissituation ist letztendlich nur ein Beispiel für die allgemeine Drogenpolitik in Deutschland bzw. in der ‚ersten Welt‘ allgemein. Cannabis wird mit harten Drogen in einen Topf geworfen, während die Legalisierung anderer Drogen wie Alkohol kulturell gerechtfertigt wird. Die Gesundheitsschädigung kann nicht das eigentliche Argument für das Verbot sein, sonst könnte ich nicht an jeder Tanke einen Schnaps kaufen. Ich würde mir eine Legalisierung wünschen. Abgesehen von der Modeerscheinung, dass man beim Reggae hören einen Joint raucht, sollte man sich auf die medizinischen Aspekte konzentrieren. Cannabis kann in der Schmerztherapie eingesetzt werden und hat viele weitere gute Eigenschaften. Ich kenne die genauen Hintergründe für das Verbot nicht. Ich habe es als Bürger mit einer Gesetzeslage zu tun, deren Hintergründe verwischt werden. Hanf als Rohstoff schadet keinem. Ich denke es geht hier auch um die Kontrolle des Marktes. In Uruguay ist es jetzt legal und wird wie jedes andere Produkt in den Markt integriert und versteuert. In Mexiko hingegen tobt seit Jahren ein Drogenkrieg. Ich glaube, dass im Endeffekt die Verbote mehr Schaden anrichten als die Substanzen selbst. Ich wohne direkt am Görlitzer Park und kann das Spiel zwischen Dealern und Polizei jeden Tag beobachten. Zwischen den Dealern herrscht das Faustrecht. Die Jungs sind in keiner tollen Situation. Das würde sich alles durch die Legalisierung verändern. Dann gäbe es keine rivalisierenden Banden mehr und auch die Steckmittelproblematik wurde wegfallen.

 

 

Am Görli gab es ja die Idee eine Coffeeshop zu eröffnen. Was hältst du davon?

 

Ich weiß nicht wie das Café dann genau umgesetzt werden würde. Wenn ich mir was wünschen dürfte, würde ich sagen, dass die Dealer, die im Park verkaufen dann in diesem Coffeeshop arbeiten. So erhalten die Jungs die Möglichkeit legal einem Job nachzugehen. Da spielen dann aber noch ganz andere Faktoren wie Aufenthaltsrecht und Arbeitserlaubnis eine Rolle. Ich glaube viele der Jungs stehen nur im Park, weil sie sonst keine andere Arbeitserlaubnis erhalten. Es ist die einzige Verdienstmöglichkeit. Klar würde ich mich freuen, wenn sich Cannabis-Konsumenten legal bewegen könnten, aber wenn der Sinn des Coffeeshops ist, den Schwarzmarkt auszutrocknen, handelt es sich letztendlich nur um eine Verschiebung der Probleme. Ich sehe die Dealer im Park als Menschen, die einer Arbeit nachgehen. Einige von ihnen haben sicherlich auch eine Familie zu versorgen.

 

 

Was steht für euch in nächster Zeit an?

 

Auf jeden Fall die Festivalsaison. Die Festivals sind ja meist am Wochenende. Wenn wir dann unter der Woche in der Stadt sind, werden wir an neuem Material arbeiten für unser nächstes Album. Das Ziel ist das Album Ende des Jahres fertig zu haben. Gerade sind wir wieder ohne Plattenfirma und Management. Für die letzte Platte hatten wir nur für ein Jahr das Management gebucht. Dieses Mal gehen wir recht locker mit der Situation um. Wir stürzen uns auf das Material und wissen, dass wenn man hohe Qualität bietet, entwickelt sich der Rest, bzw. sind wir weniger auf Hilfe von Außen angewiesen. Oft kann man sich Zwischeninstanzen sparen. Das ist wichtig für eine Band. Wir merken von selbst wo wir Hilfe brauchen und wir wissen auch, dass wir bestimmte Sachen einfach abgeben müssen.

 

Viele Dank, dass du dir Zeit für die Fragen genommen hast.

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