Montag, 10. Februar 2014

Zurück in die Zukunft

Autor: Sadhu van Hemp

Zurück in die Zukunft
Zurück in die Zukunft

Mitten unter uns lebt eine hochbetagte Baronin und passionierte Kifferin, die steif und fest behauptet, durch die Zeit reisen zu können. Für das Hanf Journal ist das Grund genug, der Sache mal auf den Grund zu gehen.

Frau Baronin von Wietmarschen, wann waren Sie das letzte Mal in einer anderen Zeit, und wie weit sind Sie gekommen?

Warum grinst ihr so dämlich? Ihr glaubt nicht, dass ich regelmäßig aus dem tiefsten deutschen Mittelalter in die Moderne reise? Ihr denkt, die bekiffte Alte spinnt sich was zusammen?

Aber nein, gnädige Frau, wir wollen ja glauben, dass Ihnen als einziger Mensch des Universums das gelingt, wovon der Rest der Menschheit träumt. Unser Grinsen dürfen Sie nicht missverstehen, wir sind nur ein bisschen stoned – wie immer, wenn wir arbeiten. Sie wissen ja: Haschisch beflügelt die Phantasie.

Und was ist eure Phantasie? Dass ich eine Zeitmaschine besitze? Oder soll ich zur Bestätigung eures Vorurteils meine Glaskugel herausholen? Mann, Mann, Mann, was soll aus der Menschheit nur werden, wenn ihr digitalisierten Kindsköppe mal erwachsen seid?

Das fragen wir uns auch. Deshalb sind wir ja hier bei Ihnen, Freifrau von Wietmarschen. Wenn einer aus der Zukunft berichten kann, dann ja wohl Sie.

Na schön, dann will ich mal nicht so sein und ein ernstes Wörtchen mit euch reden. Doch vorher wünsche ich, dass ihr euch gerade hinsetzt, die Kopfbedeckungen und Sonnenbrillen abnehmt und ein Tütchen baut.

Einverstanden, Frau Baronin. Wir drehen ein Rauchgerät, und Sie an der Uhr. Also, wie ist das jetzt in der Zukunft. Was erwartet uns? Vor allem aber: Wird der Hanf endlich frei sein?

Na hoppla, ihr wollt’s aber genau wissen. Doch so einfach ist das nicht. Um die Zukunft zu verstehen, gehört ein bisschen mehr als nur die Frage, ob man legal kiffen darf oder nicht. Das Morgen ist immer abhängig vom Heute und hat sein Fundament im Gestern. Das heißt, unsere Zukunft wird genauso düster aussehen wie die Vergangenheit. Dieses Elend versüßt auch nicht der freie Umgang mit Haschisch und anderen Drogen. Mord und Totschlag, Lug und Trug bestimmt auch dort, wo die Uhren ein paar Jahrzehnte vorgehen, den Alltag der Bürger. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse wird uns erhalten bleiben. (Die Baronin raucht den Joint an und gibt ihn nicht mehr aus der Hand.)

Alles schön und gut, Freifrau von Wietmarschen. Aber das kann man in jedem Kaffeesatz nachlesen. Also bitte, raus mit der Sprache! Wie ist das jetzt mit der Zeitspringerei?

Ja, ist ja gut, ihr Heinis! Entspannt euch! Ist ja nicht zum Aushalten mit euch Hektikern. (Die Baronin nimmt einen letzten gierigen Zug und reicht den Stummel weiter.) Also, das ist so: Immer wenn ich in die moderne Welt reise, genieße ich natürlich die Vorzüge einer aufgeklärten Gesellschaft – und die Freizügigkeit in Sachen Cannabis gehört dazu. Jede Reise ist wie eine kleine Wiedergeburt. Das Leben hat plötzlich eine Leichtigkeit, wie man sie nur aus Kindertagen kennt. Angst und Paranoia sind wie weggeblasen, wenn man unbeschwert in der Kifferstube sitzt und aus dem Sortiment feinster Rauchwaren wählen kann, was in die Bong kommt. Die ersten Stunden in der Welt von morgen, wie wir sie uns heute wünschen, sind stets die prickelndsten und somit am intensivsten.

Ja, ja, toll! Nun aber mal Butter bei die Fische, allergnädigste Frau Baronin. Wie funktioniert das mit den Zeitsprüngen. Oder bilden Sie sich das nur ein?

Sagt mal, ihr Grünschnäbel, habt ihr gar keinen Respekt vor dem Alter? Wie redet ihr mit mir? Wenn ich sage, dass ich durchs RaumZeitKontinuum reisen kann, dann ist das auch so, selbst wenn es nur sinnbildlich gemeint wäre. Ich besuche ständig jene schöne neue Welt, von der ihr Haschbrüder träumt. 1968 war ich das erste Mal da, was nichts anderes heißt, dass ich seit über vierzig Jahren zwischen diesen Welten pendle. So spaßig, wie ihr euch das ausdenkt, ist das aber nicht. Das Leben unter Menschen, die der Zeit voraus sind, hat nämlich auch seine Nachteile, wenn man aus der Welt der Ewiggestrigen stammt. Dieses Hin und Her hinterlässt Spuren in der Seele. Und nun baut mal schnell eine Tüte nach, sonst bekomme ich noch schlechte Laune!

Sagen Sie mal, Frau Baronin, Sie wollen uns wohl verkackeiern?

Was für ein unflätiges Wort! Aber nö, ich veräpple euch nicht. Ich versuche nur, zu erklären, dass so eine Reise in die Welt außerhalb unseres Hier und Jetzt seine Tücken hat. Die Zeit verrinnt nämlich auch dort, wo die Uhren vorgehen. Seit meiner ersten Tour in die Moderne hat der Zahn der Zeit auch an dieser Welt genagt, und vieles war früher besser. Der Haken ist, dass Rückreisen aus der Welt von morgen in frühere Zivilisationsphasen derselben ebenso wenig möglich sind. Das wahre Glück des Menschen speist sich wie zu allen Zeiten aus den Highlights vergangener Tage, schließlich ist der first cut the deepest. Und nun mal flott mit dem Rauchgerät, sonst beenden wir an dieser Stelle das Interview, und eure Leser erfahren nie, wie ich das mache mit den Ausflügen in die nächsthöhere Zivilisationsphase.

Also, wissen Sie, Frau Baronin, jetzt langt’s aber! Sie strapazieren wirklich unsere Geduld. Sie quarzen uns die Haare vom Kopp, ohne auch nur die geringste Gegenleistung zu erbringen. Sie erzählen, dass Sie zwischen zwei Zivilisationsphasen hin und her hopsen, doch den Beweis dafür bleiben Sie schuldig. Dass es einen Kosmos jenseits unserer Vorstellungskraft gibt, predigt auch der Pastor um die Ecke. Gehören Sie etwa zu jenen Betrügern, die uns mit Märchen einlullen wollen? Sind Sie gar eine Verwandte des Lügenbarons von Münchhausen?

Gott behüte! Was unterstellt ihr mir da? Ich schwöre, ich kenne sie aus dem Effeff, die Welt, in der die Menschen der Zeit um Jahrzehnte voraus sind. Und ihr kennt Sie auch! Ihr wisst es nur nicht. Es handelt sich nämlich um eine real existierende Parallelwelt, und die ist ganz in meinem und eurem Sinne. Dort blüht der Hanf wie sonst nirgends, und die Menschen zeichnen sich durch Toleranz und Liebenswürdigkeit aus. Dort gehen die Uhren anders, man hat Zeit und Muße. Alles, was bei uns in Deutschland noch erlaubt ist, ist dort längst pfui und umgekehrt. Und ob ihr es nun glaubt oder nicht: Eine Reise in diese Welt ist nichts anderes als ein Zeitsprung ins Paradies. Und den leiste ich mir regelmäßig, seit fast einem halben Jahrhundert. (Die Baronin präsentiert stolz einen handtellergroßen Haschknubbel.) Hier, das ist der Beweis, dass ich die Wahrheit sage. Dieses Haschisch habe ich von meinem letzten Kurztrip mitgebracht.

Aha! Interessant. Und wenn Sie dann vielleicht endlich mal die Güte hätten, zu verraten, wie man nun in die Welt von morgen gelangt, aus der Sie das Haschisch importiert haben.

Okay, ich sag’s Euch: Ich reite natürlich nicht auf einer Kanonenkugel, sondern reise ganz bequem mit der Eisenbahn. Die ist, wenn man so will, mein Fluxkompensator.

So, so, mit der Eisenbahn also – Ihrem Fluxkompensator. Sie springen demnach mit einer Lokomotive durchs RaumZeitKontinuum. Richtig?

Ja, mit dem Super-Spar-Ticket für 39 Euro nach Amsterdam-Centraal. Dort findet ihr die Zukunft, die auch unsere sein könnte. War das dem Hanf Journal nicht bekannt?

Frau Baronin, Frau Baronin! Jetzt haben Sie uns aber böse hinters Licht geführt. Zur Strafe behalten wir den Haschknubbel ein und danken für dieses völlig überflüssige Gespräch.

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