Montag, 10. Februar 2014

Warum eine so genannte Cannabisabhängigkeit…

…oft mehr über den Arzt als über den Patienten aussagt

von Dr. med Franjo Grotenhermen

Dr. med. Franjo Grotenhermen Mitarbeiter des nova Institutes, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM)
Dr. med. Franjo Grotenhermen, Foto: Archiv

Bei vielen Ärzten ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Verwendung von Cannabis bei einem Teil der Konsumenten therapeutisch angezeigt bzw. aus medizinischer Sicht sinnvoll ist, noch nicht angekommen. Dies gilt insbesondere für psychische Erkrankungen. Die Konsequenzen sind für die betroffenen Patienten oft schwerwiegend. Berichtet ein Patient in einer psychiatrischen Klinik, dass er Cannabis konsumiert, um seine Hyperaktivität, seine Ängste, seine Zwänge oder seine Depressionen zu lindern, so darf er meistens nicht mit Verständnis, sondern muss mit einer Zusatzdiagnose im Arztbericht über seinen Aufenthalt in der Klinik rechnen. Diese Diagnose lautet „Cannabisabhängigkeit“, „schädlicher Gebrauch von Cannabis“ oder „Cannabismissbrauch“. Wenn der Betroffene Pech hat, taucht diese Diagnose dann auch in allen zukünftigen Arztberichten auf, und er wird dieses Etikett nicht wieder los. Dabei liegt in vielen Fällen überhaupt keine Cannabisabhängigkeit und kein Missbrauch vor.

Zum Problem kann eine solche Diagnose beispielsweise werden, wenn ein Patient, der an einer ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder an Depressionen leidet, nur durch die Verwendung von Cannabis eine Linderung seiner Beschwerden findet und daher einen Antrag auf eine Ausnahmeerlaubnis bei der Bundesopiumstelle stellt. Häufig werden in Arztberichten aus psychiatrischen Kliniken Ursache und Wirkung verdreht. Die Betroffenen sollen angeblich aufgrund ihres Cannabiskonsums an Depressionen oder an Symptomen einer ADHS leiden, selbst dann, wenn die Symptome ganz offensichtlich schon viele Jahre vor erstmaliger Verwendung von Cannabis bestanden. Beispielsweise beginnt eine ADHS immer im Kindesalter und die Entdeckung, dass Cannabis die Hyperaktivität lindert und die Konzentration verbessert, machen die meisten Patienten erst im Jugendalter – meistens zufällig – oder im Erwachsenenalter. Um die Problematik zu erläutern, sei an dieser Stelle kurz dargestellt, wie die Diagnose einer Cannabisabhängigkeit gestellt wird. Nach den Richtlinien des in Deutschland aktuellen Klassifizierungssystems für Erkrankungen besteht eine Abhängigkeit, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres erfüllt wurden:

1. starker Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren

2. mangelnde Kontrolle, was Beginn, Beendigung und Menge des Gebrauchs angeht

3. körperliches Entzugssyndrom: entweder substanzspezifische Entzugssymptome bei Verringerung oder Beendigung des Konsums oder Einnahme der Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu verhindern

4. Toleranz: Dosissteigerungen sind nötig, um die ursprüngliche Wirkung zu erleben.

5. Vernachlässigung anderer Interessen und mehr Zeitaufwand für die Beschaffung und den Konsum der Substanz und die Erholung von den Folgen.

6. Der Substanzgebrauch hält an, obwohl schädliche Folgen eintreten, deren sich der Konsument bewusst ist, zum Beispiel Leberschaden durch Alkohol.

Zwei dieser sechs Kriterien, nämlich ein körperliches Entzugssyndrom und eine Toleranzentwicklung (Kriterien drei und vier) liegen bei der Verwendung von Medikamenten bei bestimmten Erkrankungen häufig vor, beispielsweise bei der Schmerztherapie mit Opiaten oder bei der antispastischen Behandlung mit Benzodiazepinen. Auch bei der Behandlung mit Cannabisprodukten ist häufig eine Toleranz eingetreten, so dass die Betroffenen zwei, drei oder fünf Gramm Cannabisblüten für eine ausreichende Linderung ihrer Symptome benötigen. Häufig besteht auch ein Entzugssyndrom, das aber niemals so stark ist, wie Entzugssymptome beim Absetzen von Opiaten, Benzodiazepinen und einigen anderen Medikamenten.

Bei einer anerkannten Therapie mit Medikamenten wird das erste Kriterium, nämlich der starke Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren, nicht als Abhängigkeitskriterium betrachtet, sondern nur dann, wenn dieser Wunsch oder Zwang als medizinisch unberechtigt betrachtet wird. Das bedeutet konkret, dass ein Psychiater, der der Auffassung ist, die Verwendung von Cannabis bei seinem Patienten sei nicht therapeutisch indiziert oder sogar schädlich, seinen Patienten als cannabisabhängig betrachtet. Nur, wenn er akzeptiert, dass eine medizinische Verwendung von Cannabisprodukten vorliegt, dass der Betroffene also von einem Cannabisgebrauch therapeutisch profitiert, nur dann ist der gleiche Patient nicht mehr cannabisabhängig, sondern er behandelt sich selbst mit Cannabis. Es kommt also auf die Auffassung des Arztes bzw. des Psychiaters an und nicht auf den tatsächlichen Nutzen, den der Patient erlebt. Viele Suchtexperten sind sich darüber einig, dass mit der Diagnose „Cannabisabhängigkeit“ schlampig umgegangen wird. Hier drückt sich weniger die Realität des Patienten als vielmehr das Urteil bzw. Vorurteil des Arztes aus. Und leider hat dieses Vorurteil häufig ein starkes Gewicht, und dieses Unverständnis hat nicht selten zerstörerische Qualitäten hinsichtlich Lebensqualität, Führerschein, strafrechtlicher Situation, beruflicher Perspektive und Behandlungsoptionen.

2 Antworten auf „Warum eine so genannte Cannabisabhängigkeit…

  1. Juergen

    Cannabinoidmangel könnte eine Vielzahl von gesundheitlichen Leiden erklären

    Artikel erschienen auf: http://bit.ly/1cir83X Dt. Übersetzung: kevin@arge-canna.at

    Wie wir wissen, werden Endocannabinoide natürlich im Körper produziert und spielen eine wichtige
    Rolle bei der allgemeinen Gesundheit. Ebenso haben medizinisches Marihuana und
    Phytocannabinoide, gewonnen aus Cannabis, eine Reihe von therapeutischen Nutzen.

    Forscher suggerieren die Existenz des Cannabinoid Mangel.

    Die Liste der Krankheiten, mit denen Cannabis als Heilmittel verbunden wird, ist vielfältig und wächst
    stetig. Ob Cannabinoide zu Linderung von Migräne, Fibromyalgie oder Reizdarmsyndrom
    (IBS)eingesetzt werden, ist der Wirkungsmechanismus weitgehend identisch; der Erfolg wird der
    Aktivierung der Körpereigenen Cannabinoid-Rezeptoren zugeschrieben.

    Auffallende Ähnlichkeiten zwischen einer Vielzahl von Krankheiten, haben gezeigt, dass sie sehr gut
    auf die Cannabinoid-Behandlungen reagieren. Das bringt eine interessante Frage auf. Ist es möglich,
    dass ein „Cannabinoid-Mangel“ Ursache für diese Beschwerden ist? Einige Wissenschafter glauben,
    dass das der Fall ist.

    Ethan Russo: Klinischer Endocannabinoid-Mangel

    Dr. Ethan Russo ist der Senior Medical Advisor bei GW Pharmaceuticals, das Unternehmen, welches
    für Sativex und Epidiolex verantwortlich ist. Einer seiner wichtigsten Beiträge zum Wissen von
    Cannabis kann in seiner Studie „Taming THC „, in dem er die synergistische Wirkung von Terpenen in
    Cannabis behandelt.

    Im Jahr 2004 schlug Dr. Russo die Idee des klinischen Endocannabinoid-Mangel (CECD) in einer Studie vor (veröffentlicht in Neuro endocrinology letters). Er suggeriert , dass der Mangel an Cannabinoiden die zugrunde liegende Ursache ist warum Cannabis diese zahlreichen Krankheiten lindern kann.

    „Migräne, Fibromyalgie, IBS und die damit verbundenen Krankheitsbilder haben gemeinsame
    klinische, biochemische und pathophysiologische Muster, die einen zugrunde liegenden klinischen
    Endocannabinoid-Mangel, der in geeigneter Weise mit Cannabinoid-Medikamenten behandelt
    werden können, andeuten“, erklärte er .

    Dr. Robert Melamede: Cannabis und altersbedingte Krankheit

    Ebenso Dr. Robert Melamede , ehemaliger Biologie Fachbereichs Leiter und derzeitiger Professor an
    der University of Colorado – Colorado Springs, hält den Glauben, dass Endocannabinoide den
    Alterungsprozess hemmen können. Außerdem spekuliert er, dass Cannabinoide essentielle
    Nährstoffe sind mit der Fähigkeit, altersbedingte Krankheiten wie Krebs und Herz-Kreislauf -Krankheit
    zu minimieren.

    Dr. Melamede erklärt, dass seine Erfahrung mit der Untersuchung der Strahlentherapie und der DNA-
    Reparatur, zusätzlich zu seinem persönlichen Konsum von Cannabis ihm eine einzigartige Perspektive
    auf die Pflanze gegeben hat. Es wird zunehmend anerkannt, dass freie Radikale für das Altern und
    altersbedingte Krankheiten verantwortlich sind. Insbesondere werden sie mit kardiovaskulären
    kontakt@arge-canna.at

    http://www.arge-canna.atCannabinoidmangel könnte eine Vielzahl von gesundheitlichen Leiden erklären
    Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Krebs, altersbedingter kognitiver Dysfunktion und
    Skeletterkrankungen wie Osteoporose in Verbindung gebracht.

    Interessanterweise geht die Bildung von freien Radikalen Hand in Hand mit einer Entzündung. Wenn
    man bedenkt das Cannabinoide wie Cannabidiol (CBD) Sehen dafür bekannt sind, Entzündungen zu
    hemmen, liegt es nahe, dass sie eine Rolle in der Modulation der freien Radikale auch spielen
    könnten.

    Laut Dr. Melamede, sind altersbedingte Krankheiten einfach das Ergebnis von entzündungsbedingten
    freien Radikalen. Wie er in dem Americans for Safe Access (ASA) Erfahrungsbericht
    (http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=b0cSg5CW6PQ) erklärt zirkulieren
    entzündlichen Erkrankungen eine lange Zeit , bis „das schwächste Glied“ zerbricht. Natürlich variiert
    diese Verbindung von Person zu Person, was wiederum erklärt, warum ein Cannabinoid-Mangel sich
    in einer Vielzahl von Möglichkeiten präsentieren kann.

    Cannabis kann Cannabinoid-Mangel reduzieren

    Dennoch, den Körper mit Cannabinoiden zu versorgen kann der Nutzen für jede Mängel bedingten
    Krankheitszustand sein. Essentielle Fettsäuren wie Omega-3, haben eine große mediale
    Aufmerksamkeit in den letzten Jahren für ihre Herz-Kreislauf Vorteile erhalten. Dr. Melamede betont
    jedoch dass die Omega-3 Fettsäuren direkt das Endocannabinoid-System ansprechen, eine Tatsache,
    die nur wenigen Menschen bewusst ist.

    Er spekuliert, dass die essentiellen Fettsäuren aus Hanföl sogar noch besser als Omega – 3 wären. Es
    wäre möglich, organische Anbautechniken zu verwenden, während das aus Fisch gewonnene Omega-
    3 Quecksilber enthalten könnte. Natürlich wird nur die Ernährung einen begrenzten Effekt auf
    Endocannabinoid-Produktion haben, weshalb Dr. Melamede glaubt, Cannabis sollte als Ergänzung
    verwendet werden. Laut ihm, bei verlängerter Lebenserwartung der Menschen, im Vergleich zu
    historischen Durchschnittswerten, haben altersbedingte Erkrankungen die häufigsten Tode zu
    verzeichnen.

    „Niemand stirbt weil er alt ist“, erklärte er. „Die Menschen sterben an altersbedingten Krankheiten
    Dr. Melamede erinnert sich im Erfahrungsbericht an eine ähnliche Situation bevor Antibiotika
    erfunden wurden, als Infektionskrankheiten für eine Reihe von Todesfällen verantwortlich waren.
    Ohne erwähnen zu müssen dass Menschen heute mit Zugang zu einer angemessenen
    Gesundheitsversorgung nicht mehr an Infektionskrankheiten sterben müssen. Von daher denkt er,
    dass wir als Menschen sich anpassen müssen, um den Nachteilen von unnötiger entzündlicher
    Aktivität zu begegnen. Es ist unwahrscheinlich, dass wir so schnell genug durch die Evolution gehen
    können, aber Dr. Melamede glaubt, das Cannabis ein „Wundermittel“ ist, das helfen kann
    Homöostase zu erreichen. Ferner sieht er Cannabis als einen wesentlichen Nährstoff ähnlich einem
    Vitamin. In diesem Sinne scheint es, dass Cannabis, Cannabissäfte und die Einnahme von rohen
    Blättern oder Cannabis-Esswaren, positive präventive Maßnahmen gegen altersbedingte Krankheiten
    haben könnten.

    kontakt@arge-canna.at
    http://www.arge-canna.at

  2. martin

    …es gibt gar keinen ICD10 Code für Cannabisgebrauch. Wie sollte der Arzt das notieren? Er hat ja nicht mal eine Möglichkeit dazu..

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