Dienstag, 17. Dezember 2013

Der Verräter der Nation

Er war die rote Laus im Berliner Bärenpelz und Erster Staatsquerulant

Autor: Sadhu van Hemp

Er war die rote Laus im Berliner Bärenpelz und Erster Staatsquerulant. Die Presse schimpfte ihn Brunnenvergifter, Schandschnauze, Propagandist und zuletzt kaputter Kellerguru. Die Rede ist von einem abgrundtief bösen Mann, der als Till Eulenspiegel des Wirtschaftswunders und notorischer Kiffer Berlins Stadtfeind Nr. 1 war. Sein Name: Wolfgang Neuss. Am 3. Dezember hätte das Nebelhorn von der Spree neunzigsten Geburtstag gefeiert – wäre es denn nicht pünktlich zum Mauerfall anno 1989 verstummt. Was bleibt, ist ein bisschen Neusstalgie.

Wolfgang Neuss war Deutschlands größter Kabarettist aller Zeiten (GröKaZ), vor allem aber war er ein Mann, der stets auf der Höhe der Zeit war, einer, der polarisierte und sich nicht unterkriegen ließ, auch nicht, als man ihn wegen LSD- und Haschischbesitzes vor den Kadi zerrte. „Ich war immer unnormal. Das ist meine Berufskrankheit.“

Neuss war der, vor dem ihn seine Eltern immer gewarnt hatten, ein Chaot und Streuner, ein Visionär und Querkopf – eben einer, der nicht stubenrein ist. Am 3. Dezember 1923 in Breslau geboren, mit 15 nach Berlin durchgebrannt, um Clown zu werden, dann im Schlamm vor Moskau erwachsen geworden. Das Eiserne Kreuz lässt er sich noch umhängen, dann schießt sich der MG-Schütze den Zeigefinger ab, um den Dienst am Völkermord mit dem Kartoffelmesser fortzusetzen.

1945 ist die Zeit, in der „die Deutschen in sich gehen, aber dort niemanden antreffen“ – kein Wunder, ist das Tätervolk doch wie vom Erdboden verschluckt und keiner will’s gewesen sein. Einer ist allerdings zur Stelle, und der legt die verbliebenen neun Finger in die offene Wunde des untergegangenen Tausendjährigen Reiches und kratzt den braunen Dreck aus den Ritzen der Ruinen – und das ist der Mann mit der Pauke, der sich als „erster Humorbeauftragter des deutschen Volkes“ versteht.

Neuss ist präsent wie kein anderer. Die Knalltype vom Dienst füllt Theatersäle und Manegen, wird geliebt und gehasst zugleich. 1951 suchen 20 000 Zuschauer in der Berliner Waldbühne Deutschlands ersten Superstar nach Adolf – und finden ihn, den Pauken-Neuss, der mit schrägen Tönen unter die Gürtellinie schlägt und dabei die hohe Kunst besitzt, Wahrheiten so auszusprechen, dass sich die Balken biegen.

Der Neuss der Fünfziger schwimmt auf einer Erfolgswelle: Gemeinsam mit Wolfgang Müller erobert er Bühne, Funk und Fernsehen, und die „intellektuelle Stimmungskanone“ nimmt mit, was sie kriegen kann. Millionen Bundesbürger sitzen am Radio, wenn der Wortakrobat Neuss sein kabarettistisches Trommelfeuer in den Äther donnert. Als Schauspieler brilliert er in „Des Teufels General“, treibt Schabernack im „Wirtshaus im Spessart“ und wächst als Trommlerpimpf Macke in „Wir Kellerkinder“ über sich hinaus.

Er schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und gibt die Satirezeitung „Neuss Deutschland“ heraus. Neuss lebt schnell, sehr schnell: Im Jaguar hetzt er von Engagement zu Engagement, und keine Party endet ohne Paukenschlag. Das Wölfchen ist hungrig, säuft und schluckt, feiert und schnackselt, und wenn die anderen „fertig haben“, geht’s zum Après-Kick mit den ganz harten Jungs der Promi-Elf von Tennis Borussia Berlin. Neuss ist ein „Werwolfgang“, der alle Grenzen überschreitet, und dafür zunehmend Kritik und Maulkörbe kassiert.

Anfang der Sechziger macht der Spaßmacher ernst: In einem Zeitungsinserat rührt er die Werbetrommel für seinen selbstfinanzierten Kinofilm „Genosse Münchhausen“ und verrät dabei den Mörder eines mehrteiligen TV-Krimis. Die „Halstuch-Affäre“ empört ganz Deutschland, die Springerpresse lyncht Neuss als „Verräter der Nation“, und es soll Bürger geben, die ihm bis heute nicht verziehen haben. Plötzlich haben sich die Sitten geändert, aus dem einstmals ausgehungerten Publikum werden träge und denkfaule Fernsehgucker, die Kabarett mit Cabaret verwechseln.

Zwar wird Neuss mit seinem Solo-Programm „Das jüngste Gerücht“ zum „Napoleon der Satire“ gekürt, doch der 13. August 1961 zieht nicht nur eine Mauer durchs Land, sondern auch durch die westdeutschen Gehirne, die in dem „heimatlosen Anstinker“ einen „Trotzkisten“ fürchten. Neuss ist augenblicklich pfui, und man entzieht der Kodderschnauze kurzerhand das Wort. Die Wohlstandsbürger, darunter auch die Genossen der Sozialdemokratie, wollen nicht länger die Vergangenheit mit sich herumschleppen. Ein Komiker, der sein Publikum mit braunem Dreck bewirft, ist ganz und gar nicht witzig. Da hört der Spaß im freien Teil des Vaterlandes aber ganz schnell auf.

Die Zeit ist reif für Neuss – das „Neuss Zeitalter“ bricht an: „Die Fresse“ reißt das Schandmaul noch weiter auf. Der Narr will nicht länger Hofnarr sein, der Idealist Neuss will die Gesellschaft mitgestalten. Noch einmal läuft das „Ungeheuer von Loch Neuss“ zu Hochform auf, prangert den Völkermord in Vietnam an, brüskiert die SPD-Genossen wie auch die DDR-Bonzen, die der Persona non grata den Eintritt verwehren.

Als Neuss in einem Extrablatt seiner Satirezeitschrift „Neuss Deutschland“ die blinde Liebe der Westberliner zu Amerika veräppelt, bringt er das Fass zum Überlaufen. Die Zeitungsverleger verhängen einen Anzeigenboykott, die bürgerliche Presse schießt sich ein, und anonyme Drohungen folgen („Lebt ihr roten Hunde noch?“). Neuss, dreist wie er ist, gießt natürlich Öl ins Feuer, sammelt für den Vietcong Spenden und solidarisiert sich mit dem Sozialistischen Studentenbund, der als ostgesteuert diffamiert wird. Ende Januar 1966 explodiert eine Bombe vor dem Saal, in dem er mit Studenten den „Vietnam Report“ diskutiert – die Saat der Worte trägt erste Früchte.

Neuss ist Mitte der sechziger Jahre voll drauf, schluckt Tabletten und macht erste Bekanntschaft mit Haschisch. In der linken Szene ist er ein gerngesehener Gast, aber eben nur Gast, und so verliert er sich im Gewirr der politischen Strömungen, die das Land aufwühlen, aber nicht von der Stelle bringen. Zudem hat das aus der Art geschlagene Exemplar der verhassten Vätergeneration das Verfallsdatum längst überschritten – Neuss ist als Mittvierziger ein Auslaufmodell.

Die Handelnden sind jüngere Leute, darunter eigennützige Emporkömmlinge, die streng dogmatisch agieren und den störrischen Alt-Star als Galionsfigur vor den Karren spannen. Orientierungslos trabt er mit, verbeißt sich in der Agitation gegen den Vietnamkrieg und verlässt das sichere Terrain der Satire, die mit messerscharfen Pointen zusticht und den Feind, auch den im eigenen Lager, mit Humor entwaffnet.

Als eine in Mordabsicht abgefeuerte Polizeikugel im Juni 1967 Benno Ohnesorg tötet, bricht der Sturm der Studentenrevolte in Westberlin los. Eine Straßenschlacht löst die nächste ab, APO, Generalstreik und Notstandgesetze drohen das geteilte Deutschland nochmals zu teilen, was schließlich 1968 im Attentat auf Rudi Dutschke gipfelt.

1969 ist es dann so weit: Die SPD „packt den Willy (Brandt) in den Tank“, gewinnt die Bundestagswahl – und die Karawane zieht weiter, immer weiter. Aus Straßenkämpfern werden im Handumdrehen Flaneure, die den bequemen Weg durch die Instanzen wählen und zur Winfried-Kretschmann-Karikatur verkümmern. Die angekündigte Enteignung des Springer-Imperiums wird vertagt, und die „modischen Linken“ sind nur noch „liberale Scheißer“.

Anfang der Siebziger stellt Neuss die politische Machtfrage. Er kündigt Willy Brandt die „Intimfreundschaft“ und stemmt sich gegen das linke Dogma, durch deren „Zahnlücke die List blinkt“. Doch die sozialliberale Koalition in Bonn ist längst auf und davon, kleistert die Widersprüche der zwei deutschen Gesellschaften mit den Ostverträgen zu und propagiert Normalität.

Der „Kulturrevolutionär“ wird in den Siebziger Jahren zunehmend links liegengelassen, die Vorstellungen sind schlecht besucht und werden abgesetzt. Die meisten Projekte bleiben Stückwerk oder werden nicht realisiert – und der Tag naht, an dem Wolfgang Neuss beschließt, von seinem „Zeugnisverweigerungsrecht“ Gebrauch zu machen und zu schweigen. 1972 steigt er endgültig von Tabletten auf Haschisch („Hefe des Denkens“) um, und Neuss bricht in ein neues Leben auf, das ihm zu einem anderen Bewusstsein verhelfen soll.

Der späte Neuss ist als tragische Figur reduziert in Erinnerung geblieben. Dabei folgt der Wolf fortan nur seiner eigenen, einsamen Spur. Er verschenkt Hab und Gut, und aus dem „Volksfeind Nr. 1“ wird der kiffende „Rock-Guru“ (Bild), der vis-à-vis vom Schloss Charlottenburg in einer Hochparterre-Butze Hof hält und von jungen Neuwestberlinern aus der alternativen Szene mit Haschisch am Leben gehalten wird. Hin und wieder zerrt ihn die Staatsgewalt wegen illegalen Drogenbesitzes von der Matratze, und Gratisauftritte im Kriminalgericht Moabit sorgen ein letztes Mal für stehende Ovationen.

Die TAZ belohnt die Ikone des Kabaretts mit einer Kolumne, doch als Neuss das linksbürgerliche Kuschelnest mehr und mehr beschmutzt, wird ihm auch hier das Zeilengeld gekürzt. Zuletzt bleiben kleinere Gastspiele, die die Sozialhilfe aufbessern, und die Springer-Presse lässt es sich nicht nehmen, den körperlichen Verfall des „vergreisten Suppenkaspers“ journalistisch zu verunglimpfen.

Neuss aber, der mit seinem Krebs einträchtig zusammenlebt, bleibt sich treu, trennt die „Spreu vom Weizsäcker“ und seziert vor kleinem Publikum den deutschen Michel bei lebendigem Leib. Neuss ist bis zuletzt hellwach und wagt den Blick in die Zukunft, prophezeit die „Wiedervereinigung der Spalt-Tablette“ und warnt vor dem „Ökologie-Faschismus“, der die Welt reinigen will. „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen“, postuliert er in einer Talkshow – ein Satz, der heute mehr denn je gilt. Bis zuletzt arbeitet der Haschbruder an seiner Sucht, denn „Leute, die sich suchen, sind auf dem richtigen Weg“.

Wolfgang Neuss ging seinen doch sehr abschüssigen Weg konsequent zu Ende, und bereits 1983 behauptete der „Dioskur des Kabaretts“ von sich, der Gesellschaft um zehn Jahre voraus zu sein. Wie viele Jahre oder Jahrzehnte es letztlich wirklich waren, das bleibt das ungelöste Rätsel des „Neuss Testament“, in dem geschrieben steht: Das Denkbare lassen, das Undenkbare tun.

Wer mehr über Deutschlands berühmtesten Kiffer erfahren will, dem sei „Der totale Neuss – Gesammelte Werke“ von Volker Kühn ans Herz gelegt. Auch ein Besuch im Berliner Hanfmuseum lohnt sich, denn dort steht die Pinnwand des Mannes, den Deutschland heute mehr denn je bitter nötig hätte.

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