Montag, 16. Dezember 2013

Hanf als Medizin

Ein uraltes und multikulturelles Phänomen  
Ethnomedizinische Betrachtungen einer wundersamen Heilpflanze

 Autor: Kevin Johann

Cannabis-Sativa-L.
Cannabis-Sativa-L. / Illustration: W. Köhler

Mindestens genauso alt wie der Gebrauch von Hanf zu Rauschzwecken oder zur Textilherstellung ist auch der medizinische Einsatz dieser wundersamen Pflanze. Schon seit vielen Jahrtausenden wissen die Menschen um die heilkräftige Wirkung von Hanf, sprich Cannabis, weshalb es nicht verwundert, dass die getrockneten Blütestände, das Harz, die Blätter oder die Samen der Hanfpflanze in zahlreichen traditionellen Gesundheitslehren als wertvolle Medizin gegen allerlei Krankheitssymptome geschätzt werden. Es ist davon auszugehen, dass das Wissen um die heilsamen Wirkeigenschaften des Cannabiskrauts bereits seit über 5000 Jahren bekannt ist. Erste konkrete literarische Hinweise, die den medizinischen Nutzen von Cannabis belegen, finden sich jedoch erst in der im Jahre 2737 v. Chr. zusammengestellten Pharmakopöe (Arzneibuch) des einstigen chinesischen Kaisers Shen-Nung. Dass die Heilpflanze Hanf aber nicht nur in der traditionellen chinesischen Medizin, sondern darüber hinaus auch in vielen weiteren Medizinsystemen diverser Kulturen ihren festen Platz hat und von unschätzbarer Bedeutung war und ist, zeigt der folgende Überblick.

 

China

In der traditionellen chinesischen Medizin, kurz TCM werden primär die Samen (Huo Ma Ren) als abführendes, blutdrucksenkendes, emollientisches und antiseptisches Mittel genutzt. Hanf kann Yin (Passiv, Kälte, Intellekt) und gleichzeitig auch Yang (Aktiv, Hitze, Intuition) sein und wird im Kontext der TCM auf den Funktionskreis von Milz, Magen und Dickdarm projiziert. Der Konsum der Samen zu einer Dosierung von 9 – 30 Gramm, beispielsweise als Teeaufguss in Kombination mit weiteren Heilpflanzen, etwa Dan Gui (Angelica sinensis, chinesische Engelwurz), wird in der TCM bei folgenden Krankheitsbildern- bzw. Symptomen empfohlen und verordnet: Blutungsanomalien, Erbrechen, Geschwüre, Harnverhalt, Krebs, Migräne, Mittelohrentzündung, Rheuma und Verbrennungen.

 

Japan

Belegt ist, dass die Aina, also die japanischen Ureinwohner, ein schamanisches Weltbild in sich trugen und verschiedene psychoaktiv wirksame Pflanzen in einem medizinisch-rituellen Kontext verwendeten. Leider wurde niemals überliefert, um welche Pflanzen es sich dabei genau gehandelt hat. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch der Hanf dazu gehört hat. In der traditionellen japanischen Volksmedizin (Kampo) sind, ähnlich der TCM, vor allem die Cannabissamen (Kamanin, Mashinin, Taimanin) von wichtigem Nutzen. Aufgrund der Tatsache, dass die Japaner sehr viele Aspekte aus der chinesischen Arzneimittellehre übernommen haben sind sich diese beiden traditionellen Medizinsysteme sehr ähnlich.

 

Indien

Die Wissenschaft vom Leben, die auch unter dem Namen Ayurveda bekannt kennt die Heilpflanze Hanf ebenfalls. Erste konkrete Anhaltspunkte, die den medizinischen Nutzen von Hanf in der Ayurveda belegen finden sich in der aus dem 7. Jahrhundert stammenden Text- und Zauberspruchsammlung Atharva-Veda. Diesem Schriftstück zu Folge ist der Hanf (Vijaya) eine heilige Pflanze, weil in seinen Blättern ein Schutzengel bzw. ein Deva haust. Die Lehre der Ayurveda kennt als medizinisch wertvolle Hanfprodukte folgende: Charas (mit den Händen abgeriebenes Harz), Ganja (getrocknete Blüte), Bhang (obere Blätter der weiblichen Pflanze) und Samen. Da die indische Volksmedizin stark von den Ansätzen des Ayurveda beeinflusst ist, sind auch die Indikationen für den medizinischen Hanfeinsatz nahezu identisch.

 

Tibet

Die tibetische Volksmedizin basiert auf der Theorie von drei (Lebens-) Säften (Wind, Galle, Schleim), die durch die drei Gifte (Begierde, Hass, Verblendung) in ein Ungleichgewicht geraten können, woraus wiederum Krankheit entsteht. In einem solchen Fall gilt es mittels spezieller Ernährung, Meditation, Rituale und der Einnahme bestimmter Heilmittel, die drei Säfte wieder in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen. Nach tibetischer, aber auch ayurvedischer Vorstellung wird der Hanf (tib. Myan rtsi spras) dem Energieprinzip Pitta zugeordnet, weshalb er besonders bei Störungen und Erkrankungen, die durch die Galle (Pitta) bedingt sind, empfohlen wird. Aufgrund ihrer leberfunktionsanregenden und schleimhemmenden Wirkeigenschaft werden Hanfpräparate vorrangig zur Behandlung von Erkrankungen der Atemwege, der Haut, der Genitalien, der Lymphgefäße sowie der Nerven zur innerlichen Anwendung verordnet. Weitere Krankheiten, die nach tibetischem Wissen hervorragend mit Hanf behandelt werden können sind Cholera, Durchfall, Entzündungen, Husten, Krämpfe, Lepra, Rheuma, Schnupfen, Skorpionstiche, Tierbisse und Wurmbefall.

 

Südostasien

Die südostasiatischen Medizinsysteme wie sie in Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar Thailand und Vietnam existieren, sind Mischformen verschiedener Traditionen. Obwohl in einigen der südostasiatischen Länder Hanf und dessen Produkte streng verboten sind, und in Ländern wie Malaysia der bloße Besitz von 200 g oder mehr Cannabis sogar mit der Todesstrafe geahndet wird, genießt der Hanf zumindest in den jeweiligen traditionellen Medizinsystemen, einen hervorragenden Ruf als wirksames Schlaf- oder Entspannungsmittel. In Vietnam setzt man ähnlich wie in der TCM auf die heilsamen Samen, die geröstet oder getrocknet bei einer Blutvergiftung, Geburtsschmerzen, Gedächtnisstörungen, Menstruationsstörungen oder Verwirrtheitszuständen eingenommen werden. In Kambodscha sind es traditionell meist Mütter, die auf die Heilpflanze zurückgreifen. Diese konsumieren Cannabis in Form von Tees oder Tinkturen, vor allem zur Regenerierung nach der Entbindung sowie zur Anregung der Milchproduktion.

 

Nordafrika

Unter den Bezeichnungen Kif (Gemisch aus geschnittenen weiblichen Blättern, Blüten und unfermentiertem Tabak) und Haschisch ist Cannabis in Marokko sowie in gesamt Nordafrika bekannt und gesellschaftlich weitestgehend integriert, dies sowohl zu hedonistischen- als auch zu Heilzwecken. In Marokko wird Kif häufig als Medizin bezeichnet und primär als Mittel zur Entspannung, sowie gegen Angststörungen und Depressionen in einer speziellen Kif-Pfeife (Sebsi) geraucht.

Andere nordafrikanische Länder, wie Ägypten, kennen bereits seit dem 12. Jahrhundert das aus den weiblichen Blüteständen gewonnene Haschisch. Haschisch galt in der ägyptischen Volksmedizin über viele Jahrhunderte hinweg als ein wichtiges Medikament, welches für gewöhnlich oral verzehrt wurde.

Aufgrund der Tatsache, dass im Jahre 1992 renommierte Forscher in einigen, ca. 2000 Jahre alten Mumien hohe Cannabinoid-Konzentrationen nachgewiesen haben, kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass Cannabis auch schon im alten Ägypten zu Heilzwecken oder möglicherweise auch aus hedonistischen Gründen genutzt wurde.

 

Schwarzafrika

Unter Bezeichnung Dagga ist der Hanf auch in Schwarzafrika bekannt. Vermutlich gelang der Hanf über Ägypten und Ostafrika ins Herz des schwarzen Kontinents. Seitdem ist Cannabis im gesamten Schwarzafrika als wichtiges Heilmittel verbreitet und volksmedizinisch geschätzt. In vielen afrikanischen Ländern ist der Hanf als hervorragendes Schmerz- und Entspannungsmittel bekannt. In Mali und Simbabwe dient der Hanf vor allem als Aphrodisiakum sowie als Heilmittel gegen Blutvergiftung, Durchfall, Malaria, Milzbrand, Ruhr und Schwarzwasser-Fieber. In Ruanda werden Zubereitungen aus psychoaktivem Hanf darüber hinaus auch als Entspannungsmittel bei Nervosität oder nach einem Nervenzusammenbruch verordnet. Die südafrikanischen Hottentotten haben den Hanf bei Schlangen- und anderen gefährlichen Tierbissen verwendet, und die ebenfalls in Südafrika lebende Volksgruppe Zulu nutzt Hanf in Form von Aufgüssen, Dampfbädern, Kaltwasserauszügen und Klistieren, vorrangig bei Asthma, starken Erkältungskrankheiten und Tuberkulose.

 

Nordamerika

Cannabis ist ethnomedizinisch betrachtet in Nordamerika noch sehr jung, was daran liegt, dass die Hanfpflanze bzw. deren Samen erst im 16. Jahrhundert mit den ersten Europäern ins Land gelangten. Die nordamerikanischen Ureinwohner fanden jedoch schnell Interesse an dieser Pflanze und einige Indianerstämme integrierten Cannabis sogar in ihr Medizinsystem. Heutzutage ist das Rauchen von Cannabis zunehmend auch zu hedonistischen Zwecken unter Indianern verbreitet.

 

Mexiko

Die medizinische Verwendung von Hanf hat in der Heilkunst der mexikanischen Curanderos/ Curanderas (Heiler/in) ein lange Tradition. Hanf, der in Mexiko meist Marijuana heißt, wird auf verschiedenste Art und Weise genutzt. So kennt die mexikanische Volksmedizin die weiblichen (samenlosen) Blüten (Marijuana), das abgeriebene Harz (Marijuana pura), die Blätter (la hoja), sowie diverse medizinisch sehr wirksame alkoholische Auszüge, die aus der weilblichen Blüte hergestellt werden. Traditionell werden Zubereitungen aus Hanf oder das pure Marijuana volksmedizinisch bei folgenden gesundheitlichen Beschwerden verwendet: Atemwegserkrankungen, Delirium, Diarrhöe, Durchfall, Fieber, Insektenstiche, Koliken, Muskelkrämpfe, Schlafstörungen, Schmerzen, Tetanus, Tobsucht, Tuberkulose und Verstopfung.

 

Jamaika

Auch in Jamaika ist der medizinische Nutzen des Hanfkrauts ethnomedizinisch betrachtet noch sehr jung. Cannabis wurde erst nach der Abschaffung der Sklaverei von indischen Gastarbeitern auf die Karibikinsel gebracht. Es dauerte jedoch nicht lange, bis die auf Jamaika lebende Rastafari-Gemeinde, das medizinische Potenzial dieser Pflanze entdeckt hat. Für die Rastas sind die weiblichen Hanfblüten gleichermaßen Genuss- und medizinisches Allheilmittel. In der Rasta-Medizin, die zu einem großen Teil auf den west- und zentralafrikanischen Medizinlehren sowie auf der von den Indern auf die Insel gebrachten Ayurveda fußt, wird Ganja in erster Linie als Aphrodisiakum, Entspannungsmittel, Schmerzmittel oder als stärkendes Tonikum gebraucht. Weitere Ganja-Indikationen bieten sich bei folgenden Krankheiten an: Asthma, Augenerkrankungen (Glaukom), Depressionen, Gelenkentzündungen und Krebs. Zudem ist Ganja für die meisten Rastas ein heiliges Sakrament, weshalb es nicht verwundert, dass das „holy herb“ auch zu Zwecken spiritueller Inspiration konsumiert wird.

 

Brasilien

Hanf heißt in Brasilien Maconha und ist dort seit ungefähr 400 Jahren bekannt. Medizinische Anwendung erfährt Hanf in der brasilianischen Volksmedizin meist in Form ausgekochter Hanfblätter. Ein solches Dekokt wurde beispielsweise bei Frauenleiden, Koliken, Schmerzen oder rheumatischen Beschwerden getrunken. Bei Zahnschmerzen empfiehlt die brasilianische Volksmedizin, eine weibliche Blüte um den schmerzenden Zahn zu wickeln und diese für einen bestimmten Zeitraum im Mund zu behalten.

 

Russland

Experten gehen davon aus, dass der Hanf zu den ältesten russischen Volksarzneien gehört, was unter anderem mit dem Faktum begründet wird, dass der botanische Ursprung der Hanfpflanze nahe des Kaspischen Meeres lokalisiert ist. Zubereitungen aus Hanf werden traditionell bei zahlreichen Krankheiten verwendet. Aus den Samen hergestelltes Öl diente bei Gicht, Rheuma und anderen schmerzvollen Gelenkerkrankungen zu äußerlichen Anwendung. Bei Zahnschmerzen empfiehlt die traditionelle russische Volksmedizin, den aufsteigenden Qualm, einer aus den weiblichen Blüten und den Samen zusammengesetzten Räuchermischung, zu inhalieren. 

 

Europa

Es lässt sich zwar nur schwerlich vorstellen, aber auch im alten Europa war der Hanf zu vorchristlichen Zeiten ein beliebtes Heilmittel. In der germanischen Bevölkerung stand der Hanf symbolisch für Fruchtbarkeit, weshalb er der Liebesgöttin Freya geweiht war. Leider gibt es aufgrund christlicher Zerstörungswut kaum Überlieferungen darüber, wie genau der Hanf (Hanaf, Haenep) von unseren heidnischen Vorfahren medizinisch verwendet wurde. Fakt ist aber, dass der heilige Hanf von den Germanen mit (erotischer) Lust, Fruchtbarkeit und Gesundheit in Verbindung gebracht und in diesem Kontext auch entsprechend genutzt wurde.

 

 

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