Donnerstag, 14. November 2013

Interview mit Marcia Griffiths

„The herb is the healing of the nation.“

The herb is the healing of the nation
Marcia Griffiths im Interview, Foto: J.Takats / Hanf Journal

Seit nun fast 50 Jahren ist Marcia Griffiths im Geschäft und wird von vielen als die unangefochtene Queen of Reggae gefeiert. Als Teil der I-Threes, Bob Marley’s Background Sängerinnen, tourte sie durch die ganze Welt und auch nach Bobs Tod hörte sie nicht auf.

Sie stammt zweifellos aus einer anderen Zeit und betrachtet viele der heutigen Entwicklungen mit Sorge. Doch sie weiß, dass sie für viele ein Vorbild ist und tritt daher unbeirrt für mehr Respekt und Positivität im Reggae ein. Marcia Griffiths ist eine Legende, die uns hoffentlich noch lange mit ihrer Musik erfreuen wird.

Wenn du die Musik von damals und heute vergleichst, was fällt dir auf?
Reggae Musik und die Reggae Szene sind im Laufe der Jahre gewachsen und haben an Bedeutung gewonnen. Heutzutage gibt es so viele internationale Reggae Künstler, das wäre damals undenkbar gewesen. Inzwischen fließen alle möglichen Elemente aus anderen Musikstilen mit ein. Aber man kann unsere Musik von damals nicht mit den heutigen Artists vergleichen. Viele nennen die damaligen Songs Old School, ich aber nenne sie Good School. Die Good School ist heute die gleiche Musik, die auch damals schon gemacht wurde.
Diese Musik wird niemals vergehen, denn sie steckt voller Liebe und positiver Energie. Die alten Songs werden geremixed und neu veröffentlicht, weil diese Songs für immer lebendig sein werden. Die Musik die heute neu produziert wird hingegen ist ein Wegwerfprodukt. Damals haben wir nicht ans Geld gedacht. Bob Marley und The Wailers und all die anderen. Wir sind ins Studio gegangen und haben jeden Tag Songs aufgenommen. Damals hat niemand an eine Bezahlung gedacht. Wir haben getan was wir liebten.

Wenn es eine Good School gibt, gibt es auch eine Bad School. Warum denkst du ist diese entstanden?
Reggae ist eine ernstzunehmende Musik. Wir Sänger und Musiker haben die Verantwortung positive Botschaften in die Welt zu senden. Wenn du von Gott mit einem Talent gesegnet wurdest, hast du die Pflicht mit der Welt zu kommunizieren. Musik ist dabei das Medium, durch das die Menschen vereint werden. Viele Künstler entscheiden sich heutzutage allerdings dazu einen anderen Weg zu gehen als den von Positivität und Liebe. Sie machen die heutige Generation kaputt.
Doch ich mache mir keine Sorgen um Reggae an sich. Musik bereinigt sich selbst. Musik ist rein und kommt von Gott und jeder, der sich nicht einer positiven Botschaft hingibt und versucht die Szene zu vergiften, wird früher oder später auf der Strecke bleiben. Ich habe selber Sänger und DJs erlebt, die ihren Style und die Themen in ihren Lyrics ändern mussten, weil sie gemerkt haben, dass sie mit Negativität und Gewalt nicht mehr weiterkommen. So wird das Gute stets über das Böse siegen.

Aber wer ist dafür verantwortlich, dass so viele Künstler sich den ‚falschen‘ Themen zuwenden?
Es geht heute hauptsächlich ums Geld, aber auch um den Glamour und den Hype. Gerade die jungen männlichen Artists wollen möglichst schnell berühmt werden, um viele Frauen zu haben und mit ihrem Ruhm angeben zu können. Meiner Ansicht nach tragen einige Radiosender mit Schuld daran. Sie entscheiden letztendlich welche Songs gespielt werden und welche Artists dadurch von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Das Reggae und Dancehall Business wurde von jeher von Männern dominiert, besonders als du deine Karriere begonnen hast. Hast du dadurch andere Erfahrungen gemacht als deine männlichen Kollegen?
Nicht direkt. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich von Gott auserwählt wurde diesen Platz einzunehmen und dass ich für andere ein Vorbild sein kann. Sängerinnen wie Etana oder Alaine haben sich an mir ein Beispiel genommen. Das ist ein großartiges Gefühl, denn es zeigt, dass ich die Dinge zu Besserem wenden konnte. Viele Sängerinnen beginnen ihre Karriere als junge Mädchen, die Talent haben und die richtige Botschaft verbreiten.

Dawn Penn hat mal in einem Interview gesagt, dass es verdammt schwer war für eine Frau sich zu behaupten und die Gelegenheit zu bekommen Songs aufzunehmen, wenn sie nicht bereit war mit Produzenten zu schlafen. Stimmst du dem zu?
Ja, und deswegen kann ich gar nicht genug meine Dankbarkeit dafür aussprechen, dass ich von Anfang an, als ich noch ein unschuldiges Mädchen war, einen Beschützer an meiner Seite hatte. Es war Bob Andy, der damals für mich da war und dafür gesorgt hat, dass ich nicht in Schwierigkeiten gerate. Gott weiß was mit mir sonst passiert wäre. Ich wäre wahrscheinlich von vielen Musikern und Produzenten ausgenutzt worden und wäre wohl nicht zu der Sängerin geworden, die ich heute bin. Viele dachten damals Bob und ich wären zusammen und das hat Männer von mir fern gehalten. Bob hat damals auch alle meine Songs geschrieben. Es hat einfach alles gepasst.

Das Musikgeschäft hat sich über die Jahre verändert. Die Leute gehen nicht mehr in den Laden und kaufen Platten sondern laden sich die Musik, oft illegal, aus dem Internet herunter. Wie siehst du diese Entwicklung?
Mir gefällt diese Entwicklung nicht. Die Welt ist zu modern geworden und das Internet ist für viele Musiker zum Problem geworden. Wir machen weiter Musik, aber werden dafür nicht mehr bezahlt, weil keiner mehr Geld für Musik ausgeben will. Heutzutage können wir nicht mehr von Albumverkäufen leben, sondern müssen auf Tour gehen und live auftreten.

Viele junge Artists reißen sich darum einen Song mit dir aufzunehmen. Du warst mit Buju Banton, Busy Signal und vielen andern im Studio. Wie ist es für dich mit dieser neuen Generation zusammen zu arbeiten?
Es ist toll, weil es mir ein gutes Gefühl gibt. Für junge Talente ist es eine große Ehre mit mir zusammen zu arbeiten und das rührt mich. Das ist eines der Dinge, die mich anspornen weiter zu machen. Ich habe dabei keinen ‚Lieblingsgesangspartner‘. Beres Hammond ist aber definitiv einer der Sänger mit denen ich gerne zusammen aufnehme.
Über die Jahrzehnte hinweg wurden meine Songs von Penthouse Music produziert. Wir sind eine große Familie und im Laufe der Jahre sind viele Artists Teil dessen geworden – Tony Rebel, Buju Banton Beres, Cutty Ranks und jetzt Busy Signal.

Bist du der Auffassung, dass Marihuana unter Einhaltung strenger Jugendschutzvorschriften legalisiert werden sollte?
Dazu kann ich nicht viel sagen, da ich selbst nicht rauche. The herb is the healing of the nation. Ich weiß, dass dieses Kraut dazu verwendet wird viele Krankheiten zu heilen. Bob hat damals viel geraucht. Er war stets ruhig und Ganjah hat seine Kreativität und seinen Geist beflügelt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die negative Erfahrungen gemacht haben. Es kommt ganz auf das Individuum an. Ich kann den Leuten nicht vorschreiben was sie zu tun haben.

Du bist mit Bob Marley durch die ganze Welt getourt und hast mit ihm zusammen Songs aufgenommen. Wie ging es nach Bobs Tod weiter?
Viele Dinge haben sich nach dem Tod von Bob Marley geändert. Er hat eine Leere in der Musikszene hinterlassen und lange wusste niemand wie man diese hätte füllen können. Wie aus dem Nichts kam dann auf einmal Hardcore Dancehall Musik auf mit negativen Texten, die respektlos gegenüber Frauen waren. Es war als hätte der Teufel das Geschäft übernommen. Doch wie ich schon gesagt habe, wird das Gute stets über das Böse siegen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Bob Marley direkt von Gott geschickt wurde. In meinem gesamten Leben, bin ich keinem Mann wie ihm begegnet. Es war einzigartig. Er hat anders gesprochen als die meisten Menschen und auch sonst alles anders gemacht. Selbst ohne ihn zu kennen, wäre er einem in einer großen Menschenmenge sofort aufgefallen und man hätte sich gefragt, wer dieser Typ ist. Er war von einer Magie umgeben und er hat nach Perfektion gestrebt wann immer es um Musik ging. Wir haben damals Stunden lang vor jeder Show geprobt bis jeder Ton gestimmt hat. Seine Musik war sein Leben.
Als wir in Simbabwe aufgetreten sind, wurde Tränengas auf die Bühne geworfen. Niemand wusste was los war und alle sind um ihr Leben gerannt. Nur Bob ist auf der Bühne stehen geblieben und wäre bereit gewesen dort mit seinen Fans zu sterben. Das zeugt von wahrer Größe.

Hast du noch eine Verbindung zu deinen ehemaligen Kolleginnen, den I-Threes Rita Marley und Judy Mowatt?
Ja, die ganze Zeit über. Letztes Jahr sind wir zusammen auf dem Garance Festival in Frankreich und sind in Surinam aufgetreten. Auf Jamaika leben Judy und ich in der gleichen Straße.
Es war vorherbestimmt, dass wir als Gruppe zusammen kommen. Ich habe angefangen Songs aufzunehmen und Rita und Judy gebeten die Harmonies einzusingen. Wir wurden von allen, die die Songs gehört haben dazu ermutigt eine Gruppe zu bilden. Zur gleichen Zeit hat sich Bob mit Peter und Bunny überworfen und erfahren, dass wir eine Gruppe gegründet haben. Er hat uns gebeten mit ihm ins Studio zu gehen und so hat alles angefangen.

Nächstes Jahr feierst du dein 50. Jubiläum im Musikgeschäft. Was ist das für ein Gefühl?
Es ist das wundervollste Gefühl, dass man sich vorstellen kann. Ich werde sehr dankbar sein diesen Moment erleben zu dürfen. Meine Fans haben mich all die Jahre unterstützt und für das nächste Jahr habe ich Großes vor. Wir werden die ganze Welt bereisen und Songs aus den verschieden Dekaden spielen. Ich weiß noch nicht, ob wir auch nach Deutschland kommen werden, aber England steht definitiv auf dem Plan.

Vielen Dank für das Interview.

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