Mittwoch, 13. November 2013

Interview mit Ethan Nadelmann, dem Gründer von ‚The Drug Policy Alliance‘

Bild: Deutscher Hanf Verband – Ethan Nadelmann in Berlin (www.hanfverband.de

Wie ihr durch unserer Berichterstattung aus den letzten Monaten wisst, hat sich in den USA legalisierungstechnisch einiges getan. Die Durchsetzung der Legalisierung in Washington und Colorado wäre ohne die jahrelange Vorarbeit von Interessengruppen, die für eine Änderung der Gesetzte kämpfen um den ‚War On Drugs‘ zu beenden, nicht möglich gewesen. Die größte und wichtigste von ihnen ist die Drug Policy Alliance (DPA). Mit deren Gründer Ethan Nadelmann konnten wir uns in New York zu einem Interview treffen und über die neusten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten reden.

Was hat dich dazu bewegt ‚The Drug Policy Alliance‘ zu gründen?
Ich bin in Montreal auf die Universität gegangen und habe dort angefangen Cannabis zu rauchen. Ich habe damals beobachten können, wie Menschen an der Grenze wegen Cannabis gestoppt und verhaftet wurden und habe dies als unsinnig empfunden.
Später habe ich für meine Doktorarbeit verschiedene Mitarbeiter von internationalen Drogenvollzugsbehörden in Lateinamerika, den USA und Europa interviewt. Darunter auch Mitarbeiter des DEA und des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden. Dann habe ich angefangen an der Princeton University zu unterrichten und Artikel und Vorträge darüber verfasst, wie dringend wir ein Umdenken in unserer Drogenpolitik brauchen.
Meine Aktivitäten fielen damals in die Zeit als in den USA eine Massenhysterie um Drogen ausbrach. In den späten 80er Jahren waren Drogen das Hauptthema der öffentlichen Debatte. Jeder unterstützte den ‚War On Drugs‘ und es gab nur eine geringe Anzahl an Menschen, unter anderem einige bekannte Konservative wie William Buckley, Milton Friedman, der damalige Bürgermeister von Baltimore Kurt Schmoke, der Polizeichef von San José Josephe McNamara und ich als junger Princeton Professor, die damals gesagt haben, dass dieser Krieg schwachsinnig ist. Wir wussten nicht, ob Legalisierung die Antwort auf die Probleme ist, aber wir wussten, dass die Prohibition ein großer Teil des Problems ist.
Einige Zeit später wurde in Washington die Drug Policy Fundation gegründet. Parallel dazu habe ich in Princeton eine Arbeitsgruppe geleitet, die sich mit der Frage auseinander gesetzt hat wie eine bessere Drogenpolitik aussehen könnte.
Im Sommer 1992 habe ich mich mit George Soros getroffen. Wir haben uns auf einige Grundideen geeinigt und er hat daraufhin die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt, damit wir unsere Ideen umsetzen konnten. 1994 habe ich Princeton verlassen und das Lindesmith Center gegründet. Das war das erste Projekt der George Soroes‘ ‚Open Society‘ Initiative. Zwei Jahre später haben wird dann angefangen Volksbegehren zu starten. Damals gab es in Kalifornien einige Aktivisten, die versuchen die Legalisierung von medizinischem Marihuana zu erwirken. Sie haben mich um meine Hilfe gebeten und mir ist es gelungen genügend Geld zusammen zu bekommen, um die Initiative zur Abstimmung zu bringen. Und wir haben gewonnen!
So kam eins zum anderen. In den folgenden Jahren waren wir in der Lage genug Spenden zu sammeln, um Kampagnen für die Legalisierung von medizinischem Marihuana in sechs Staaten durchzuführen: Alaska, Washington, Oregon, Colorado, Nevada und Maine.

Wie ist eure Organisation aufgebaut und wie funktioniert das Fundraising?
Von 1994 bis 2000 waren wir Teil der Soros Fundation, die sich ‚Open Society Institute‘ nannte. In der Zeit kam der Großteil des Geldes von George Soros. Als wir begonnen haben Volksbegehren in verschiedenen Staaten durchzuführen, habe ich auch Geld von anderen wohlhabenden Spendern bekommen. Anfang 2000 wurden wir zu einer unabhängigen Organisation. Wir haben uns von der George Soros Fundation losgelöst und ich habe die Organisation mit der Drug Policy Foundation zusammen geführt und die Drug Policy Alliance gegründet. Heute sind wir weltweit die größte Organisation, die für eine Alternative zum ‚War On Drugs‘ wirbt.
Heute arbeiten ungefähr 60 Leute für die DPA, in acht Büros über die USA verteilt und eine Person, die seit Februar in Montevideo ist, um die Uruguayer mit ihrer Kampagne zu unterstützen. Wir haben ca. 275.000 Leute in unserem E-Mailverteiler und 25.000 Leute, die uns finanziell unterstützen, meist mit kleinen Beträgen. Der Großteil des Geldes kommt von wohlhabenden Einzelpersonen und von Foundations. Einige unterstützen unsere gesamte Agenda, denn wir kämpfen ja nicht nur für die Legalisierung von Marihuana und andere unterstützen nur bestimmte Kampagnen wie Rassismus in der Drogenpolitik oder eben die Cannabis-Reform. 90 Prozent unserer Arbeit und unserer Mitglieder sind in den USA. Aber wir haben auch einen weiten internationalen Fokus, weil wir Amerikaner darüber informieren wollen, was im Rest der Welt passiert. Außerdem beschäftigen wir uns mit einer grundlegenden Menschenrechtsfrage und wenn es um Menschenrecht geht, gibt es keine Grenzen.

Arbeitet ihr auch international mit Organisationen zusammen, die ähnliche Arbeit wie die DPA leisten?
Unser Fokus liegt klar auf den USA. Unsere internationale Arbeit beschränkt sich größten Teils auf Nord- und Südamerika, Lateinamerika, die Karibik und Kanada. Ich habe allerdings enge Kontakte zu Aktivisten in ganz Europa. Es gehört auch zu unseren Zielen die Bürger der USA über die neusten Entwicklungen der Drogenpolitik in andern Ländern zu informieren.
Gerade in den 80ern und frühen 90ern habe ich viel Zeit in Europa verbracht, um zu erfahren, was vor Ort geschieht. Ich bin immer wieder in Europa, um Vorträge zu halten und mich auch über die neusten Entwicklungen vor Ort zu informieren.
Es ist ein bisschen paradox. Die USA sind jahrzehntelang die Anführer im ‚Krieg gegen Drogen‘ gewesen, doch inzwischen haben sie die Nase vorn was Cannabis-Reformen angeht. Die USA gehen mit gutem Beispiel voraus und geben mit ihren Reformen den Weg vor. Gleichzeitig ist der internationale Widerstand der USA gegen eine Legalisierung von Cannabis gebrochen. Jetzt wo das Legal Justice Department Washington und Colorado die Kriterien vorgelegt hat, unter denen die Legalisierung von Cannabis durchgeführt werden kann, könnten andere Länder diese Vorgaben genauso umsetzten. Das mag für Europa nicht von großer Bedeutung sein, doch für die Regierungen der Karibikinseln, wie Jamaika oder lateinamerikanischer Länder, die lange von den USA bezüglich ihrer Drogenpolitik unter Druck gesetzt wurden, ist das eine große Sache.

 

Bist du glücklich über die Entwicklungen in Washington und Colorado?
Ich bin überglücklich darüber wie die Dinge gelaufen sind – im Sinne, dass wir vorankommen. In beiden Fällen waren die Gouverneure der Staaten gegen die Initiative, doch sie habe auf den Willen des Volkes reagiert und geben sich Mühe, die gewünschten Änderungen umzusetzen. Wir haben die Unterstützung also von hohen Regierungsverantwortlichen, das ist beeindruckend.
Ich habe auch erwartet, dass das Justizministerium Washington und Colorado ein ‚gelbes Licht‘ geben wird. Aber dieses Licht ist dann viel grüner geworden, als ich es erwartet habe. Es gab den Staaten die Möglichkeit die Sache durchzuziehen, wenn sie bestimmte Bedingungen einhalten.
Dieses Jahr ist Amerika an einem Wendepunkt angekommen, und ich gebrauche dieses Wort wirklich nicht oft. Aber wir haben wirklich einen Wendepunkt im Kampf für die Legalisierung von Marihuana erreicht. Ich sage das wegen der Abstimmung in Washington und Colorado, wegen dem Memorandum des Justizministeriums und wegen den Umfragewerten, die zeigen, dass inzwischen sogar in Staaten wie Texas der Großteil der Bevölkerung für eine Legalisierung ist. Es gibt aber auch noch jede Menge zu tun, nichts ist perfekt, aber es läuft besser als ich erwartet hätte.

Wie ist die Situation in New York?
Im Wesentlichen passieren gerade zwei Dinge in New York. Zum einen gibt es Bemühungen die Festnahmen wegen Marihuana zu verringern. Dazu haben wir eine Kampagne gestartet. Wir hatten die Unterstützung des Gouverneurs und wir sind in der Legislative recht weit gekommen, doch dann haben leider die Republikaner unsere Bemühungen gestoppt. Das war frustrierend, doch zum Glück hat auf Grund unserer Initiative, das NYPD ihre Methoden geändert und so gab es einen beträchtlichen Rückgang der Festnahmen, doch es sind immer noch zu viele.
Zweites geht es um medizinisches Marihuana. Im Moment ist New York der einzige Staat im Nordosten, der medizinisches Marihuana bisher nicht legalisiert hat. Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr damit durchkommen, aber auch hier sind uns die Republikaner im Weg. Ich glaube, dass es uns früher oder später gelingen wird Marihuana in New York weitestgehend zu legalisieren, aber es dauert, auch weil es in New York nicht die Möglichkeit gibt Volksbegehren zu starten.

Werden die Krankenkassen die Kosten für Medical Marihuana übernehmen?
Da bin ich mir nicht sicher. Es könnte sein, dass sich im Wesentlichen drei Märkte herauskristallisieren. Einer für die nicht medizinischen Konsumenten, ein pharmazeutischer Markt für Patienten, an dem sich sicherlich auch große Pharmakonzerne beteiligen werden, um bestimmte Bestandteile der Pflanze zu extrahieren und daraus Medikamente zu machen. Es kann gut sein, dass sich dazwischen noch ein dritter Markt entwickelt, für natürliches Marihuana, dass aber speziell für den medizinischen Gebrauch bestimmt ist. Es gibt eine Chance, dass dieses Marihuana in Zukunft von den Krankenkassen übernommen wird.

Was passiert wenn sich jemand sein medizinisches Marihuana nicht leisten kann?
Das lässt sich momentan noch schwer sagen. Im Moment ist es so, dass einige der Marihuana-Ausgabestellen Programme haben, in denen sie das Marihuana zum Einkaufspreis abgeben oder es sogar kostenlos an Patienten mit keinem oder nur geringem Einkommen abgeben.
Die Legalisierung wird vielen Patienten helfen und ich denke der Markt wird sich selbst regulieren. Die Frage nach der Kostenübernahme ist aber noch nicht vollständig geklärt. Krankenversicherungen übernehmen bereits die Kosten für Marinol, die Frage ist nur, ob sie es auch für natürliches Marihuana tun werden. Am einfachsten wäre es sicherlich auch für viele wenn sie ihr eigenes Marihuana anbauen könnten. In machen Staaten geht das schon, aber noch nicht in allen. Mit dieser Frage werden wir uns auch in Zukunft beschäftigen müssen.

Welche Staaten werden als nächstes an der Reihe sein?
Ich denke Oregon wird der nächste Staat sein, da haben wir eine gute Chance im Jahr 2014 und die DPA ist daran stark beteiligt. Es gibt auch Bemühungen in Alaska, dort würde die Abstimmung im Sommer 2014 stattfinden. Es gibt auch Überlegungen einen Versuch in Kalifornien oder Maine und vielleicht auch in Washington D.C. zu starten. Aber die meisten von uns rechnen damit, dass 2016 unser großes Jahr werden wird. In diesem Jahr wird es eine Reihe von Volksbegehren geben. In Kalifornien, Nevada, Maine und vielleicht auch in Missouri und Arizona und es gibt noch einige weitere.
Unser ultimatives Ziel ist es Marihuana völlig legal zu machen und zweitens wollen wir die Kriminalisierung des Drogenbesitzes für den persönlichen Gebrauch beenden. Drittens haben wir keine andere Wahl als Menschen, die Drogen abhängig sind, einen Weg zu ermöglichen, wie sie auf legale Weise an ihren Drogen kommen können. Nur so können wir den Schwarzmarkt und die damit verbundenen Verbrechen und die Gewalt besiegen.

Vielen Dank für das Interview.

Bild: Deutscher Hanf Verband – Ethan Nadelmann in Berlin (www.hanfverband.de)

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