Dienstag, 1. Oktober 2013

Der Letzte zahlt die Zeche

Schlecht gerüstet für eine blühende Zukunft

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Raps reicht nicht Foto:marker

Seit die beiden US-Bundesstaaten Colorado und Washington mit Obamas Segen re-legalisieren dürfen und auch in Uruguay die Prohibition bald Geschichte sein wird, sind sich viele Beobachter des drogenpolitischen Tagesgeschehens in zwei Dingen einig: Das Hanfverbot wird in einer Art Domino-Effekt fallen, zuerst in den USA und Südamerika, dann auch in Europa. Deutschland wird diese Entwicklung unbeteiligt, dafür aber mit staunenden Augen beobachten und sich irgendwann als einer der letzten westlichen EU-Staaten, der Realität beugen. Aller Voraussicht nach aber erst dann, wenn es zu spät ist. Zu spät für eine Re-Legalisierung? Nein, dazu ist es eigentlich nie zu spät, aber Deutschland wird in Sachen Hanfwirtschaft ein Entwicklungsland sein. Beim Faserhanfanbau haben wir uns seit dessen EU-weiter Re-Legalisierung vor 15 Jahren schon längst von Frankreich abhängen lassen.

Medizinalhanf wird in den Niederlanden, Österreich, Großbritannien und bald auch in Tschechien angebaut. Spanien oder die Niederlande üben schon einen zukünftig legalen Markt, indem sie Strukturen zulassen, die auch die Versorgung von Konsumenten in kleinerem Rahmen tolerieren, Belgien und Portugal könnten bald folgen und Österreich produziert seit Jahren legal Stecklinge. Deutschland hingegen bestraft weiterhin alles und jeden drakonisch, der mit ein paar Pflanzen at home erwischt wird. Als sei der gesellschaftliche Schaden der letzten vierzig Jahre Kifferjagd nicht schon groß genug und deshalb Anlass zum Umdenken, nehmen wir jetzt auch noch in Kauf, in zehn bis zwanzig Jahren als Entwicklungsland in Sachen Hanf-Ökonomie dazustehen, weil die Politik seit Jahren so tut, als gäbe es beim Anbau keine „Geringe Menge“, keinen Eigenbedarf. Andererseits entstehen um uns herum immer mehr Schlupflöcher, die es zulassen, Hanf als Medizin in großem Stil, und als Genussmittel im kleineren Rahmen anzubauen. Pharmaunternehmen wie Bionorica verlegen ihre medizinischen Hanffelder zur Dronabinol-Produktion nach Österreich, weil man in Deutschland selbst für Forschungszwecke schnell an gesetzliche Grenzen stößt.

Sollten die Pläne zur schrittweisen Regulierung des Cannabismarkts in einer Post-Merkel Ära einmal Wirklichkeit werden, wird unser Kraut aus Spanien, Niederlanden oder Tschechien importiert werden müssen, also genau daher, wo der Großteil des Schwarzmarkt-Grases bereits heute herstammt. Wir werden nicht konkurrenzfähig sein, weil bei uns weder Infrastruktur noch Erfahrung auch nur ansatzweise vorhanden sind. Statt Arbeitsplätze geschaffen zu haben, werden wir Gras importieren und dafür wohl teuer bezahlen müssen. Deutschland war eines der ersten Länder, in dem sich nach der Entwicklung des Indoor-Anbaus in den Niederlanden zwischen 1985 und 1995, eine Hanfanbau-Subkultur bildete, die durch das rot/grüne Samenverbot 1998 in ihrer Entwicklung immens behindert wurde. Seitdem wird immer wieder staatliches Geld für die Ächtung und die grundlegende Ausrottung dieses relativ neuen Phänomens investiert.
Dabei wird komplett ignoriert, dass es sich bei der großen Mehrheit der kriminalisierten Hanfbauern um kleine Fische handelt, die sich ihren persönlichen Vorrat für die nächsten Monate ergärtnern wollen. Diejenigen, die in anderen Ländern ungestört growen können und so die Grundlage für einen zukünftig legalen Markt schaffen, werden hierzulande immer noch mit Haftstrafen belegt. Sie konzentrieren sich lieber auf Dinge wie Täuschen & Tarnen, anstatt sich der Schaffung neuer Sorten mit hohem CBD-Anteil, neuen Extraktionsverfahren, der Rationalisierung von Arbeitsabläufen, optimaler Beleuchtungstechniken für nördliche Breiten oder der biologischen Schädlingsbekämpfung bei der Hanfpflanze unter wissenschaftlichen Aspekten zu widmen.

Das wird uns eines Tages noch teuer zu stehen kommen, Patienten haben bereits einen Vorgeschmack auf das, was Konsumierenden noch blühen könnte: Medizinisches Cannabis aus niederländischem Anbau kostet vor Ort zwischen fünf und sieben Euro, in deutschen Apotheken kostet es zwischen 16 und 18 Euro pro Gramm.

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