Dienstag, 2. Juli 2013

Das Hanf Museum

Ein Kleinod mitten in Berlin
Autor: Rolf Ebbinghaus

Abbildung: Die Germania ist ein Gemälde, das Philipp Veit (1793-1877) im März 1848 als Nationalallegorie geschaffen hat. Während der Frankfurter Nationalversammlung hing es in der Paulskirche vor der Orgel auf der Empore.

Das Hanf Museum ist landesweit die einzige ständige Ausstellung über die Kulturpflanze Hanf. Im Herzen Berlins, im Nikolaiviertel, findet man am Mühlendamm 5, auf fast 300 Quadratmeter altes Wissen und neue Informationen rund um Cannabis.

Neben der Pflege und Präsentation einer großen Ausstellung arbeitet das Hanf Museum immer wieder cannabisbezogene Themen aus und präsentiert die Ergebnisse in Sonderausstellungen.
In der Vergangenheit waren die Hanffasern ein so alltäglicher Rohstoff wie Holz oder Leder, die Hanfsamen waren der Pflanzenöllieferant schlechthin. Entsprechend häufig finden sich geschichtliche Hinweise auf die Alltäglichkeit des Hanfes. Heutzutage scheint die Assoziation Hanf = Droge unausweichlich. Drogen verursachen Ekstase oder Hysterie. Und so erregt Cannabis manch’ Gemüt, wenn das historische Vorhandensein bestätigt wird. Besonders, wenn ein geschichtlich bedeutendes Nationalsymbol mit Hanf in Verbindung gebracht wird, muss die Argumentation doppelt fest sein. Die Germania ist ein solches Nationalsymbol, eine Allegorie auf Deutschland, als es Deutschland noch gar nicht gab. Das Hanf Museum nahm sich dieser Allegorie an, denn offensichtlich hat sie mit Cannabis zu tun.

Die Germania und der Hanf 
Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in einigen europäischen Ländern Nationalallegorien, meistens schöne Frauen, überladen mit Symbolen. Die Helvetia war es in der Schweiz, Marianne in Frankreich und das noch nicht existierende Deutschland schuf sich die Germania als Symbolfigur für eine zukünftige Nation.
Eine der bekanntesten Abbildungen der Germania ist ein Gemälde von Philipp Veit. Das große Transparent verdeckte mit fast fünf mal drei Metern die Orgelpfeifen hinter dem Rednerpult der Paulskirche, während dort 1848/49 die Frankfurter Nationalversammlung tagte. Diese Nationalversammlung war das erste gewählte Parlament der 39 deutschsprachigen Fürstentümer und Staatsgebilde, die von der Restauration 1815 legitimiert worden waren.
Natürlich musste dort ein so riesiges und zentral hängendes Bild ein bedeutungsvolles Gemälde sein. Entsprechend ist die Germania mit vielen Symbolen dargestellt. Die schwarz-rot-goldene Fahne, gesprengte Ketten, der Doppeladler und in der rechten Hand hält sie neben einem langen Schwert noch ein Hanfzweiglein.
In der Kunstgeschichte wird der Zweig meist als Ölzweig gedeutet, was dem antiken Symbol für Frieden entspricht. Und vor einigen Jahren hat das Hanf Museum verdeutlicht, warum der Künstler eine Hanfpflanze abgebildet hat, als er Germania den Ölzweig in die Hand gegeben hat (*siehe Kästchen). In der Kunstgeschichte findet man weitere Interpretationen:

Die Palmwedeltheorie 
Neben der Deutung „Ölzweig = Friedenssymbol“ wurde das Pflänzchen in der Hand der Germania auch als Palmenzweig benannt. Der Palmenzweig ist ein schon frühchristliches Symbol für Wiedergeburt und ewiges Leben. Diese Deutung ist durchaus nachvollziehbar. Wiedergeburt wäre die Wiedergeburt der deutschen Nation aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen (Sacrum Romanum Imperium Nationis Germanicæ) und ewiges Leben der Wunsch für selbige. Ein Palmenzweig allerdings sieht gänzlich anders aus, als das abgebildete Gewächs in der Hand der Germania. Veit hat viele Jahre in Italien gelebt, er wusste genau, wie eine Palme aussieht. Er wusste auch, wie eine Olive aussieht und hätte beides erkennbar malen können.


Rollo aka Rolf Ebbinghaus ist Kurator des Hanf Museums in Berlin. 

Der Rankpflanzengedanke 
Eine dritte, sehr seltene Deutung des Gewächses neben dem Schwert, ist die einer Rankpflanze. Als solche hält sie das Schwert fest in der Hand der Germania „wobei das umwundene Schwert Sinnbild der Beständigkeit der Fürsten in Krieg und Frieden ist?“(1) Es gibt einige Rankpflanzen mit fünffingrigen Blättern. Viele Weinsorten ranken mit fünffingrigen Blättern. Auch verschiedene Kürbissorten, entsprächen den Kriterien. Das Zweiglein in der Hand der Germania ragt aber sehr gerade neben dem Schwert. Keinerlei Verschlingungen oder Umwindungen sind erkennbar. Die Pflanze wirkt keinesfalls so, als würde sie das Schwert an die Hand binden. Im Gegenteil ragt der Hanf viel eher neben dem geraden Schwert empor, womit das Schwert als Symbol der Wehrhaftigkeit sogar hinter den Ölzweig als Friedenssymbol rückt. Sowohl die Anordnung als auch die Dimensionierung der Symbole geben großen Interpretationsspielraum.

Die Keuschlammallegorie 
Seit Kurzem gibt es eine neue Deutung der Pflanze, die Germania in der Hand hält. Der Botanische Garten Frankfurt veröffentlichte eine Theorie des hessischen Botanikers W. Gerster. Dieser definierte das Gewächs als Keuschlamm. Keuschlamm ist eine Pflanze aus der Familie der Lippenblüter, auch Keuschbaum oder Mönchspfeffer genannt. Dieser Mönchspfeffer ist ein strauchartiges Gewächs mit fünffingrigen ungezahnten Blättern. Auf kerzenartigen Blütenständen reifen Samenkörner heran, die anti-aphrodisierend wirken. Zerstoßen unter das Essen gemischt, schaffte der Keuschlamm Ruhe in den Novizenstuben.
Wenn Gerster als Botaniker und Fachmann für Heilkräuter Germanias Ölzweig als Keuschlamm erkennt, so zeigt das sein spezifisches Fachwissen in diesem Bereich. Von Nahem betrachtet wirken die Blätter nicht unbedingt wie ausschließlich Hanfblätter, sondern ähneln durchaus auch denen des Keuschlammes. Was aber hätte Veit damit ausdrücken wollen, wenn er der deutschen Nationalallegorie ein Anti-Aphrodisiakum in die rechte Hand gibt. Die angedachte Symbolik ist: „Heilig, rein und Keusch, gegen die Bedrohung durch niedere Instinkte gefeit ist die Identifikationsfigur des in die Freiheit aufbrechenden Deutschland. Und sollte doch Gefahr drohen, wartet hinter dem schützenden Keuschlamm-Zweig das scharfe Reichsschwert in blanker Wehrhaftigkeit.“ (2) Fürchteten Nationalisten damals Unkeuschheit ganz besonders? Waren die niederen Instinkte, die die deutsche Nation bedrohten, durch ein Anti-Aphrodisiakum abzuwehren?
Bei naher Betrachtung haben die Blätter der Pflanze in der Hand der Germania tatsächlich ungezahnte Finger, wie der Keuschlamm oder auch viele Kürbissorten. Anders aber als beim Hanf, dessen Blätter eine durchaus deutliche Zahnung aufweisen. Aus botanischer Sicht hat Gerster Recht damit, dass die Blätter an der Pflanze in der Hand der Germania nicht im Detail als Hanfblätter erkennbar sind. Das Gemälde wurde in Eile gemalt. Philipp Veit wusste, wo das Gemälde hängen sollte und aus welcher Entfernung es betrachtet werden konnte. Als Professor der Malerei wusste er um die Fernwirkung eines Gemäldes, und dass eine feine Zahnung der Blattränder schon von wenigen Metern aus nicht mehr erkennbar ist. Noch dazu drängte der Auftrag, und Veit malte das Bild in großer Eile. An manchen Fingern zieht sich der grün-braune Pinselstrich des Stängels schwungvoll bis zur Blattspitze hoch. Er verschwendete keine Zeit mit den unscheinbaren Blüten des Hanfes oder gar den Samenständen. Prägnant am Hanf ist die Blattform. Veit hätte mit nur wenigen Pinseltupfern die auffällig violetten, wie Kerzen emporragenden Blütenstände des Mönchspfeffers malen können, um ihn als solchen erkennbar zu machen. Doch er wählte das fünffingrige Blatt als deutlichstes Merkmal der dargestellten Pflanze. Bei allem Respekt vor den anderen Interpretationen, es drängt sich nahezu auf, dass Veit das antike Symbol des Friedens, also den Ölzweig, adaptierte und auf die hiesig wachsende Ölpflanze, den Hanf, übertrug. Ohne die Prohibition und die Jahrzehnte währende Mörderkrautpropaganda wäre die obige Diskussion wahrscheinlich völlig überflüssig. Hätte Hanf während der letzten Jahrzehnte die Äcker wie jede andere Nutzpflanze beleben können, bestünde überhaupt keine Frage, welche Pflanze die Germania in der Hand hält. Doch es soll nicht sein, was nicht sein darf. Das Verbot hat Hanf auf die berauschenden Aspekte reduziert und das Gewächs zu einer Droge gemacht. Drogen in der Hand der deutschen Nationalallegorie? Das darf nicht sein!
Schon jetzt finden sich Artikel wie: „Germania mit Hanf erwischt. Eigenkonsum oder organisiertes Verbrechen?“ oder unwissenschaftliche Verkürzungen wie „Hanf als Friedenssymbol“. So trampelt die Elefantenmücke der Cannabiskriminalisierung auch auf kunsthistorische Interpretationen herum und verfälscht die Sicht der eigenen Vergangenheit.

(1) E.-B. C. v. Bruchhausen
(2) W. Gerster

Es ist doch ein Ölzweig

Philipp Veit nutzte das antike Symbol des Ölzweiges, um die Friedensliebe der Germania auszudrücken. Die Olive war und ist der Öllieferant im mediterranen Raum. Ein Zweig des Olivenbaums war über das römische Reich hinaus bekannt als das Symbol für Frieden. Selbst Pablo Picassos „Taube“ von 1961, das heutige Friedenssymbol, trägt einen Ölzweig im Schnabel. Die Europäische Kultur entstand aus der römischen, und gebildete Europäer kannten und kennen die klassische Geschichte und die Symbole der Epoche.
Der Pflanzenöllieferant im Hiesigen Raum war der Hanf. Noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein wurde so viel Hanföl produziert, das z.B. im mittel- und süddeutschen Raum daraus Schmierseife hergestellt wurde (bei heutigen Hanfölpreisen von bis zu 40 €/Ltr. absolut undenkbar). Also hat Veit den hiesigen und damals weit verbreiteten Öllieferant, den Hanf, als Ölzweig genutzt und so die klassische Symbolik des Friedens auf den hiesigen Ölzweig, den Hanf, übertragen.
Eine genauere Darstellung ist im Hanf Museum zu finden oder unter www.hanfmuseum.de

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