Donnerstag, 25. April 2013

Schön geschrieben

Cannabis im Bundestag: Tendenziöse Pressemeldung übergeht Experten und Inhalte

Von wegen keine Selbstversorger…..

Zur Anhörung zum Thema „Synthetische Drogen effizient bekämpfen und Eigengebrauch von Cannabis entkriminalisieren“, die vergangene Woche im Gesundheitsausschuss des Bundestags statt fand, fanden sich nebst der Vertreter/inner der Fraktionen auch zahlreiche Sachverständige ein. Beim Thema Cannabis fordeten viele der geladenen Fachleute Konsum akzeptierende Ansätze oder gar eine Re-Legalisierung unter Einbeziehung strenger Jugendschutzmaßnahmen, allen voran der von Bündnis90/Die Grünen eingeflogene Ethan Nadelmann von der Drug Policy Alliance aus den USA. Neben Nadelmann waren unter anderem Prof. Dr. med. Rainer Thomasius und Jörn Patzak, Dr. phil. Bernd Werse sowie Maximilian Plenert (Akzept) und Georg Wurth (DHV) vor Ort, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Schaut man sich den Mittschnitt der Debatte an, wird schnell klar, dass die Mehrheit der Sachverständigen wenigstens eine Lockerung der repressiven Maßnahmen gegen Hanf Konsumierende unterstützt, während Professor Thomasius und Staatsanwalt Patzack weiterhin auf dem Status Quo beharren und jede Lockerung kategorisch ablehnen.

Die anschließende Pressemeldung auf bundestag.de gab den Verlauf der Debatte dann allerdings sehr verzerrt wieder:
Unter dem Titel „Kaum einer baut Cannabis nur zum Eigenbedarf an“ wurden ausschließlich die „üblichen Verdächtigen“ Thomasius und Patzack zitiert, Dr. Bernd Werses Kritik an der „Legal-High“-Politik der Bundesregierung wurde nicht als solche gekennzeichnet, sondern als eine Art allgemeine Kritik an den Zuständen wiedergegeben.
Alleine der Titel des Artikels, der jedweder empirischen Grundlage oder Erhebung entbehrt, ist offensichtliche Meinungsmache. Mehr noch, es handelt sich um eine dreiste Lüge. Die Erfahrungen unserer Redakteure und insbesondere unserer freien Mitarbeiter, die regelmäßig über Menschen berichten, welche Cannabis zum eigenen Bedarf anbauen, um dem Schwarzmarkt zu entgehen oder Hanf medizinisch zu nutzen, sind weitreichender als die Erfahrungen eines Herrn Patzack mit Kommerz-Growern, die er regelmäßig anklagt. Deshalb können wir sagen:
Es gibt durchaus sehr viele Menschen, die Cannabis zum eigenen Bedarf anbauen. Als Quellenverweis führen wir hier unsere guerilla-growing Rubrik an, in der dieses Phänomen seit Jahren ausreichend dokumentiert ist.
Nach zahlreichen Beschwerden wurde noch ein Absatz mit dem Titel „Cannabis kann abhängig machen“ hinzugefügt, der den Auftritt von Ethan Nadelmann sowie dem Fachverband Drogen- und Suchthilfe beschreibt. Besonders bei Nadelmann handelt es sich dabei um willkürlich aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, die die Haltung von Herrn Nadelmann in keinster Weise widerspiegeln, was auch der Videomitschnitt eindeutig belegt.
Schuld an der einseitigen Darstellung sind allerdings nicht die agierenden Politiker oder irgendwelche Fraktions- oder Partei-Pressesprecher/innen, denn der Artikel stammt aus der Feder einer „unabhängigen“ Journalistin:

Sandra Ketterer wirbt auf ihrer Homepage damit, „Anderen Menschen komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln, Themen aufzustöbern, die nicht alltäglich sind, Licht ins Dunkel vieler verwirrender Informationen zu bringen – das sei ihre Motivation.“Das hat zumindest in diesem Fall nicht ganz hingehauen.

Schriebe die Kollegin für eine wie auch immer orientierte Tageszeitung oder ein politisches Magazin, wäre die Einseitigkeit nachvollziehbar und somit gerade noch verzeihbar. Die Pressestelle des Bundestages hat allerdings die Aufgabe, Bürger/innen und Journalist/innen möglichst neutral über die Geschehnisse im Parlament zu informieren. Umso peinlicher sollte es einer unabhängigen Journalistin sein, wenn der wahre Verlauf der Sitzung ungeschnitten als Videomitschnitt auf der gleichen Seite abrufbar ist.
Früher nannte man das Hofberichterstattung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.