Montag, 15. April 2013

Cannabis-Samen

Überteuert oder ihren Preis wert?

Autor: ESG

s02_esg_SamenDie kurz bevor stehende Outdoorsaison beginnt für die meisten von uns mit der Suche nach spannender Genetik. Viele werden sich beim Blättern durch die Kataloge der verschiedenen Samenbanken angesichts der teilweise stolzen Preise, die dort für Dreier-, Fünfer- oder Zehnerpacks aufgerufen werden, verwundert die Augen reiben. Grund genug, mich einmal vor Ort über die verschiedenen Prozesse der Samenproduktion und der Kreation neuer Sorten zu informieren. Und wer würde sich dafür besser eignen als der Branchenprimus World of Seeds, der seit mittlerweile 15 Jahren Akzente in der Welt des Cannabis setzt? Bereitwillig hat sich Chefbreeder Rheuben von mir in die Karten schauen lassen, und ich konnte einen Eindruck davon gewinnen, wie viel Herzblut, Wissen, Zeit und nicht zuletzt finanzielle Investition in jeder neuen Sorte stecken.

Bei World of Seeds wird jede neue Rasse als Idee im Kopf des Chefbreeders geboren. „Ich weiß in der Regel sehr genau, wo ich geschmacklich und vom Aussehen mit einer Pflanze hin will. Wovon ich oft aber keinen Schimmer habe, ist, wie ich dort hinkomme“, gibt der Spanier unumwunden zu. Dann heißt es probieren, kreuzen und im Trial-and-Error-Verfahren auch die eine oder andere Niederlage einstecken.

„Ich folge keinen Trends, ich setze sie“

Von Modetrends oder Wünschen des Marktes lässt sich Rheuben dabei nicht leiten, zumindest nicht, wenn es sich um reguläres oder feminisiertes Saatgut handelt. „Ich breede, wie mir gerade der Sinn steht. Nur weil alle Welt nach lilafarbenen Blüten schreit, heißt das nicht, dass man in absehbarer Zeit einen Purple-Strain in unserem Katalog finden wird. Ich folge keinen Trends, ich versuche sie zu setzen“, erläutert der 33-Jährige selbstbewusst.
Am erfolgversprechendsten ist dabei das Kreuzen zweier Genetiken, die von einander weiter entfernt sind als eine Kuh vom Mond. „Am naheliegendsten ist es, ein Indica-Exemplar mit einer Sativa zu kreuzen. Die beiden Genetiken sind so grundverschieden, dass eine auch nur entfernte Verwandtschaft ausgeschlossen werden kann“, erklärt Rheuben. Ideal wäre beispielsweise ein Mix aus einer Pflanze aus dem afghanischen Raum und einer Vertreterin aus Thailand oder Laos. „Zwei auf den ersten Blick unterschiedliche Sativas aus derselben Region könnten so deutliche Gemeinsamkeiten in der Genetik aufweisen, dass es sinnlos wäre, sie zu kreuzen, da man kein wirklich neues Ergebnis erzielen könnte.“

Mit mindestens 2000 Samen in die Selektion
Steht die genetische Grundkonfiguration erst einmal, ist man schon ein ganzes Stück weiter, aber noch lange nicht am Ziel. Hat man nämlich nicht das Glück, Stecklinge bereits selektierter Champions von befreundeten Samenbanken oder Hobbyzüchtern – oft zu horrenden Preisen – zu bekommen, steht eine lange, teure und aufwendige Selektion aus Samen an. „Pro Sorte setze ich dabei mindestens 1000 Samen, bei einem Hybriden aus zwei Strains bringe ich also mindestens 2000 Samen zum Keimen und sortiere nach und nach die aus, die rein optisch nicht ins Bild passen, welches ich in meinem Kopf vorgezeichnet habe. Am Ende bleiben mir drei, vier Phänotypen einer jeden Sorte, mit denen ich dann die Kreuzung und die Feinabstimmung beginne“, so der Breeder.

Zwei Jahre bis zum stabilen Strain

Um sicher zu gehen, dass es sich bei den neuen Strains um absolut stabile Rassen handelt, gehen erst Samen der vierten oder gar fünften Generation in den Handel, oft noch rückgekreuzt mit einem der Elternteile, um einen bestimmten Charakterzug hervorzuheben. Stabil heißt, dass eine Sorte so wenig Phänotypen wie möglich hat und mindestens 75% der Pflanzen deutliche Ähnlichkeiten mit einem der Eltern aufweist. „Das alles kostet vor allem Zeit. Bei einem automatisierten Strain kann man von gut einem Jahr ausgehen, bis die erste stabile Charge verkaufsfertig vor einem liegt, bei feminisierten Sorten sind es gut und gerne zwei Jahre“, macht Rheuben deutlich.

Pflanzenzucht – Stress pur

Der Spanier setzt bei seinen Neukreationen auf Handarbeit. „In meinen Töpfen befindet sich Cocos-Substrat, gegossen wird per Hand. Das dauert zwar länger und ist aufwendiger, aber nur so habe ich die Möglichkeit, die Pflanzen extrem zu stressen. Einen Tag gibt es Dünger bis zum Abwinken, dann müssen sie eine Hungersnot überstehen, mal wässere ich bis zur Sumpfbildung, mal müssen sie fast eine Woche komplett ohne Wasser auskommen“, beschreibt der Züchter das Horror-Szenario, dem er seine Pflanzen aussetzt. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, wird mit extremen Temperaturen und wechselnden Beleuchtungszeiten zusätzlich Stress verursacht. Aber wozu das alles?? „Um Qualität zu garantieren“, so Rheuben. „Wenn bei all dem Stress nichts zwittert, wird beim Homegrower auch nichts zwittern, wenn doch mal ein bisschen Störlicht auftritt oder der EC der Nährlösung deutlich zu hoch ist. Ich muss sämtliche Fehler reproduzieren, die beim Homegrower auftreten können, um auszuschließen, dass die Genetik bei der ersten falschen Behandlung die Sonnensegel streicht.“

Séparée statt Saal

Wer glaubt, dass all das unter Laborbedingungen in riesigen Hallen stattfindet, der irrt sich. Neue Sorten erblicken bei World of Seeds das Licht der Welt in einer Homebox XL unter einem 600 Watt Strahler. „Erst wenn ich mit den Ergebnissen zufrieden bin, gebe ich den Strain in die Produktion, an der bei uns mehr als zehn Breeder beteiligt sind“, sagt der Chefzüchter.

Doch auch die Breeder setzen bei der Produktion von Samen eher auf geschlossene Systeme als auf offene Räume. „In einem Schrank ist bei abgeschalteter Abluft und eingeschaltetem Ventilator zweifelsfrei gewährleistet, dass wirklich jede einzelne Pflanze maximal bestäubt wird. In einem offenen Raum können die Ergebnisse stark variieren.
Wer mehr als einen Strain produziert, hat die Schränke so weit auseinander stehen, wie nur möglich – „idealerweise auf verschiedenen Etagen im Haus“, so Rheuben. Zu schnell bleibt Pollen eines Strains an der Kleidung oder am Arbeitsmaterial hängen und verteilt sich in den anderen Schränken, wodurch die Arbeit mehrerer Monate zunichte gemacht wäre. „Wer bei uns mehr als einen Strain produziert, arbeitet an einem Tag nur mit einem Strain. Zwischen dem Öffnen zweier verschiedener Zuchtschränke muss zwingend eine Nacht, eine Dusche und eine komplett neue Einkleidung liegen“, beschreibt der Spanier die Sicherheitsvorkehrungen.

Cannabis-Samen: Teuer ja, aber ihr Geld wert!

Nach dem Besuch bei World of Seeds und dem Gespräch mit Rheuben erscheinen mir über 100 Euro für zehn Samen immer noch sehr viel Geld, aber nicht mehr überteuert. Genau so, wie sich nicht jeder einen Porsche leisten kann, genau so, wie es nicht jeden Tag Filet Mignon zum Mittag gibt, wird sich auch nicht jeder die Afghan Kush Special leisten können oder wollen oder bei jedem Durchgang auf Sorten aus dem dreistelligen Preissegment zurückgreifen. Wer sie jedoch einmal probiert hat und sich dabei vor Augen hält, wie viel Aufwand und Liebe in dem Produkt stecken, der wird den Preis ganz schnell vergessen.

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