Freitag, 23. Januar 2009

Roly’s Silberscheiben des Monats Dezember

Bluba Lu Feat. Roni: World Melancholy (blubalu records)

Schon der Titel verspricht einiges. Nach dem ersten Hören dachte ich an Bristol, zumal auch der etwas angestaubte Genrebegriff „Symphony Trip Hop“ in der Pressemitteilung auftauchte. Und tatsächlich setzt eine der ältesten Underground-Formationen, die in Sofia nach dem Fall des eisernen Vorhanges gegründet wurde, genau dort an, wo Portishead mit ihrem neuen Album nicht mehr anknüpfen wollten. Streicherarrangements treffen auf sanfte Gitarrenklänge, fette Trip Hop Beats auf flächige Chill Out-Sounds. Bluba Lu’s Klangkosmos basiert auf den Gründern der Formation – Konstantin Katsarski und Dimitar Paskalev, und das von Dirigent Ilia Mihaylov geführte „Primo Kammerorchester“ bildet das Herzstück dieses Ensembles. Über all dem schwebt der esoterisch-verhangene Gesang von Roni (aka Andronia Popova), der momentan angesagtesten Stimme des bulgarischen Undergrounds. Sie versteht es mit hochemotionaler Stimme die 14 ausnahmslos supersinnlichen Stücke mit ihren poetischen Texten noch filigraner zu gestalten, und dazu wählt sie die von ihr favorisierte Gedichtform bzw. Versform „Haiku“. Mit ihrem bereits vierten Album „World Melancholy“ wollen die Osteuropäer, die bereits von Polen bis in die Slowakei gefeiert werden, nun auch dem Rest Europas zeigen, was diese Mixtur darf, kann, soll. Abseits der üblichen Trampelpfade des Pop-Business ist „World Melancholy“ ein exotischer Genuss mit latentem Sucht-Faktor. Herbstmusik!

www.myspace.com/blubalu
www.blubalu.net
www.worldmelancholy.net

Daniela und Ann: Samba-Soul-Beat in Black & White (sonorama records)

Diese seltene LP, die 1969 in kleiner Auflage ausschliesslich auf dem deutschen Orange-Label von Produzent Hans Wewerka erschienen ist, zählt zu den ungewöhnlichsten Latin & Brazilian Sounds aus Europa. Ann Helstone (19) wurde durch ihren grossen Erfolg in der Münchner „Hair“-Aufführung bekannt und hat hier erstmals die Chance, auf einem Album ihr südliches Temperament zu zeigen. Daniela Milatovic (18) setzt ihre mit einigen Singles und einer LP begonnene Karriere fort. Das 17-köpfige Ensemble Carlos Fendeira versüßt den kristallklaren Gesang von Daniela und Ann zu einem mustergültigen Zeitdokument der Groove- und Orchester-Ära der ausgehenden Sechziger. Durchzogen von exzellenten Arrangements und aufwendiger Instrumentierung bietet das Album zwischen London-Sound und Rio-Rhythmus unwiderstehliche Melodien und Harmonien. Die meisten der enthaltenen Samba-, Soul Pop- und Bossa Nova-Nummern wurden von Dusko Goykovich, Lothar Meid oder von mysteriösen Komponisten wie Sid Sidney und Dave Pearl geschrieben, hinzu kam eine schöne Cover-Version des „Samba D’Orphée“ von Luiz Bonfa. Mit den zwei Instrumentals „Je Moro Mi“ und „Mi Lobo Mi Libi“ wurden diesem Sonorama Re-Release zwei bisher unveröffentlichte Bonus-Tracks beigefügt. Meine Lieblingssongs sind „Life Is Nothing But A Dream” und „Aruba“, dicht gefolgt von „The Pain In My Hear”, „The Reason Why“ und „A Man And His Girlfriend”. Finde diese fast vergessenen Perlen schärfer als südamerikanisches Feuerwasser.

www.myspace.com/sonoramarecords
www.sonorama.de
www.grooveattack.com

Menahan Street Band: Make The Road By Walking (daptone records)

Die Menahan Street Band ist eine Kollaboration von Musikern der Bands Sharon Jones & The Dap Kings, El Michels Affair, Antibalas und Budos Band, die Musiker und Produzent Thomas Brenneck, seinerseits auch Mitglied der Bands von Sharon Jones und Amy Winehouse, in seinem Brooklyner Apartment zusammengeführt hat. In seinem Schlafzimmerstudio in der Menaham Street in Bushwick sollen die Aufnahmen zu diesem Instrumental-Album entstanden sein. Das Titelstück „Make The Road By Walking“ war auch gleichzeitig die Debut-7“ der Menahan Street Band und wurde schon kurz nach seiner Veröffentlichung auf Dunham Records von Jay-Z als Sample für seine Single „Roc Boys (And the Winner is)” aus dem Album „American Gangster” benutzt. Auch eine sehr gute Cover-Version des Titelthemas aus dem Film „Rocky“ ist mit „Going The Distance“ vertreten. Mit Einflüssen, die über die übliche Funk/Soul/Afrobeat-Architektur hinausgehen, kreiert die Band einen einerseits frischen, andererseits roh klingenden wie groovenden, bläsergesteuerten Instrumental-Soul mit zahlreichen Instrumenten und spitzfindigen Arrangements. Hier wird die Fahne ehrlichen, originären oldschooligen Sounds hochgehalten. Und da Soul Musik im Zentrum neben Rhythm & Blues auch Gospel als Wurzel hat, muss ich noch das grandiose Werk „Como Now -The Voices Of Panola Co., Mississippi“ empfehlen, wo diesem gehuldigt wird. Bin Fan von Geschichtsbewusstsein und liebe diesen Sound.

www.myspace.com/daptonerecords
www.daptonerecords.com

D-Flame: Stress (souljah music)

Aufgefallen ist mir der Frankfurter Feuerwehrmann Ende der 90er als Mitglied der ehemaligen Eimsbush-Familie, und sein erstes Album „Basstard“ (2000) höre ich heute noch immer wieder gerne. Als Teil des Brothers Keepers Projekt appelliert er gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und nach drei weiteren Alben zeigt sein fünftes Studioalbum „Stress“ die konsequente Weiterentwicklung von seinem typischen Stil. Nicht nur dank seiner wohltemperierten Kontrabassstimme gehört er zu den signifikantesten Persönlichkeiten der deutschen Musikszene. Auf der ersten Veröffentlichung seines eigenen Labels Souljah Music Records präsentiert sich D-Flame wieder authentisch und souverän – ob krass und direkt oder introvertiert und gefühlvoll. Sein Tiefbass-Organ flammt alles weg. Schmunzelgarantie gibt’s mit den Smashern „Na und“ und „Stress“ sowie als Hommage an die gute alte Mary die beiden Roots Reggae Hymnen „Immer noch“ und „Teer in meinen Adern“ (feat. Spezializtz). Mit Scola groovt er im souligen Clubtrack „It’s On“, und Balladen wie „Es tut mir leid“, „Live Up!“ (feat. Rebellion Da Recaller), „Bruderbrief“, „Vermisst“ (feat. Alex Prince) und „Solution“ (feat. Scola) sind alles andere als kitschig, überzeugen sie doch vielmehr mit hochklassigem Soul und hoffnungsvollen Inhalten. Glücklich machen mich auch die HipHop Ode „Backflash“, der lustig-denkwürdige Bouncer „Gangster“, das massive „Ich will“ und das ehrliche „Stolzer Vater“, das Afrob, Samy Deluxe und D-Flame ihren Kindern widmen. Frankfurts Soulbrother No.1 burnt wie immer!

www.myspace.com/dflame
www.dflame.com

Ziggi: In Transit (greensleeves records)

Mit seinem ersten Album hat Hollands Reggae-Artist Nr.1 bereits mehr als nur einen ersten, flüchtigen Eindruck hinterlassen. Mit seinem Debut auf dem traditionsreichen Label Greensleeves wird Ziggi a.k.a. Ziggiman den Erwartungen gerecht. Er bezieht sich auf verschiedene Themen und bietet auch musikalisch eine große Bandbreite an. Nach einem kurzen Intro am Flughafen beginnt der einstündige Flug von sehr gutem Roots-Reggae über soulgetränkte Balladen bis zu trockenem Dancehall. Nach dem grossartigen „Need To Tell You This“ bringt Ziggi mit „Fight This Struggle“ die ultimative Hymne für den Kampf gegen globale Erwärmung und Umweltverschmutzung, bevor er in „Code Red“ mit schmerzverzerrter E-Gitarre ein blutiges und trauriges Bild vom Leben in der Stadt zeichnet. „Cry Murder“ ist thematisch ähnlich, kommt aber mit HipHop-Elementen und eingängige Hooklines, während „Shackles & Chains“ über den Seven Riddim des französischen Labels Special Delivery läuft. Die Gästeliste beginnt mit Gentleman auf „A Better Way“, wobei mich die heisse Dancehall-Queen Ce’Cile mit „Oh Yeah“ mehr verführt. Bleibt noch Anthony B, der auf „Blaze It Part II“ die Vorzüge der Rauchware besingt. Neben dem Lovesong „Unconditional“ wird’s auch mit „Don’t Get Down“ etwas besinnlich, wenn Ziggi mit dezenten Drummings und Akustikgitarre seine Mutter ehrt. Am Ende freuen sich die Dancehall-Fans über „Burning Redda“. Ein abwechslungsreiches Album auf Augenhöhe mit aktuellen jamaikanischen Produktionen.

www.myspace.com/ziggimusic
www.greensleeves.net

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