Montag, 30. Juni 2008

Rolys Silberscheiben des Monats Juli

CéCile: Bad Gyal
(kingstone records)

Mit ihrem äusserst provokanten Smash-Hit „Changez“ bügelte sie zur Jahrhundertwende von Bounty Killer bis Junior Kelly über diverse männliche jamaikanische Artists rüber und katapultierte sich in die Dancehall. Ein Tabu für den weiblichen Teil der karibischen Gesellschaft und die Basis für die ebenfalls starke feminine Fanbase der attraktiven Sängerin. Ihren Sing-jay-Style feilte CéCile aus, indem sie harte Texte zu zuckersüssen Melodien auf Patois toastete. Nach Hit-Singles auf Riddims wie „Diwali“, „Glue“ und „Martial Arts“ erscheint nun das 18 Track starke Debut-Album „Bad Gyal”, das neben Dancehall-Tunes auch diverse One Drop Stücke zu bieten hat. Lieblingstracks sind „Goody”, „How You Love Me”, „M-i-s-s-i-n-g” und „Hot Like We”. Bei „Talk Talk” lässt sie die Ladys wissen, dass man der besten Freundin nicht unbedingt alle Intimitäten ausplaudern sollte, falls man den Supertypen dauerhaft halten will. Das sind Auswüchse ihrer wahrheitsgemässen aber dennoch witzigen Grundeinstellung, die sie sauber lyrisch verpackt und vielen damit aus der Seele spricht. Style, Anmut, Verstand, Wahrheitsliebe und den nötigen Touch Sex – zusammenfassend die Mixtur für eine angehende karibische Diva. Mit dem Hang zur Provokation zeigt das Bad Gyal mit der losen Zunge mit ihrem Album Lady Power der besonderen Art. Eine Speerspitze durch den testosterongeschwängerten Dancehall-Corpus, der aber nicht zerstörend, sondern vielmehr aufwühlend wirkt.
www.myspace.com/cecile
www.cecileflava.com
www.kingstone.de


Aromabar: Things got to change
(infracom)

Kurz vor der Jahrtausendwende debütierten Roland Hackl und Andreas Kinzl mit dem Track „Telephone“ auf der INFRACom!-Compilation „Fast Forward“ und sprangen in die Playlists von Coldcut und Rocker’s HiFi. Mit ihrem Debütalbum „1“ addierten Aromabar betörenden Zauber und kontemplative Pop-Posen zu den Downbeats der Wiener Schule, und den Track „Little Brother“ spielte ich häufiger in der VIVA-Clipstrecke „berlin house“. Mit dem zweiten Longplayer „Milk & Honey“ (2001) wurde die Definition von „Popcouture“ einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Mit dem neuen Album„Things Got To Change“ beweisen Aromabar mal wieder, dass es möglich ist, die Grenzen zwischen Pop und moderner elektronischer Musik mit Eleganz und Esprit zu überwinden. Das Grundthema ist Authentizität, das Spielfeld heißt Pop – und es ist komplex, vielschichtig und durch Sängerin Karin Steger sowie die aus den USA stammenden Gastvokalisten von unterschiedlichen Stimmungen geprägt. „Big John“ Whitfield repräsentiert den klassischen Soul in „Cold World“ und „The Message“, während Nappy G in „Dear Friend“ rappt und Pollard Berrier die Balladen „Calling“ und „Nothing Wrong“ kongenial umsetzt. Ganz gleich, ob es sich um melancholische Liebesgeschichten oder subtile Gesellschaftskritik handelt – die Texte sind immer von einer optimistischen Grundstimmung getragen. Elektrifizierter Pop und digitaler Folk mit dem gewissen Etwas.
www.myspace.com/aromabar
www.myspace.com/infracom
www.aromabar.org
www.infracom.de


Naomi: Tweak
(mole listening pearls)

Bis zu zehn verschiedene Versionen produziert das Berliner Elektro-Pop-Duo von jeder Songidee, bis schließlich das passende Arrangement gefunden ist, bis der Song die Form hat, mit der seine Schöpfer glücklich sind. Und nachdem ich von ihren letzten beiden Alben „Pappelallee“ und „Aquarium“ mehr als begeistert war, bin ich nun gespannt, welche ungehobenen musikalischen Schätze die Festplatten von Bernd Lechler und Nico Tobias beherbergen. Für ihr viertes Album „Tweak“ haben die beiden Songwriter, die perfekt zwischen bittersüßen Harmonien und entspannten Rhythmen balancieren, einige ihrer liebsten Alternativ-Versionen zusammengestellt und auf der anderen Seite komplett neue Songs aufgenommen. Das noch halbfertige „Trust“, ursprünglich mal für „Pappelallee“ geschrieben, fand sich auf einer fast vergessenen Festplatte – und gehört ganz offensichtlich zum Schönsten, was Naomi je produziert hat. Die kontemplativ lebensbejahende Ballade „The Party“ war für das letzte Album „Aquarium“ gedacht, „God Knows What God Knows“, das düstere Gefecht eines hysterischen Predigers mit einem Engelschor, entstand noch vor dem Debut-Album „Everyone Loves You“. Ganz groß auch die nie veröffentlichte Single-Version des amnesty-international-Songs „Go“. Ideen und Werke, die vor Jahren mit Fragezeichen versehen wurden, ergeben plötzlich wieder Sinn und erblicken zu recht doch noch das Licht der Welt. 14 wohltuende Songs, atmosphärisch dicht wie immer.
www.myspace.com/naomiberlin
www.thisisnaomi.com
www.mole.de

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