Montag, 5. Dezember 2005

Noticias de España

Wieder mal Zeit für eine spanische Zwischenbilanz. Beginnen wir mit einer Geschichte zum Lachen. Letzte Woche fand die Guardia Civil, die von Francos Zeiten übriggebliebene Polizeiarmee, unter dem Beifahrersitz in Jacintos Auto 80 Gramm Hanfblüten. Er kam gerade vom Einkaufen. Pech auf der einen und doch Glück auf der anderen Seite: Auf dem Anzeigenformular, das ihm die Exekutivbeamten aushändigten, waren nur 20 Gramm verzeichnet. Ob die restlichen 60 Gramm zum Eigenbedarf oder zur Aufbesserung der Eigenökonomie gedacht waren – quasi als Trinkgeld für die Angestellten – sei dahingestellt.

Franciscos diesjährigen Erfolg konnten wir schon im Juni bewundern: Ein Dschungel aus gut 40 bis zu drei Metern hohe Pflanzen auf einer Dachterrasse Umso größer unsere Verwunderung den Platz beim letzten Besuch völlig verwaist vorzufinden. Francisco hatte alle Pflanzen liegend (!) per Lieferwagen zu seinem Onkel verfrachtet, nachdem zweimal ein Helikopter einige Zeit über dem Haus stillgeschwebt war. Sicher ist sicher.

„El pardal“ ist eine der ältesten und eine der abgelegensten Kommunen Spaniens. 28 Kilometer Bergstraße führen mitten hinein in den Naturpark der Sierra de Grazalema, weitere elf Kilometer „Erdstraße“ dorthin, wo „se termina el mundo“, die Welt aufhört, so erklärte uns ein Spanier den Weg. Auf 1.500 Metern lebt Wolfgang seit rund 25 Jahren mit seiner Familie praktisch als Selbstversorger und das in allen Bereichen. Die 30 Pflanzen, die am sonnigen Südhang wachsen, sind zwar für spanische Verhältnisse (!) eher klein, was bei dieser Höhenlage aber nicht verwundert Das Aroma der Blüten reicht von Zitrone über Orange bis Himbeere, die Kristalle glitzern in der klaren Bergluft. Als wir später auf der Bank vor dem Haus sitzen, blasen wir grünen Rauch in eine Landschaft voller Ruhe und Schönheit, lassen den Blick über Berge ohne Mensch und Haus bis zum Horizont schweifen. An so einem Platz wird mir wieder einmal klar, dass es wirklich auf die Dreifaltigkeit drug, set und setting ankommt, die für die Wirkung einer Substanz verantwortlich ist. An diesem Ort wirkt ein Joint so völlig anders als in einem Zimmer, in der Stadt, in einem anderen Land.

Die Familienmitglieder unter 25 Kilo beim Sitter untergebracht, bleibt auch uns Zeit, die abendliche Fülle Sevillas zu erleben. Bier und Tapas in der Bar, noch genug Zeit bevor das Kino anfängt, da wäre eine grüne geistig-seelisch-körperliche Verdauungshilfe gut. Doch irgendwie sind wir zu faul, um Verkäufer zu suchen, und Gras wäre uns sowieso lieber. Also schauen wir lieber bei Enrique im „Doble Zero“ vorbei, alter Freund und Präsident des Hanf-Vereins in Sevilla. Das Angebot ist vollständig wie immer: Alles da für den Grow-Bedarf, ausgewählte Literatur, Rauchwerk, Kleidung mit einschlägigen Aufdrucken und Verzierungen, Parafernalien von ledernen Paper-Täschchen (momentan DER Renner in Spanien) bis zu Halsketten aus Hanfsamen. Als wir erwähnen, dass dies heute unser Paarabend und Elternurlaub ist, grinst Enrique, der Theologie studiert hat und eigentlich Pfarrer werden wollte, verständnisvoll, fasst in den Wandverbau hinter der Theke und schmeisst uns schwungvoll ein Säckchen Gras aus eigenem Anbau rüber. Wir erstehen noch die notwendigen Paper und dann sitzen wir ohne Ablenkung von Kind und Hund tief versunken in hochgeistige Gespräche auf der Alameda, dem schönsten Platz zum Ausgehen in Sevilla. Dort, mitten im Herzen der Stadt, kann man immer noch offen auf der Parkbank bauen, auch wenn man diese mit acht anderen Spaniern teilt – sie tun dasselbe. Die Bars, wo man auf der Terrasse ungestört bauen und smoken kann, erkennt man leicht an der Anzahl der Hunde, die zwischen den Tischen und Stühlen höchst vergnügt herumsausen. Je bunter die Kleidung und je filziger die Haare, desto entspannter der Platz – also so wie woanders auch.

Im einzigen besetzten Haus der Stadt findet zweimal die Woche ein Treffen der Menschen statt, die sich gerne kreativ bewegen. Jonglage, Devil Stick, Pois, Diabolo, alles hat dort seinen Platz und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass dabei auch geraucht wird. In Salzburg gibt es – zumindest bei schönem Wetter – im weitläufigen Stadtpark ebenfalls so ein Treffen. Geraucht wird dort abseits der Gruppe hinter Büschen und Bäumen am liebsten schon Fertiggebautes. Wo im Süden der Hanf-Genuss eine einende Wirkung auf die Gruppe hat, wirkt er im Alpenland zwar durchaus auch einend, allerdings auf die zwei oder drei, die dort mehr oder weniger versteckt zusammenhocken. So kann es durchaus sein, dass bei so einem Treffen alle kiffen, die Einzelgruppen untereinander aber nichts davon wissen. Strengere Gesetze und größere Angst machen es schwerer, selbst bei „einschlägigem Publikum“ (welch schöner Name) mit offenen Karten zu spielen. So bleibt die einende Wirkung, die sich auf die gerade anwesende Gesamtgruppe von Menschen bezieht, außen vor. Und manchmal sieht man an den Blicken, den Bewegungen ja selbst an der Sitzhaltung die Vorsicht und Angst der Leute, einen Joint weiterzugeben. Es gleicht eher einer Mutprobe als einem Genussmittel-Konsum zum Zwecke der Entspannung. Es ist einer der Gründe, warum ich Spanien so liebe. Denn entspannt zu sein, sind wir ehrlich, ist schon sehr super …

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