Donnerstag, 10. März 2005

Kessel, Tower oder Colleseum 

Vertical Growing

Welcher Grower hat nicht schon einmal von der Halbierung der
Stromkosten oder einem Ertrag von zwei Gramm pro Watt geträumt? Dank
einer Technik, die ursprünglich in den USA entwickelt wurde, ist das
seit neuestem möglich. Vertical Growing heißt das Zauberwort, womit die
Anordnung der Lampen im Grow-Raum gemeint ist. Das heißt, die Lampen
stehen senkrecht in der Mitte des Raumes und die Pflanzen sind
kreisförmig um die Lampen angeordnet und wachsen vertikal auf sie zu,
was zur Folge hat, dass fast kein Licht vergeudet wird. Aufgrund der
nahezu 100 %igen Lichtausbeute ist die Fläche, die pro Lampe zur
Verfügung steht, nahezu doppelt so groß wie bei herkömmlichen Systemen.
Beispielsweise kann mit 2 x 400 Watt ND-Lampen durch die kreisförmige,
übereinanderliegende Anordnung der Pflanzen eine Stellfläche von 3,25
m² erreicht werden, zwar mit etwas kleineren Erträgen pro Pflanze,
jedoch im Vergleich zu herkömmlichen Systemen(1 g/Watt) ist es bei
sachgemäßer Pflege ungefähr das Doppelte(2 g/Watt).

Das alles ist natürlich nur in Verbindung mit einer absaugbaren
Glasröhre möglich, durch die die entstehende Hitze aus dem System
abtransportiert wird, also einem Cooltube. Gefiltert wird die Abluft
mit einem Aktivkohlefilter, der am Ende des Belüftungsschlauchs
montiert wird. Als Medium können je nach Modell nahezu alle
hydroponischen Medien verwendet werden, wobei die vom Fachhandel
angebotenen Modelle im Normalfall speziell für ein Medium ausgelegt
sind. So empfiehlt der Hersteller des Coliseums, seine Anlage mit einem
50:50 Coco-Perlite-Gemisch oder aeroponisch zu betreiben.. Andere
Systeme, wie beispielsweise der Easygrower aus Rotterdam, haben
spezielle Einschubfächer für Steinwollmatten.

Die Belüftung erfolgt durch Unterdruck, der durch den Absaugventilator
entsteht, dieser saugt gleichzeitig die entstehende Hitze aus den
Glasröhren ab, in denen die ND-Lampen montiert sind. Für die
Bewässerung ist ein handelsübliches PE-Schlauchsystem integriert, sie
erfolgt je nach System rezirkulierend mit Tropfern und Abwasser oder
beim Coliseum wahlweise auch mit Sprühdüsen für die freihängenden
Wurzeln. Die meisten Modelle stehen auf einem integrierten Tank, in dem
die Nährstofflösung ständig durch eine (sehr leise) Pumpe mit
Sauerstoff angereichert wird. Ein tägliches Kontrollieren von EC-Wert,
pH-Wert und Temperatur der Nährstofflösung sind selbstverständlich.

Sehr wichtig ist es gutes Ausgangsmaterial, also Stecklinge zu haben.
Diese sollten alle von einer (wenn möglich kleinwüchsigen) Sorte und
sehr gut bewurzelt sein, damit erstens die Blütephase möglichst nach
zwei bis drei Tagen Wachstum eingeleitet werden kann und zweitens die
Mädels nicht so lang werden, dass sie mit dem Kopf an die Lampe stoßen.
Bei den kleineren Modellen dieser Bauart ist es ratsam, die großen
Blätter in der zweiten bis dritten Blütewoche ein wenig (!) zu
beschneiden, um den Spitzen den direkten Zugang zur Sonne nicht zu
nehmen. Alle auf dem Markt erhältlichen kleineren Modelle sind oben
geschlossen, lassen sich bei Außenmaßen von ca. 1,30 x 1,40 Meter
problemlos in fast jede Wohnung stellen und können, sollten es die
Umstände erfordern, mit Sperrholz oder Rigipsplatten als Podest,
Schrank oder ähnliches getarnt werden. Ein Tipp für erfahrene Bastler:
Mittlerweile sind schon Heimwerkernachbauten aus Sperrholz und
Abwasserrohren aufgetaucht, die ihren Zweck ohne weiteres erfüllen . . .

Stößt man in Fachzeitschriften oder im Internet auf Werbung für einen
„Kessel“ oder einen „Tower“, klingt natürlich alles immer einfacher,
als es ist. Ein Grow hiermit ist sicher kein Kinderspiel, Anfängern und
Geldgeiern ist vom Gebrauch auf jeden Fall abzuraten, denn hier gilt:
Eventuelle Probleme wie Schädlinge, falsches Klima, Überdüngung oder
ähnliches haben aufgrund der hohen Stelldichte viel verheerendere
Auswirkungen als bei normalen Systemen. Der Betreiber braucht ein in
hohem Maße wachsames Auge für Schädlinge und Pilze aller Art, auch alle
anderen Faktoren wie Tages- und Nachttemperatur, Luftfeuchtigkeit,
Düngergabe etc. müssen ständig und genauestens kontrolliert werden.
Auch ist darauf zu achten, dass der Raum, in dem das gute Stück steht,
ein kippbares Fenster hat oder auf eine andere Art und Weise mit
Frischluft versorgt werden kann.

Der Dünger sollte speziell auf rezirkulierende Systeme abgestimmt sein,
das verringert das ständige Nachregeln des EC-Wertes auf ein
erträgliches Maß. Anfänglich sollte der EC-Wert bei 1,4 liegen, dabei
an die gute Bewurzelung denken. Gegen Ende der Blühphase sollte er den
Wert von 1,82,0 nicht übersteigen, denn die Pflanzen werden nur
maximal 55 cm hoch (breit) und können gar nicht so viel Nahrung
aufnehmen. Der pH-Wert liegt durchgehend bei 5,5. Auf gar keinen Fall
darf zuviel gewässert werden! Am besten ist es, mit kurzen
Bewässerungszeiten anzufangen und diese bei Bedarf zu steigern, um ein
zu starkes Durchnässen der Matten von vornherein zu verhindern. Auch
die Pflege ist nichts für Unsportliche, da für viele Handgriffe eine
Leiter notwendig ist, im Idealfall müssen die Pflanzen während der
gesamten Blühphase nur einmal „bearbeitet“ werden.

Bedenken, die einseitig wirkende Schwerkraft könnte für Verwirrung bei
den Liebsten führen, haben sich bis dato als gegenstandslos erwiesen,
wachsen die Pflanzen doch zuerst einmal in Richtung Lichtquelle und
werden nur ein klein wenig von der Schwerkraft beeinflusst. Auf diese
Weise wachsen sie je nach Modell in einem Winkel von 1545 Grad.
Natürlich ist bei der Stecklingswahl auch auf stabile Stängel zu
achten, da diese später eine ganze Menge tragen sollten  und das quer.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass bei richtiger Handhabung bisher
nicht für möglich gehaltene Ergebnisse bei geringem Stromverbrauch
erzielt werden konnten, aufgrund der Komplexität ist ein Gebrauch
jedoch nur erfahrenen Hydroponikern zu empfehlen. Vor allem bei
Anschaffungskosten für ein betriebsfertiges Komplettsystem von
20004000 € sollte man genau überlegen, worauf man sich einlässt.

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