Donnerstag, 10. März 2005

Rot/Grün lässt Kranke leiden

Geheimgehaltenes Pilotprojekt zur medizinischen Nutzung von Hanf steht vor dem Aus

Seit 2000 baut die Münchener Firma „Südhanf“ THC-haltige Hanf-Blüten
mit Genehmigung deutscher Behörden an. Inzwischen hat sie massive
Schwierigkeiten, für ihr Produkt Abnehmer zu finden. Was war passiert?
Dem Firmengründer und Geschäftsführer von Südhanf, Manfred Sawetzky,
bekam nach mehreren vergeblichen Anläufen, eine Ausnahmegenehmigung der
Bundes-Opiumstelle zum Anbau THC-haltigen Hanfs. Die Geschäftsidee war,
Hanf-Blüten an Pharma-Konzerne zu veräußern, die auf ausdrücklichen
Wunsch des Bundes-Gesundheitsministeriums damit beauftragt waren, aus
eben diesen Blüten ein apothekenfähiges Medikament zu entwickeln. So
geschehen in den Jahren 2000 bis 2003. Anfang 2004 bekundete Berlin
plötzlich kein Interesse mehr an der Forschungsarbeit, woraufhin sich
die laut „Süddeutscher Zeitung“ vom 14.02.2005 beteiligten Firmen Merck
und Bionorica aus dem  Geschäft zurückgezogen hätten.
Selbst im Drogen- und Suchtbericht 2004 wird weiterer Handlungsbedarf
bestätigt. Auch im Koalitionsvertrag von 2002 wird ausdrücklich darauf
hingewiesen, dass „die Verschreibungsmöglichkeiten von
Cannabis-Präparaten in wissenschaftlich anerkannten Fällen
weiterentwickelt werden sollen“, ohne dies mit der
Legalisierungsdebatte zu vermischen.
Nun findet das Münchener Unternehmen keine Abnehmer mehr für sein
Produkt. Auch der Antrag von Südhanf, die Blüten als solche
verschreibungsfähig und damit für Kranke auf Rezept zugänglich zu
machen, wurde Anfang des Jahres abgelehnt. Daraufhin brach Sawetzky das
ihm staatlicherseits auferlegte Schweigegelübde bezüglich seines
Broterwerbes und wandte sich an die Öffentlichkeit.
Noch wird der Hanf in einer alten Bunkeranlage in der bayrischen
Landeshauptstadt unter Natriumdampf-Lampen angebaut. Gezüchtet werden
hauptsächlich Kreuzungen selbstimportierter Samen aus Afrika und dem
Himalaya, versuchsweise arbeitet Südhanf auch mit niederländischen und
Schweizer Samen. Verwendet wird ausschließlich selbstgemischtes
Erdsubstrat, bei Bedarf wird in der Endblütenphase biologischer
Flüssigdünger eingesetzt. Alle Pflanzen werden aus Samen gezüchtet.
Nach Aussage des Firmengründers sei allerdings für ein standardisiertes
Produkt eine Vermehrung aus Stecklingen notwendig. Schädlingsprobleme
seien im Bunker bis dato noch nie aufgetreten.
Sawetzky hofft jetzt, dass durch die aktuelle Rechtssprechung eine
Wende in der Gesundheitspolitik eintreten könnte. So sprach ein
Mannheimer Schöffengericht in einer Berufungsverhandlung im Januar 2005
einen an Multiple Sklerose erkrankten Mann frei. Er war wegen des
Anbaus von Cannabis angeklagt, obwohl er nachweislich durch den Konsum
von Cannabis die Symptome seiner Krankheit lindern konnte. Ein
ähnliches Urteil fällte das Berliner Landgericht schon im November 2003
bei einem an dem chronischen Darmleiden Morbus Crohn Erkrankten, ein
dritter Richterspruch dieser Art ist noch nicht rechtskräftig.
Ein wahrlich desaströser Zustand herrscht in diesem Land. Immer mehr
Kranke müssen vor Gericht ziehen, um überhaupt auf legalem Weg ihre
Krankheitssymptome zumindest aus eigener Tasche lindern zu dürfen.
Gleichzeitig wird dem einzigen Produzenten, der ein preisgünstiges
Mittel zur Selbsthilfe anbietet, die Abgabe seiner Medizin verwehrt.
Und das alles nur, weil dieses Präparat auch als Rauschmittel verwendet
werden könnte. Das gilt allerdings für sehr viele Arzneimittel und darf
kein Grund sein, Grundlagenforschung zu behindern oder chronisch Kranke
weiter leiden zu lassen.
Die Möglichkeit der Gabe von Dronabinol ist aus Verbrauchersicht
inakzeptabel, denn die meisten Krankenkassen übernehmen die Kosten des
teuren Medikamentes nicht. So geschehen im oben erwähnten Fall in
Mannheim. Der Preis pro Milligramm Dronabinol liegt zur Zeit bei etwa
80 Cent. Eine Behandlung kostet somit monatlich je nach Tagesdosierung
zwischen 240 und 480 Euro. Die pflanzliche Alternative schlüge mit 30
bis 60 Euro zu Buche.
Wie schön, dass hier mal wieder politisches Kalkül die Behandlung
chronisch kranker Menschen verhindert, diese zusätzlich kriminalisiert
und die Verschwendung von Krankenkassenbeiträgen billigend in Kauf
nimmt. Auf Anfrage bei der Firma Bionorica erfuhren wir, dass, aufgrund
bürokratischer Hindernisse momentan in Deutschland keine vernünftige
Forschung möglich sei. Soviel dazu, Frau Schmidt! Zukünftig wird die
Phyto-Arzneifirma auf diesem Gebiet in Österreich weiterforschen und
zwar im konservativ regierten Tirol.

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