Donnerstag, 27. Januar 2005

Feuer auf Caspers-Merk

Mangelhafte Lesekompetenz oder Versuch einer Minipulation…

Seit der Veröffentlichung der letzten Pisa-Studie ist der Begriff der
„mangelhaften Lesekompetenz“ wieder in aller Munde. Doch das Manko an
Lesekompetenz scheint nicht nur Jugendliche zu betreffen, sondern allem
Anschein nach auch erwachsene Personen in Regierungskreisen. Diesen
Eindruck vermittelt auf jeden Fall die Pressemitteilung vom 30.
November dieses Jahres aus dem Gesundheits-Ministerium.

Am 30. November 2004 veröffentlichte das Ministerium für Gesundheit und
Soziale Sicherung zum Thema „Jugendkult“ unter dem Titel „Cannabis –
Risiken werden oft verharmlost, Hilfen für riskante Konsumenten
erforderlich“ eine Pressemitteilung. Darin heißt es: „Unter dem Titel
„Jugendkult Cannabis: Risiken und Hilfen“ ist heute die zweitägige
Fachkonferenz zu Ende gegangen, zu der die Parlamentarische
Staatssekretärin und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion
Caspers-Merk, Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und
Praxis eingeladen hat. Ziel der Tagung war zum einen zu klären, wie
sich die Konsummuster bei Cannabis in den letzten Jahren verändert
haben. Zum anderen wurde diskutiert, welche Strategien der Prävention
und Behandlung am geeignetsten sind, um dem problematischen Konsum vor
allem unter Jugendlichen zu begegnen [. . .] Die große Mehrheit der
Konsumenten belässt es bislang bei einem bloßen „Probieren“.
Gleichzeitig kiffen aber immer mehr junge Leute in exzessivem Ausmaß
und sind praktisch den ganzen Tag „breit“. Hiervon sind besonders junge
Männer betroffen, die sich noch in der schulischen bzw. beruflichen
Orientierungsphase befinden.
Auch ist das Einstiegsalter in den letzten Jahren gesunken. Cannabis
ist die einzige illegale Droge, bei der in den letzten Jahren das
Durchschnittsalter beim Erstkonsum gesunken ist: Während es 1993 noch
bei 17,5 Jahren lag, liegt es aktuell bei 16,4 Jahren, wie die heute
veröffentlichte „Drogenaffinitätsstudie“ der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung herausgefunden hat. Deshalb ist
Frühintervention besonders wichtig, weil man weiß, dass das Risiko für
eine psychische Abhängigkeit umso größer ist, je früher die
Jugendlichen zum Joint greifen.“
Dieser Text vermittelt den Eindruck, dass immer mehr Jugendliche sich
zu „Dauerkiffern“ entwickeln. Doch die Datenlage, die in der Studie
veröffentlicht wurde, zeigt ein völlig anderes Bild. Zwar ist die Zahl
der jungen Leute mit Cannabis-Erfahrung [Probierer] in den letzten zehn
Jahren deutlich gestiegen, doch die Zahl der „gegenwärtigen
Drogengebraucher“ [Dauerkonsumenten] ist heute nicht größer als vor
zwanzig Jahren. Vergleiche hierzu Tabelle 1.
Bemerkenswert an dieser Tatsache ist, dass es für die Zahl der
„Dauerkiffer“ völlig unerheblich ist, wie groß die Zahl der Probierer
ist, das heißt, wissenschaftlich ausgedrückt, die Zahl der
„Dauerkiffer“ ist keine Variable der Zahl der „Probierer“. Neue
generalpräventive oder primärpräventive Maßnahmen zur Reduzierung der
Zahl der „Probierer“ haben – selbst wenn sie erfolgreich sind –
praktisch keinen Einfluss auf die Zahl der „Dauerkiffer“. Da jedoch die
„Probierer“ kein gesellschaftliches Problem darstellen, sondern gemäß
Studie nur die „Dauerkiffer“, helfen allfällige neue generalpräventive
Maßnahmen nicht, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Solche Maßnahmen
können darum als reine Geldverschwendung bezeichnet werden. Hingegen
könnten Maßnahmen zur Förderung der Drogen-Mündigkeit hier vermutlich
weit mehr bewirken, haben doch letztgenannte Maßnahmen, wie sie von
verschiedenen Szeneorganisationen durchgeführt wurden, im Bereich von
Ecstasy deutlich zu einer Minderung der Probleme beigetragen.
Fast beschwörend liest sich der folgende Satz in der Pressemitteilung:
„Jeder Zweite, der heute wegen des Konsums illegaler Drogen zum ersten
Mal in seinem Leben eine Beratungsstelle aufsucht, kommt wegen
Cannabis.“ Es wird hier jedoch nicht darauf hingewiesen, dass viele
diese Leute nicht in erster Linie wegen Cannabis-Problemen, sondern
wegen polizeilicher oder gerichtlicher Auflagen eine Beratungsstelle
aufgesucht haben. Sie sind somit unter „Zwang“ in die Beratungsstellen
gekommen. Doch genaue Zahlen zum Anteil derer, die unter „Zwang“ die
Beratungsstellen aufgesucht haben, veröffentlicht das Ministerium nicht
– diese Zahlen würden ja auch die politischen Absichten zu deutlich
offenbaren, denn mit der hohen Zahl an Cannabis-Konsumenten, die
Beratungsstellen aufsuchen, will man ja neue „Zwangsmaßnahmen“
begründen respektive rechtfertigen.
Verantwortlich für Pressemitteilungen zum Thema Drogen im
Gesundheits-Ministerium ist die Drogen-Beauftragte Marion Caspers-Merk.
Hier kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Frau entweder
an einem Manko an Lesekompetenz leidet – sie kann die Datenlage aus der
Studie nicht sachlich richtig wiedergeben und interpretieren – oder es
liegt ein weiter Fall eines vorsätzlichen Versuches der Manipulation
der öffentlichen Meinung vor!
Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2004
[November 2004] – Eine Wiederholungsbefragung der Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung – Teilband Illegale Drogen www.bzga.de

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