Donnerstag, 27. Januar 2005

Palmen, Weed und Kokablätter

Auf Tour durch Argentinien

6 Uhr morgens. Flughafen Buenos Aires. Ich sitze völlig übernächtigt
gegenüber der Geldwechselstube. Noch keine Spanischkenntnisse. Die
kalte Atmosphäre der Flughafenhalle drängt mich nach draußen. Verwirrt
packe ich meinen Rucksack und gehe aus dem Gebäude. Mir steigt ein
Geruch von Sonne und Südamerika in die Nase und ein Wohlgefühl
durchläuft meinen Körper. Die Luft ist wärmer und ich sehe die erste
Palme. Mir kommt ein Mann entgegen, latino, schmuddelig, und drängt
mich in sein Taxi. Mühevoll entreiße ich mich seinen Klauen. Unzählige
Geschichten im Reiseführer über die hinterhältigen Taxifahrer am
Flughafen nötigen mich dazu, den Bus ins Zentrum zu nehmen.  

Der Busfahrer lächelt mich freundlich an und will mir mein Gepäck
abnehmen. Auf keinen Fall gebe ich meinen Rucksack ab. Ich nehme ihn
zwischen die Füße. Nach 15 Minuten setzt sich der Bus mit noch vier
weiteren Touristen in Bewegung. Die Busfahrt führt mich vorbei an den
äußersten Randgebieten von Buenos Aires, Slums. Das also ist Buenos
Aires.
Wir fahren auf einer dreispurigen Straße. Gelegentlich überholt uns ein
Pick-Up mit vielen Kindern auf der Pritsche. Kilometer für Kilometer
nehmen die Stockwerke der Häuser zu. Im Zentrum überschlagen sich meine
Eindrücke. Ein riesiger gläserner Microsoft-Turm, pulsierendes Leben,
Dieselbusse preschen an mir vorbei. 

Am Bus-Terminal angekommen, weiß ich nicht wohin. Mindestens 100
Plattformen. Jede Minute kommen und gehen Reisebusse in alle möglichen
Richtungen des Landes. Menschenmengen und Stimmengewirr lassen mich
klein und nichtig erscheinen. Diese Sprache soll ich lernen?

In zwölf Stunden geht mein Bus nach Cordoba. Ich kann also den ganzen Tag durch die Metropole schlendern.
Erstmal trinke ich einen Kaffee. Es ist warm, die Leute reden eine
andere Sprache.Aber wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich auch in
London sitzen.

Eine Vielzahl unterschiedlichster Hautfarben bahnt sich den Weg durch
die Innenstadt. In der Fußgängerzone wundere ich mich über die
Bankfilialen, die alle mit starken Eisenplatten gesichert sind. Ich
höre Klopfgeräusche und Geschrei. Ein paar kauzige alte Männer und
Frauen stehen davor und schreien „ladron“ (Dieb) und klopfen mit
kleinen Hämmerchen die ganze Zeit gegen die Platten, die schon komplett
verdellt sind. Demonstrationen gegen die Regierung, die Banken und die
Resultate der Wirtschaftskrise.

Auf den Straßen bieten die Verkäufer Socken, Batterien, Parfüms und
anderes Zeugs an. Mein Weg führt mich durch Häuserschluchten in
Richtung „La Boca“. Hafenviertel. Dort erstrahlen die Häuser in bunten
Farben. Künstler stellen ihre Bilder auf der Straße aus. Das
Fußballstadion von Boca Juniors liegt auf meinem Weg, der Verein, in
dem Maradona groß geworden ist. Musik ertönt. Ich folge den Klängen und
treffe auf einen kleinen Platz, auf dem Pärchen Tango tanzen. Elegant
und gleichzeitig melancholisch anzusehen.

Die zwölf Stunden sind fast um. Ich muss zurück zum Bus-Terminal. Der
Bus nach Cordoba ist luxuriös. Mit Fernseher und sehr gemütlichen
Sitzen. Ich lehne mich zurück, der Film beginnt und irgendwann schlafe
ich ein.

Morgens um acht. Cordoba. Total verschlafen steige ich aus dem Bus.
Erstmal in ein Hotel. Das billigste rausgesucht und hin. Hotel
„Helvetia“. Eine weiße Fassade mit kleinen Balkonen. Es gibt einen
großen Innenhof. Ich bin froh, als ich auf meinem Zimmer liege und mich
endlich nach 48 Stunden entspannen kann. Der Ventilator an der Decke
läuft.

Am ersten Tag mache ich die Bekanntschaft von Nicolas. Nicolas ist 25,
Latino, sympathisch. Seine Freundin Valentina macht einen verrückten
Eindruck. Im Radio laüft Musik. Wir unterhalten uns etwas auf englisch.
Zur Sicherheit habe ich mir noch einen kleinen Krümel Haschisch von
Frankfurt mitgebracht. Diesen rauche ich mit Nicolas und Valentina.

Die beiden werden meine Weggefährten für die nächste Zeit. Ich bleibe
erstmal im Hotel wohnen. Nicolas erzählt mir von sich. Er ist Dieb.
Klaut Sonnenbrillen und Johnny Walker-Flaschen und verkauft sie weiter.
Kaufe mir natürlich auch eine. Nicolas kann auch Marihuana
organisieren. Alles klar. Ich gebe ihm Geld. Er kommt eine Stunde
später wieder mit einem zusammengepressten Würfel, der eher an
Katzenscheiße erinnert als an gutes Hollandgras. Nach dem ersten Test
sagen mir meine ausgeprägten Sinne, dass es rauchbar ist. Und
billig. 

Nach weiteren Wochen in dieser Stadt begegne ich zum ersten Mal dem
weißen Gold Südamerikas. Nicolas hält mir abends in der Bar einen
Schlüssel hin, auf dem sich ein kleiner weißer Pulverberg befindet.
Tomalo! Naja, warum nicht, bin ja schließlich in Südamerika. Auf dem
Weg in meine Nase fällt die Hälfte auf den Boden. Niemand kümmert sich
wirklich darum. Es gibt ja noch genug. Warum auch. Ein Briefchen kostet
zehn Pesos, was so circa drei Euro sind für ein dreiviertel Gramm.
Damit lässt es sich leben. Natürlich gibt es auch
Qualitätsunterschiede, aber das ist eher von den richtigen Verbindungen
als vom Preis abhängig. 

In Kontakt mit der Rohform dieses Gewächses komme ich auf einem kurzen
Trip in die nordwestliche Region Argentiniens. In den Provinzen, die an
Bolivien und Chile grenzen, ist der Genuss von Koka-Blättern erlaubt.
In jedem kleinen Geschäft werden die Blätter angeboten.
Ich kaufe mir dort also einen Beutel voller Kokablätter, nehme davon
eine Hand voll in den Mund und zerkaue sie zu einem Brei. Dazu mische
ich noch ein bißchen Kalk, damit sich das Alkaloid löst. Der Klumpen
fühlt sich nicht gerade angenehm an, aber nach einer Stunde stellt sich
ein leichtes Taubheitsgefühl in meiner Backe ein. In den Höhenregionen
von 4500 Meter strengt mich jede kleine Bewegung ungemein an. Nachdem
ich die Blätter lange genug im Mund behalten habe, komme ich mit der
dünnen Luft besser zurecht. Die Kopfschmerzen nehmen ab und die
Anstrengung eines kleinen Fußmarsches stecke ich nun leichter weg. So
wie die Postboten in der Inka-Zeit, die dank der leistungssteigernden
Wirkung des Koka lange Strecken durch das Land überwinden konnten.

Da ich auf der Rückfahrt nach Cordoba nochmal durch Grenzgebiet komme,
muss ich die Blätter leider rechtzeitig entfernen und mich von nun an
wieder mit der synthetischen Form begnügen.

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