Donnerstag, 2. Dezember 2004

Claudias kleine Welt

Brave New World

Schon klar, dass es in unserer so genannten „zivilisierten“
Gesellschaft keinerlei Rahmenbedingungen für einen vernünftigen Umgang
mit Genussmitteln gibt noch je einen gegeben hat. Trotzdem verblüfft
mich die Unbekümmertheit, mit der an dieses Thema herangegangen wird,
ein ums andere Mal wieder. Als ich letzte Woche  zur Abhärtung quasi 
mal ein Spielzeuggeschäft von innen inspizierte traute ich meinen Augen
kaum: neben ohnehin schon skandalösen Plastikwaschmaschinen, Bügeleisen
und ähnlichem (wohlgemerkt alle mit strahlend lächelnden Mädchen auf
der Verpackung, es lebe die Rollenverteilung) stand da eine
Spielzeugkaffeemaschine im Regal, einfach so. Damit die Kleinen gleich
mal darauf geeicht werden, wie man den Kreislauf „zu spät ins Bett, zu
früh auf und dennoch leistungsfähig“ am Besten bewältigt. Auch mein
siebenjähriger Neffe darf schon „richtigen“ Kaffee mit den Erwachsenen
trinken (noch dazu am Nachmittag) und hin und wieder am Bier nippen. An
der Supermarktkasse sitzt im Einkaufswagen vor mir ein Dreijähriger mit
einem Energydrink in der Hand. Fragen drängen sich da auf: Wie lange
wird es wohl dauern, bis es Spielzeug-Zigarettenautomaten gibt
(Schokozigaretten gibt es ja schon)?Wann gibt es endlich Sanostol mit
Guarana? Und: Wäre Hanf legal, würde es dann auch Kinder-Bongs geben?
„Macht Rauch, sieht aus wie echt“ oder so? Göttin, schick Hirn vom
Himmel!

Apropos Kinder: als die Vereinigten Staaten noch in selbigen Schuhen
steckten, ließen sie den chinesischen „Gast“arbeitern ihr gewohntes
Opium zumindest so lange, wie es ihnen selber zum Vorteil gereichte,
also solange es dazu beitrug, die strapaziöse Arbeit an den
Eisenbahntrassen besser auszuhalten. Verboten wurde es erst nach deren
Fertigstellung, als man die Chinesen als unliebsame
Arbeitsplatzkonkurrenz wieder loshaben wollte. Nun, so scheint es, gibt
es überhaupt kein Halten mehr jenseits des großen Teiches. Da verbietet
ein langjähriger Zigarrenpaffer (Motto: ehemalige Raucher sind die
schlimmsten Antis), der glaubt als geborener Österreicher unbedingt der
bessere Busherikaner sein zu müssen, einfach so das Rauchen in den
Gefängnissen „seines“ Bundesstaates. Ausnahme: die Wohnräume der
Angestellten und traditionelle Tabakverwendung durch Native. Wie
funktioniert das: deine Freiheit dürfen wir dir schon nehmen, in
manchen Fällen sogar dein Leben, wir dürfen deine Arbeitskraft auch an
Großkonzerne vermieten, aber rauchen? Also bitte! Man muss beileibe
kein Freund des blauen Dunstes sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass
es bei einem Aufenthalt in einer so kranken Einrichtung wie einem
Gefängnis höchstwahrscheinlich hilfreich sein kann, hin und wieder eine
durchziehen zu können. Wie krank diese Verwahrungsanstalten sind, zeigt
der Vergleich mit einem nativen Volk und seiner Umgangsweise mit
„Verbrechern“: Dieser wird von den übrigen Mitmenschen umringt und dann
wird erst mal kollektiv bedauert was vorgefallen ist. Danach erzählt
jeder reihum etwas Positives über ihn und dann gehen alle nach Hause.
In Gemeinschaften, wo es noch so etwas wie Eigenverantwortung gibt,
funktioniert das Leben auch ohne Haftanstalt, Drogengesetzgebung und
Rauchverbot.

Das wäre doch etwas für eine andere kranke Einrichtung, das Fernsehen:
Reality-Knast. Die Zuschauer dürften jede Woche einen Knacki auswählen,
der kriegt dann dafür ein Päckchen Zigaretten. Mittlerweile kann man
Menschen ja schon dabei zusehen, wie sie sich dank fantastisch
elastischer plastischer Ärzte – von denen ich gerne mal wüsste, wie sie
den hippokratischen Eid definieren – zumindest äußerlich in ihre Idole
verwandeln (sofern die ästhetisch kompatibel sind, zumindest hat sich
bisher meines Wissens noch niemand auf Angela Merkel verschnipseln
lassen), wetthungern, um so auszusehen, wie sie glauben, aussehen zu
müssen (und dabei übersehen dass der Körper nur äußerer Ausdruck der
inneren Befindlichkeit sein kann) oder sich vollkommen zum Trottel
machen, nur um eine bereits beendete Beziehung wieder anzuleiern. Wie
wäre es zur Abwechslung mal mit live Genussmittel-Entzug á la
Dschungelcamp? Nikotin-, Koffein-, Kokain-, Informations- und andere
Junkies gemeinsam gegen die Sucht. Das könnte man auch auf hinter die
Kamera ausweiten, quasi ein Selbstversuch, die Medienanstalten arbeiten
eine Woche ohne „Hilfsmittel“. Wie würde danach wohl die Tagesschau
aussehen? Otto Normalverraucher dürfte gespannt sein . . .

Seit längerem beobachte ich nun schon an mir, dass ich mehr vertrage,
wenn ich mit den Nerven am Sand bin, wie man bei uns so schön sagt. Es
scheint, als benötigte mein Körper dann erst mal einen Teil des
Krautes, um überhaupt auf „normal“ zu kommen, und erst was übrig
bleibt, fährt. Deshalb versuche ich, mich über solche Dinge nicht mehr
zu sehr aufzuregen. Einfach auch, um Geld zu sparen.

Um noch mal zum ursprünglichen Thema zu kommen: Eine indische Heilerin
wurde anlässlich des SchamanInnen-Treffens am Mondsee im Juni dieses
Jahres gefragt, wie es ihr denn in Österreich so gefalle. Ihre Antwort:
„Ganz gut, nur eines ist seltsam: Hier wird einem überall Kaffee und
Bier angeboten. Die Menschen waschen ihre Wäsche doch auch nicht damit.
Wie soll dann der Körper dadurch sauber werden?“

Schreibe einen Kommentar

Schnelles Login: