Freitag, 5. November 2004

PSYCHOAKTIVA – Teil XIV

Lady Salvia: Salvia divinorum

In den vergangenen Jahren hat eine Pflanze innerhalb der
Psychoaktiva-konsumierenden Gemeinde Furore gemacht, die botanisch zu
den Salbei-Arten gezählt wird: Salvia divinorum, der Wahrsage-Salbei.
Obgleich ich der Ansicht bin, dass die Pflanze eigentlich in die
Gattung der Buntblätter (Coleus spp.) eingeordnet werden müsste.
Immerhin hat außer der divinorum keine einzige Salbeiart einen
viereckigen Stängel, dahingegen aber jedes Buntblatt. Zahlreiche
weitere Indizien sprechen auch dafür, dass es sich eigentlich um eine
Coleus divinorum handeln müsste (vgl. Berger 2004b).

Salvia divinorum ist sozusagen ein Ersatz-Entheogen mexikanischer
Curanderos und Curanderas (schamanische „Ärzte“). Das halluzinogene
Gewächs wurde über Anita und Albert Hofmann und die legendäre Curandera
Maria Sabina international bekannt und wird in Zeiten der Pilzarmut zur
Divination (= Wahrsagerei) und andere Rituale verwendet. Der
hauptwirksame Inhaltsstoff der Salvia divinorum ist das Diterpen
Salvinorin A (weiterhin kommt auch Salvinorin B in der Pflanze vor,
scheint aber nicht psychoaktiv zu sein).

Eine psychoaktive Dosierung ist schon bei gerauchten oder in Form eines
Extraktes sublingual genommenen 200 bis 500 g Salvinorin A erreicht.
Der Wirkstoff ist damit in etwa so potent wie LSD. Ein Salvia-Rausch
ist je nach Dosierung euphorisierend bis verwirrend, entheogen,
halluzinogen, dissoziativ. Salvinorin fällt allerdings neben Ketamin
und PCP als Dissoziativum gänzlich aus der Rolle. Geraucht bewirkt es
einen sehr kurzen, meist heftigen Trip, der oft als psilocybinähnlich
beschrieben wird – was ich allerdings überhaupt nicht nachvollziehen
kann. Der Geist trennt sich auf Salvia gern vom Körper ab und ist in
der Lage eine Art Astralreise zu unternehmen. In niedrigeren
Dosierungen treten walzende, stechende Körpergefühle auf oder es kommt
zu Eigenassoziation in völlig verrückten Formen; man hält sich z. B für
ein Buch oder für eine Zahl. Auch das Gefühl zur Seite gezogen zu
werden, ist ein häufiges Phänomen auf Salvia. Oral eingenommen
induziert Salvia eher einen verträumten, auch länger anhaltenden Trip
(je nach Dosis ein bis fünf Stunden), der weniger extrem geformt ist.
In der Regel ist der Konsument noch ansprechbar, was bei gerauchtem
Material nicht immer der Fall ist.

Der User bewegt und verhält sich unkoordiniert oder auch, bei voll
erhaltenen Vitalfunktionen, kurzzeitig abwesend. Hat der Konsument
Kraut der Salvia divinorum geraucht, so wird der Rausch innerhalb von
fünf Minuten vergehen. Hat der Konsument Blattwerk oder einen
Flüssigextrakt oral eingenommen, kann sich der Rausch bis zu fünf oder
auch sechs Stunden ausdehnen, ist dann allerdings nicht so ausgeprägt.
Das Bewusstsein bleibt in aller Regel erhalten. Überdosierungen
bewirken einen stärkeren und längeren Rausch. Eine toxische oder letale
Dosierung ist unbekannt. Um einen etwaigen Bad-Trip zu beenden oder zu
vermeiden, kann nach Bedarf ein Benzodiazepin, z. B. Valium gegeben
werden. Die einzige wirkliche Gefahr, abgesehen von der auslösbaren
latenten Psychose, ist die Koordinationsstörung auf Salvia. Der
Konsument will unter Umständen aufstehen und laufen und stößt sich
dabei schlimm oder er stürzt oder stolpert. Auch fällt ihm leicht die
Zigarette herunter oder ein Gegenstand um. Dies kann zu Verletzungen
führen. Salvia sollte deshalb nicht allein genommen werden.

Literatur

Berger, Markus (2004a), Handbuch für den Drogennotfall, Solothurn: Nachtschatten Verlag

Berger, Markus (2004b), Salvia divinorum: Una especie de Coleus?, Cañamo 81(9): 98103

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