Dienstag, 19. Oktober 2004

Dicht oder nicht

Wie verbreitet ist die Schultüte wirklich?

Morgens halb zehn in Deutschland. Die
Tüte gerollt und ab in einen Unterricht, der sowieso kein Sinn
hat. So stellen sich die besorgten Eltern und Lehrer „die Jugend
von heute“ vor. Die Schüler an deutschen Schulen werden oft
als verkifft und desinteressiert dargestellt. Doch die Wahrheit ist,
dass ein großes Spektrum an Meinungen und Einstellungen zum
Thema Cannabis unter Jugendlichen existiert. Während es Schüler
gibt, die schon auf dem Schulweg ihre erste Tüte durchziehen,
gibt es auch solche die noch nie Drogen in irgendeiner Form genommen
haben und es auch nicht vorhaben.

Der Drogen- und Suchtbericht 2003 von
der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk,
zeigt, dass 31 Prozent aller Schüler schon einmal Cannabis
konsumiert haben. Muss man sich also jetzt Sorgen um die deutsche
Jugend machen? Ein Drittel der Schüler hört sich viel an,
nur muss man bedenken, dass erst der regelmäßige Konsum
Auswirkungen auf das Lernverhalten und die Leistungen von Schüler
haben kann. Und mehr als einmal in der Woche konsumieren nur fünf
Prozent der Schüler, zumindest zeigt das die selbe Studie. Die
regelmäßige Einnahme ist also eher selten. Doch warum
konsumieren Jugendliche überhaupt Drogen? Ist es etwa cool,
unter Jugendlichen zu kiffen, Bier zu trinken und Tabak zu rauchen?
Eher nicht. Der Reiz des Verbotenen, der Versuch, Neues
auszuprobieren und einfach die Lust auf den Effekt spielen dabei eine
weit größere Rolle.

Drogen in der Schule sind eigentlich
verboten und nach dem neuen Gesetz, welches im Juni inkraftgetreten
ist, darf beispielsweise in Berlin auf den Schulhöfen auch nicht
mehr geraucht werden. Soll dieses Gesetz nun etwa auch das Kiffen
während der Schulzeit verhindern, da doch gerade die Zahl der
Erstkonsumenten unter den 15- bis 17-Jährigen von 8,4 Prozent
1990 auf 17 Prozent im Jahre 2000 angestiegen ist? Wohl kaum. In oder
vielmehr vor und auf angrenzenden Hinterhöfen wird immer noch
während der Schulzeit gekifft. Dabei müsste doch bald mal
klar sein, dass noch mehr Verbote im Laufe der Zeit zu noch mehr
Gesetzesbrechungen führen. Weil es den Jugendlichen bald sowieso
egal ist, welches Gesetz heute wieder mal zur Freiheitseinschränkung
beiträgt.

Ganz nebenbei haben verantwortliche
Politiker, Eltern und Lehrer wohl übersehen, dass nicht nur die
Konsumfreudigen an deutschen Schulen vertreten sind. Nein, es wird
sogar mit den Drogen gehandelt. Es ist kein Problem, nach der
sechsten Stunde zum Ticker zu gehen und sich sein Dope zu besorgen.
Dabei gehen die Schüler nicht mal mehr das Risiko ein, an
öffentlichen Plätzen von Zivilbeamten beim Kauf überführt
zu werden. Sätze wie „Scheiß auf die Schule!“ und
„Kiffen ist doch nicht schlimm und so lange man sich nicht
erwischen lässt, interessiert es doch eh kein Mensch!“, hört
man immer öfter. Das Problem des Handels scheint sogar weitaus
schwieriger als der Konsum an sich. Soll zur Lösung dieses
Problems etwa Taschenkontrolle der Schüler vor Unterrichtsbeginn
wie in den USA eingeführt werden? Nur das kann auch nicht die
Lösung des Problems sein, wie man sieht.

Da wäre noch die Frage zu klären
ob das Konsumieren von Drogen in der Schulzeit wirklich Auswirkungen
auf das späteren Alltags- und das Berufsleben der heutigen
Jugend haben kann. Vor elf Jahren (1993) haben insgesamt 21 Prozent
und 2000 38 Prozent, der Studierenden jemals Cannabis konsumiert.
Heute sind die bösen Kiffer von damals Unternehmer, Firmenbosse
oder gar Politiker. „Ich kiffe gerne und das lasse ich mir nicht
nehmen.“ Freke Over
(Abgeordneter in Berlin, PDS): auf der Hanfparade 2001 in
Berlin. Nur leider geht es auch anders. Dauerbreite Arbeitslose, die
in völlig runtergekommenen Behausungen oder auf der Straße
leben, wäre eine Alternative. Die Frage, warum die Jugendlichen
Drohungen und Strafen der Lehrer und Eltern und die Gefahr, ihren
Schulabschluss und somit auch ihr restliches Leben zu versauen,
ignorieren, hat sich mittlerweile in den Köpfen der Erziehungs-
und Aufsichtspersonen festgesetzt. Oft fehlen gerade denen die
richtigen und genauen Kenntnisse über die Wirkung, Folgen und
Schäden von Cannabis. Das Thema wird oft total dramatisiert,
wobei sich schnell der Reiz des Verbotenen ausbreitet, oder es wird
runtergespielt, was nach sich zieht, dass die Schüler genauso
schnell nach der Tüte greifen. Aufklärung ist also gerade
bei Erwachsenen nötig, und ein guter Schritt in die richtige
Richtung, sodass ein geregelter, gewissenhafter und ungefährlicher
Umgang möglich ist.

Doch das Thema Drogen an Schulen und
Drogen generell unter Jugendlichen wird derzeit nur für
populistische Zeitungsaufmacher oder Politikerreden missbraucht. Eine
ernsthafte nüchterne Auseinandersetzung würde schnell
ergeben, dass ein weiter-so-wie-bisher – und nichts anderes fordern
die Prohibitionisten – der falsche Weg ist. Wir brauchen eine
Lösung, und nicht mehr Verbote.

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