Donnerstag, 10. November 2022

Die Debatte zur Legalisierung hinkt Wissenschaft hinterher

Foto: Su/Archiv

Die Debatte zur Legalisierung hinkt der Wissenschaft hinterher. Für den Kultursoziologen Robert Feustel ist die Legalisierung überfällig. 

Für Robert Feustel, Kultursoziologe an der Universität Jena und Autor von unter anderem „Grenzgänge. Kulturen des Rauschs seit der Renaissance“, ist die Legalisierung von Cannabis längst überfällig. Er kritisiert die Verwendung von falschen Argumenten und einem verzerrten Bild. Die Wissenschaft sei bei dem Sachverhalt der Cannabislegalisierung längst weiter und die Fakten sprechen für sich.

Emotionalisierte Debatte

„Die Drogenpolitik ist schon lange wissenschaftsfrei, man möchte fast sagen: wissensfrei“, meint Robert Feustel. Er kritisiert, das die Debatte bei Cannabis sich zu sehr auf den Rausch fokussiere: „Wir sind es zu sehr gewohnt, über den Rausch zu reden“, so Feustel, „und da ein riesengroßes Spektrum vom Besoffensein übers Kiffen bis zu LSD oder Kokain oder Speed mit einem Begriff fassen zu wollen.“ Er stellt das vorhandene Halbwissen und die Emotionen hervor. Sowas hat in einer faktenbasierten Diskussion nichts zu suchen. „Wir sind es nicht gewohnt, rational und vernünftig zu beobachten, was beim Cannabis-Konsum passiert. Stattdessen bezeichnen wir über den Begriff ‚Droge‘ eine ganze Ideologie, eine ganze Abwertung, ein ganzes Milieu mit und spielen eigentlich mit Assoziationen und Empfindungen von der schiefen Bahn, vom Absturz, von Sucht. Das Wort ‚Droge‘ hat schon so einen komischen Klang.“ fügte der Kultursoziologe hinzu.

Rausch ist Teil der Menschheit

Der Wille sich zu Berauschen ist soweit wie die Menschheit selbst. Er stellt die zahlreichen Beispiele wie auch bei den Neandertaler da: „Solange es Aufzeichnungen über menschliches Zusammenleben gibt, lässt sich daraus schließen, dass Drogen konsumiert wurden in der ein oder anderen Form, von Höhlenmalereien bis zum Symposion bei den alten Griechen. Das kennt man heute noch als Symposium, ist aber eigentlich ein philosophisch geschwängertes Saufgelage.“ Viele Kritiker wollen dies nicht wahrhaben und ziehen sich dabei emotionalisierte Argumente oder persönliche Anekdoten aus der Tasche. 

Feustel stellt noch die Doppelmoral wenn es um Drogenkonsum von Prominenten und normalen Menschen geht da: „Wenn Picasso Drogen konsumiert hat, um seine Bilder zu malen, ist das okay“, so Feustel. „Das ist immer noch ein bisschen anrüchig, aber es hat auch etwas mystisches, fast schon etwas transzendentales, metaphysisches. Dass die Leute mit den Drogen nicht immer gut umgehen konnten, nimmt man in Kauf, wenn es die berühmte Kunst produziert. Wenn aber sogenannte ’normale‘ Menschen mit Drogen in Kontakt kommen, ist es Kompensation von Leid, eine Willensschwäche, ein drohender Absturz.“ 

Das Märchen der Einstiegsdroge

Das Märchen von der Einstiegsdroge bleibt in so einer Diskussion natürlich auch nicht unerwähnt. Robert Feustel stellt fest: „Cannabis ist keine Einstiegsdroge. Es gibt keine Studie, die belegen kann, dass Cannabis-Konsumenten tendenziell oder überproportional zu anderen Drogen greifen, weil das Cannabis nicht mehr ausreicht.“ Das Märchen der Einstiegsdroge widerspricht der Wissenschaft und es sollte nur mit Spott und Hohn behandelt werden. „Mit solchen Behauptungen versucht man, eine alte Prohibitionskiste zu stabilisieren. Weil das für staatliche Akteure sehr bequem ist. Man kann mit der Drogenprohibition Komplex-Kontrollen durchführen, man kann Hausdurchsuchungen veranlassen, man kann Jugendkulturen kriminalisieren, man kann Migration kriminalisieren, man kann die bösen Ausländer zu bösen Drogendealern machen.“ kritisierte Feustel. Feustel ist der Ansicht, dass viele Politiker, wie auch die ehemaligen Drogenbeauftragten, mit solchen falschen Fakten argumentieren, weil es ihre politische Agenda stützt. Dies hat allerdings weder in der Politik schon gar nichts in der Wissenschaft etwas zu suchen.

Cannabis ist normalisiert

Robert Feustel stellt heraus, wie weit verbreitet und normalisiert Cannabiskonsum mittlerweile in unserer Gesellschaft geworden ist:  „Cannabis ist zum regulären Bestandteil der Kultur geworden. Heute kiffen alle, die kiffen wollen und es ist kein Geheimnis mehr – jedenfalls in urbanen Ecken.“ Dies ist die Voraussetzung und die Notwendigkeit im Sinne des Gesundheitsschutz, diesen Markt zu regulieren. „Bei anderen Drogen ist das anders, darüber kann man noch nicht sprechen.“ so Feustel.

Feustel stellt zum Abschluss noch heraus, dass die Legalisierung das Produkt sicherer machen wird und den Schwarzmarkt verdrängen wird. Es werden deshalb aber nicht weniger Menschen kiffen, sie tun es nur mit einem weniger gefährlichen und kontrollierten Produkt. 

Ein Beitrag von Simon Hanf

4 Antworten auf „Die Debatte zur Legalisierung hinkt Wissenschaft hinterher

  1. Heisenberg

    Überfällig seit langer Zeit.Das wurde seit vielen Jahren immer wieder erwähnt.In 50 Jahren ist die Legalisierung noch überfälliger.

  2. buri_see_kaeo

    „Die Debatte zur Legalisierung hinkt (der) Wissenschaft hinterher“, ja, besonders der Kommunikationswissenschaft; bei den Schwachmaten, die sich standardmäßig bei Debatten, Diskusionen u.s.w. einfinden, um sich ihres Blödsinnes zu entledigen.

    Für die, die heute lange wach bleiben können gibt es bei RTL um 0h35 (am 11.11) „Verdammt und zugekifft“; bei dem Titel darf man annehmen, dass die zu dem Thema Dümmsten unter der Sonne reichlich vom Leder reissen.

    Dann gibt es noch den hier:
    https://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/bka-warnt-vor-zunahme-des-rauschgifthandels-in-deutschland-18450672.html
    Der Titel „BKA warnt vor Zunahme des Rauschgifthandels in Deutschland“ läßt Allerschlimmstes vermuten…, aber
    „Insgesamt sank die Zahl der bundesweiten Rauschgiftdelikte 2021 im Vergleich zum Vorjahr aber um 1,3 Prozent.“
    Eine ähnliche Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt findet sich auch am Ende des 3. Absatzes.
    Ja, ja, ich hatte es einleitend schon erwähnt.
    „…Rauschgiftdelikte mit fast 60 Prozent habe es im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit Cannabis gegeben.“ – entspricht nicht so ganz meinen Erwartungen…, weil ein Gift doch mindestens giftig sein sollte.

    Das erinnert mich irgendwie an Helmut Kohl: Geht er zum Dermatologen und will, dass der ihn eine Tätowierung an der Stirn macht, so wie Gorbatschow es hat. Warum? Die Leute sagen mir immer: „Du bist ein guter Kumpel…, aber irgendwas fehlt Dir da oben.“
    mfG  fE

  3. Ramon Dark

    In einem Punkt muss ich Feustel allerdings widersprechen: Es gibt keine wissenschaftlichen Gründe, weswegen es bei anderen sog.“Drogen“ anders sein sollte und schon gar nicht, weswegen „man“ darüber noch nicht sprechen kann. Eine demokratisch-sachliche Diskussion ist bei allen Themen jederzeit erforderlich, auch bei anderen illegalisierten Substanzen. Schliesslich haben z.B. Pilze, Mohnprodukte wie Opium, Nachtschattengewächse, Winden und Mutterkorn (letztere Beiden mit ihren Lysergsäureverbindungen) eine genauso lange Geschichte hinter sich wie Cannabis, auch wenn sie nicht so harmlos sind. Es bracht keine Autoritäten, um die persönliche freie Auswahl der psychoaktiven Substanzen einzuschränken und Besitz sowie Konsum zu stigmatisieren oder gar zu kriminalisieren. Prohibition führt immer ins soziale Elend. Andere Substanzen wie Cannabis erfordern nur eine an deren Eigenheiten angepasste andere Legalisierungsstrategie.

  4. haschberg

    Unsere gesamte Drogenpolitik ist bis dato noch immer ein völlig verdrehtes, hinterhältiges und unausgewogenes Konstrukt, welches ausgerechnet die gefährlichsten Killerdrogen Alkohol und Tabak fast uneingeschränkt auf die Menschen loslässt.
    Wer sich jedoch mit dem Konsum einer wesentlich harmloseren Heilpflanze einige harmonische Stunden verschaffen will, wird noch immer wie ein Verbrecher verfolgt.
    Sollte daher unsere höchst unverhältnismäßige Drogenpolitik nicht endlich mal gründlich von oben bis unten durchmistet und Schritt für Schritt nach dem jeweiligen Grad ihrer tatsächlichen Gefährlichkeit neu eingeordnet werden?
    Jetzt wäre dafür ein geeigneter Zeitpunkt.

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