Samstag, 29. Dezember 2018

Interview mit Raphael Mechoulam

Ein Interview mit dem “Großvater der Erforschung des medizinischen Cannabis”

Raphael Mechoulam (links)

Dem 88-jährigen Wissenschaftler Raphael Mechoulam gelangen bereits in den sechziger Jahren bahnbrechende Ergebnisse bei der Grundlagenforschung über Cannabis. Er war es, der als Erster das CBD- und auch das THC-Molekül isolierte. Zudem entdeckte er während seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit in den 90er Jahren das Endocannabinoidsystem. Heute ist er am Institut für Drogenforschung der Hebrew University of Jerusalem tätig und belegte in zahlreichen wissenschaftlichen Studien die Effektivität von Cannabis bei verschiedenen Erkrankungen. Mechoulam trägt mit seiner Arbeit dazu bei, die Politik, nicht nur in Israel, vom medizinischen Nutzen des Hanfs zu überzeugen. Wir hatten in Tel Aviv auf der CanX die Gelegenheit den renommierten Forscher über die Entwicklung der Cannabisforschung zu befragen.


Professor Mechoulam, was genau hat sie ursprünglich dazu angeregt sich dieses Forschungsgebiet auszusuchen – also ein Cannabisforscher zu werden?

Ich bin ein Chemiker, der sich für Nitroverbindungen interessiert, also natürliche Verbindungen mit einer gewissen biologischen Aktivität. Und ich war überrascht herauszufinden, dass während Morphin bereits isoliert worden war und 130 Jahre nach seiner Entdeckung eine Menge Dinge über Morphin bekannt waren und das gleiche mehr oder weniger für Kokain gilt, über THC eigentlich nichts bekannt war. Einige sehr gute Wissenschaftler hatten sich bereits in den 30er Jahren mit Marihuana beschäftigt, aber die Techniken dieser Zeit waren nicht gut genug um die eigentliche chemische Zusammensetzung zu identifizieren. Also dachte ich, es ist an der Zeit auch an Cannabis zu arbeiten. Um das Wissenslevel über Cannabis auf das bereits vorhandene Wissenslevel von Opiaten und Kokain zu heben.


Wie sehen Sie weltweit, und auch in Israel, die Zukunft der Erforschung des medizinischen Cannabis?

Das wird eine etwas längere Geschichte. Die Pflanze hat viele Inhaltsstoffe. Der am besten bekannte ist das psychoaktive THC, Tetrahydrocannabinol. Aber dazu gibt es noch andere Inhaltsstoffe, welche ebenfalls medizinisches Potenzial haben. Cannabidiol wurde im Hinblick auf einige Krankheiten, zumeist an Tieren erforscht. Es ist ein exzellenter Stoff, ein Antioxidant, also es verhindert die Oxidation. Und da gibt es noch weitere interessante Bestandteile, zum Beispiel die Cannabinoidsäuren, die zum Beispiel Angst lösende Wirkungen und so weiter haben. Daher glaube ich, dass daher das Forschungsfeld für so viele Wissenschaftler interessant geworden ist, und wir vor allem Forschung zu den spezifischen Bestandteilen bei spezifischen Krankheiten sehen werden. Ob es da um Autoimmunerkrankungen geht, um Krebsarten oder um andere Krankheiten. Und wir werden eine Entwicklung sehen, so hoffe ich, an beidem – am natürlichen Produkt – also der Auswirkung spezifischer natürlicher Bestandteil auf eine spezifische Erkrankung sowie an semisynthetischen Produkten, also deren Auswirkungen auf die gleichen oder auf andere Erkrankungen.

Man muss verstehen, nicht alle natürlichen Produkte werden auch als solche verwendet. Penicillin selbst wird nicht als Medikament eingesetzt, man kann in einer Apotheke kein Penicillin kaufen – man kann Penicillinderivate kaufen. Man kann kein Kortison, ein entzündungshemmender Stoff, in der Apotheke kaufen – aber man kann Derivate in der Apotheke bekommen. Also nehme ich an, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre Medikamente entwickelt werden, die zum einen aus der Pflanze selbst kommen – also wie Cannabidiol oder THC – und wir werden ebenso Derivate, semisynthetische Derivate erzeugen – die aus denselben Bestandteilen bestehen, aber mit wahrscheinlich verbesserter Aktivität und womöglich weniger Nebenwirkungen.  


Sie werden oft als der Vater des THC´s bezeichnet, als Vater der Erforschung des medizinischen Cannabis. Was denken sie persönlich über diese Auszeichnung?

(schmunzelt) Nunja – wenn schon überhaupt,  dann vermutlich Großvater, bezogen auf mein Alter. Aber, um auf das Thema von vorhin zurückzukommen – man muss verstehen, wir arbeiten an beidem – an den pflanzlichen Cannabinoiden, welche Effekte haben, die schon ziemlich gut bekannt sind und wir haben auch in unseren Körpern Bestandteile, die wir selbst erzeugen. Also Endocannabinoide. Eines davon nennen wir Anandamid ein anderes ist als 2-AG bekannt.  Diese Stoffe sind im Prinzip dieselben, die auch die Pflanze produziert. Das pflanzliche THC bleibt nur für längere Zeit im menschlichen Körper. Anandamid und 2-AG werden von uns sobald sie gebraucht werden auch exakt dort wo sie benötigt werden gebildet. Sie agieren und werden dann sofort vom Körper wieder zerstört. Sie bleiben also nicht für eine lange Zeit dort. Es gab noch nicht genügend klinische Studien über diese Endocannabinoide oder ihre Derivate. Es ist gut möglich, dass wir bei der Arbeit an den Endocannabinoiden – an Anandamid, an 2-AG – sehen werden, dass diese eine zu bedenkende Bedeutung in der Medizin erlangen. Dasselbe gilt für viele Neurotransmitter. Es gibt eine große Anzahl an Neurotransmittern, die von uns verändert und zu Arzneimitteln wurden. Zum Beispiel der als Dopamin bezeichnete Neurotransmitter – wir kennen viele Stoffe, die auf das Dopaminsystem wirken. Serotonin – es gibt viele Stoffe, die auf den Serotoninmechanismus einwirken. Wahrscheinlich gilt das gleiche für den Mechanismus des Endocannabinoidsystems.


Ja, das ist wirklich sehr interessant. Vielen Dank für den Einblick in die Entwicklung der Forschung und das Interview.


Wer Raphael Mechoulam schon immer einmal persönlich kennenlernen wollte, hat im kommenden Frühjahr auf der ICBC in Berlin dazu gelegenheit, dort wird er als Keynote Speaker zu Gast sein.


(Gekürztes Interview, Ivona – Übersetzung aus dem Englischen: Su)

3 Antworten auf „Interview mit Raphael Mechoulam

  1. Ralf

    Ja, das ist die Aussage eines serösen Wissenschaftlers, der keinerlei Wertung vornimmt sondern einfach nur die Fakten nennt, mehr nicht!

  2. R. Maestro

    Und bei uns dürfen sich ahnungslose, kommerziell gesteuerte Personen im BTmG austoben.

    Aber da sie ja selbst von finanziellen Interessen (Pesika) getrieben ist, ist sie das beste Pferd im Stalle Muttis. In vielen Bereichen würde man von Befangenheit sprechen.

    Was ich aber auch ankreide:
    Man spricht immer wieder davon, dass das Verbot, bzw. das Vorgehen verfassungswidrig ist.
    Von LEAP Deutschland, Andre Schulz, Strafrechtsprofessoren, usw. höre ich keine Vorschläge oder Ansatzpunkte.
    Das wären ja die benötigten Fachleute, aber von dieser Seite kommt ernüchternd wenig bisher.
    Veränderungen haben bisher die Patienten erwirkt.
    Fürsprecher brauchen wir, ja, aber darüber hinausgehende Aktivitäten lassen immer noch auf sich warten. Schade.
    Und im Bundestag ist die Hauptfigur nicht zu finden, wenn es um das Thema geht, welches ihr angeblich so am Herzen liegt.
    Über angebl. Bananenstaaten oder Unrechtsstaaten braucht man hierzulande längst nicht mehr herzuziehen, geschweige zu urteilen.
    Der einzige Unterschied: Es präsentiert sich hier in anderem Gewand.
    Faktorisch ist die Vorgehensweise die gleiche.
    Und zu den guten Vorsätzen gehört Ehrlichkeit in Berlin eh` kaum.
    Meist reicht ja eine Legislaturperiode. um die Schäfchen ins Trockene zu bringen.

  3. Ralf

    @R.Maestro
    „Das wären ja die benötigten Fachleute, aber von dieser Seite kommt ernüchternd wenig bisher.“
    Alle diese Fachleute werden am Ende von diesem System bezahlt. Vielen ist die Ungeheuerlichkeit dieses Menschenrechtsverbrechens klar geworden, und jetzt haben sie Probleme die verbrecherische Hand zu beißen, die sie über viele Jahre gefüttert hat. Diese Hand ist gewalttätig und bewaffnet und in Zeiten da die Nazis in Form der AfD wieder Salonfähig werden traut man sich eh immer weniger, die Angst ist groß unter unseren Leuten und ich kann`s ihnen nicht verübeln. Auch haben diese Leute viele Prohibitionisten als Freunde und jetzt Probleme, Kriegstreiber und Volksverhetzer in ihnen zu sehen.
    Ihr Weltbild würde zwangsläufig zusammenbrechen, also brechen sie lieber das konsequente Denken bis zum Ende vorzeitig ab. Alles andere würde zu weh tun, also läßt man dann doch lieber zu, dass es den Opfern weiter weh tut.

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