Cannabidiol kann bei bestimmten schweren Epilepsieformen auch im Erwachsenenalter mit einer deutlichen Verringerung der Anfälle verbunden sein. Das zeigt eine neue spanische Real-World-Studie mit 37 erwachsenen Patientinnen und Patienten. Nach zwölf Monaten hatten 45,9 Prozent der untersuchten Personen mindestens 50 Prozent weniger Anfälle als zu Beginn der Behandlung. Das Ergebnis ist beachtlich, muss wegen der kleinen Patientengruppe und des rückblickenden Studiendesigns jedoch vorsichtig interpretiert werden.
Untersucht wurden Erwachsene mit Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom oder tuberöser Sklerose. Diese Erkrankungen beginnen meist im Kindesalter und können mit schwer behandelbaren epileptischen Anfällen bis weit ins Erwachsenenleben verbunden bleiben. Während für Kinder bereits umfangreichere Daten zur Behandlung mit medizinischem Cannabidiol vorliegen, ist die Studienlage bei erwachsenen Betroffenen wesentlich dünner. Die spanischen Forschenden werteten deshalb die Krankenakten von 37 Erwachsenen aus mehreren Behandlungszentren aus. Das mittlere Alter lag bei 25 Jahren, die durchschnittliche Beobachtungsdauer bei mehr als zwei Jahren. Eingesetzt wurde pharmazeutisches CBD als zusätzliche Therapie neben anderen Antiepileptika – nicht frei verkäufliches CBD-Öl aus dem Einzelhandel.
Nach sechs Monaten erreichten 48,6 Prozent der Teilnehmenden eine Verringerung der Anfallshäufigkeit um mindestens die Hälfte. Nach zwölf Monaten lag dieser Anteil bei 45,9 Prozent. Wird bereits eine Reduktion um mindestens 25 Prozent als Behandlungserfolg gewertet, erreichten nach einem Jahr 59,5 Prozent diese Schwelle. Angehörige und Betreuungspersonen berichteten bei 29,7 Prozent außerdem über Verbesserungen bei Aufmerksamkeit, Verhalten, Interaktion oder Alltagsfähigkeiten. Dabei handelte es sich allerdings um subjektive Beobachtungen und nicht um Ergebnisse standardisierter kognitiver Tests. Die Studie erschien in Epilepsia Open.
Während des Beobachtungszeitraums sank die mittlere Zahl der zusätzlich eingesetzten Antiepileptika von vier auf drei. Der statistische Zusammenhang ist interessant, beweist aber nicht, dass allein CBD diese Verringerung ermöglicht hat. Dosierungen und Begleitmedikamente wurden im normalen Behandlungsalltag angepasst. Ohne Kontrollgruppe lässt sich deshalb nicht eindeutig bestimmen, welcher Anteil der beobachteten Veränderungen unmittelbar auf Cannabidiol zurückzuführen ist.
Nebenwirkungen traten bei 64,9 Prozent der untersuchten Personen auf. Sie waren nach Angaben der Forschenden überwiegend leicht; berichtet wurden unter anderem Schläfrigkeit, auffällige Leberwerte und Reizbarkeit. Sechs Personen, entsprechend 16,2 Prozent, beendeten die CBD-Behandlung wegen unerwünschter Wirkungen. Gerade bei Patientinnen und Patienten, die mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen, bleiben ärztliche Kontrolle und die Überwachung möglicher Wechselwirkungen daher unverzichtbar.
Die Ergebnisse liefern somit keine allgemeine Empfehlung für CBD bei Epilepsie. Untersucht wurden ausschließlich Erwachsene mit drei seltenen und besonders schweren Erkrankungen sowie eine medizinisch begleitete Zusatzbehandlung mit standardisiertem Cannabidiol. Die Resultate lassen sich weder auf andere Epilepsieformen noch auf handelsübliche CBD-Produkte übertragen. Hinzu kommen die geringe Teilnehmerzahl, die fehlende Vergleichsgruppe und mögliche Verzerrungen durch die rückblickende Auswertung. Die Studie wurde zudem von Jazz Pharmaceuticals finanziell unterstützt, einem Hersteller eines zugelassenen CBD-Arzneimittels. Auch deshalb sind unabhängige, prospektive und kontrollierte Untersuchungen notwendig.
Trotz dieser Einschränkungen schließt die Untersuchung eine wichtige Wissenslücke. Viele Betroffene mit Dravet- oder Lennox-Gastaut-Syndrom erreichen das Erwachsenenalter, während Behandlungsdaten weiterhin überwiegend aus pädiatrischen Studien stammen. Die neuen Ergebnisse sprechen dafür, den Nutzen und die Risiken von medizinischem CBD bei diesen Erwachsenen systematischer zu erforschen. Sie zeigen aber ebenso deutlich: Cannabidiol ist kein harmloses Lifestyleprodukt, sondern kann in diesem Zusammenhang eine wirksame, zugleich überwachungsbedürftige medizinische Therapie sein.
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