
Der Cannabiskonzern Tilray hat sich mit BrewDog eine der bekanntesten britischen Biermarken gesichert. Doch während Tilray für 33 Millionen Pfund die weltweiten Markenrechte, die britischen Brauereien und elf ausgewählte Lokale übernahm, blieben die Schulden weitgehend bei den insolventen Altgesellschaften zurück. Ein am 16. September 2026 bei der britischen Unternehmensbehörde Companies House eingereichter Verwalterbericht zeigt nun das Ausmaß: Die Forderungen der Gläubiger summieren sich auf mehr als 190 Millionen Pfund. Viele unbesicherte Gläubiger sollen weniger als einen Penny für jedes geschuldete Pfund erhalten. Der günstige Einstieg eines internationalen Cannabis- und Getränkekonzerns hat damit eine ausgesprochen teure Kehrseite – allerdings nicht für Tilray, sondern vor allem für frühere Beschäftigte, Lieferanten, Steuerzahler und Kleinanleger.
BrewDog war lange eines der spektakulärsten Wachstumsunternehmen der britischen Getränkebranche. Mit provokanter Werbung, Punk-Inszenierung und einer großen Gemeinschaft kleiner Anteilseigner wuchs die Marke weit über Schottland hinaus. Rund 200.000 sogenannte „Equity Punks“ beteiligten sich über Crowdfunding-Kampagnen am Unternehmen. Nach der Insolvenz sind diese Beteiligungen wertlos. Auch die operative Zerschlagung fällt deutlich aus: 38 Lokale wurden geschlossen und etwa 440 Arbeitsplätze gingen verloren. Beschäftigte, denen zusammen rund 489.000 Pfund an Löhnen und Urlaubsansprüchen zustanden, wurden bereits über das staatliche britische Entschädigungssystem bezahlt. Der Staat kann diese Ausgaben aus der Insolvenzmasse jedoch voraussichtlich nicht vollständig zurückholen. Auch ein Teil der Steuerschulden bleibt offen. Zu den unbesicherten Gläubigern gehören zahlreiche Unternehmen und Institutionen; für sie wird nur eine minimale Quote erwartet. Die Bank HSBC soll von Forderungen über rund 61 Millionen Pfund immerhin ungefähr 42 Millionen zurückerhalten.
Für die Einordnung ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Tilray hat nicht das gesamte verschuldete Unternehmen mitsamt allen Verpflichtungen gekauft. Der Konzern erwarb ausgewählte Vermögenswerte aus der Insolvenz – darunter die Marke, das geistige Eigentum, die britischen Brauereibetriebe und elf Lokale in Großbritannien und Irland. Solche Transaktionen sollen wirtschaftlich lebensfähige Teile retten und dem Käufer einen Neustart ohne den Großteil der alten Lasten ermöglichen. Das ist rechtlich etwas anderes als eine vollständige Unternehmensübernahme. Die 190 Millionen Pfund Schulden sind daher nicht Tilrays neue Verbindlichkeiten. Trotzdem macht der Fall sichtbar, wie ungleich Gewinne und Verluste bei einer Insolvenz verteilt sein können: Der Käufer erhält die werthaltigen Teile, während Gläubiger und frühere Anteilseigner mit der gescheiterten Altgesellschaft zurückbleiben.
Tilray verbindet mit BrewDog große Erwartungen. Nach Angaben des Konzerns sollen die übernommenen Betriebe im Geschäftsjahr 2027 rund 200 Millionen US-Dollar Nettoumsatz und sechs bis acht Millionen Dollar bereinigtes EBITDA erwirtschaften. Ab Beginn dieses Geschäftsjahres soll das Geschäft zudem einen positiven Kapitalfluss erreichen. Zusammen mit Tilrays übrigen Bier-, Spirituosen- und Getränkemarken soll eine globale Getränkesparte mit etwa 500 Millionen Dollar Jahresumsatz entstehen; für das gesamte Unternehmen stellt Tilray hochgerechnet rund 1,2 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht. Dabei handelt es sich um Unternehmensprognosen, nicht um bereits erreichte Ergebnisse. Ob BrewDog tatsächlich so schnell profitabel wird, hängt von der Integration, den Betriebskosten, der internationalen Expansion und der Frage ab, wie viel Vertrauen die beschädigte Marke zurückgewinnen kann.
Der Kauf zeigt zugleich, wie weit sich Tilray von einem klassischen Cannabisunternehmen entfernt hat. Der Konzern führt weiterhin Cannabis-, Hanf- und Pharmageschäfte, baut aber parallel ein internationales Getränkeimperium auf. Dafür gibt es eine nachvollziehbare wirtschaftliche Logik: Getränkemarken besitzen etablierte Vertriebswege, Produktionsanlagen und direkten Zugang zu Konsumenten. Diese Infrastruktur könnte langfristig auch für alkoholfreie Funktionsgetränke und – dort, wo es rechtlich möglich wird – cannabinoidhaltige Getränke interessant werden. Tilray selbst spricht von einer diversifizierten Plattform aus Cannabis, Getränken und Wellness. BrewDog liefert dafür eine weltweit bekannte Marke und europäische Produktionskapazitäten, aber auch ein Reputationsproblem, das sich nicht einfach mit einem Eigentümerwechsel beseitigen lässt.
Für die Cannabiswirtschaft ist BrewDog deshalb mehr als eine ungewöhnliche Bierübernahme. Der Fall zeigt, wie große Cannabiskonzerne versuchen, regulatorische Risiken und schwankende Margen durch klassische Konsumgütermarken auszugleichen. Tilray kauft für 33 Millionen Pfund einen erheblichen Teil der Zukunft von BrewDog. Die Vergangenheit bleibt dagegen in den Insolvenzgesellschaften – mit Forderungen von mehr als 190 Millionen Pfund und Tausenden Menschen, deren Rechnungen, Arbeitsplätze oder Beteiligungen nicht gerettet wurden. Ob daraus eine erfolgreiche Sanierung oder lediglich eine weitere kostspielige Expansionsgeschichte wird, lässt sich erst an den kommenden Geschäftszahlen ablesen.
Quellen: Companies House – Verwalterbericht vom 16. September 2026 · Tilray zur Übernahme vom 2. März 2026 · The Guardian zum Verwalterbericht vom 18. September 2026
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