Samstag, 19. September 2026

Wie das Oktoberfest mit Wake-N-Bake zusammenhängt

Oktoberfest-Anstich in München und Soft Opening des Wake-N-Bake Cannabis Social Clubs in Wolfsburg am 19. September 2026.

Am Samstag um Punkt zwölf Uhr heißt es in München wieder „O’zapft is“. Der neue Oberbürgermeister Dominik Krause wird am 19. September 2026 im Schottenhamel-Festzelt das erste Fass anschlagen und damit das 191. Oktoberfest eröffnen. Drei Stunden später beginnt gut 600 Kilometer weiter nördlich ein sehr viel kleineres, aber politisch nicht weniger interessantes Ereignis: Der Wake-N-Bake Social Club in Wolfsburg lädt zum Soft Opening seiner Abgabestelle. Zwei Eröffnungen am selben Tag, zwei gesellschaftlich akzeptierte Rauschmittel und zwei Welten, die in Deutschland weiterhin nach sehr unterschiedlichen Maßstäben behandelt werden.

Die Pointe beginnt mit dem Mann am Zapfhahn. Dominik Krause ist nicht nur Münchens neuer Oberbürgermeister, sondern auch der Politiker, der das Oktoberfest 2023 zugespitzt als „weltweit größte offene Drogenszene“ bezeichnete. Damals war Krause Zweiter Bürgermeister und sprach über die geplante Cannabislegalisierung. Seine Botschaft: Wer den Alkoholkonsum auf der Wiesn als Volkskultur akzeptiert, kann Cannabis nicht gleichzeitig grundsätzlich kriminalisieren. Die Formulierung brachte ihm heftige Kritik der Wiesnwirte ein. Später erklärte Krause, er würde den Satz nicht noch einmal genauso sagen, weil das Augenzwinkern nicht angekommen sei. Inhaltlich blieb er aber bei seinem Vorwurf der Doppelmoral. Nun steht ausgerechnet er erstmals in der Anzapfbox und eröffnet das größte Bierfest der Welt. Das ist mehr als eine hübsche politische Fußnote. Die Stadt München bestätigt den Anstich am 19. September; Krauses weiterhin gültige Haltung dokumentierte zuletzt die Münchner tz.

Denn rechtlich ist Deutschland 2026 tatsächlich ein anderes Land als beim Oktoberfest vor drei Jahren. Seit dem 1. April 2024 dürfen Erwachsene begrenzte Mengen Cannabis besitzen und bis zu drei Pflanzen privat anbauen; seit dem 1. Juli 2024 sind außerdem erlaubnispflichtige, nicht gewinnorientierte Anbauvereinigungen möglich. Genau auf dieser neuen Rechtsgrundlage arbeitet Wake-N-Bake in Wolfsburg. Die Legalisierung hat Cannabis aus dem Betäubungsmittelrecht herausgelöst und den gemeinschaftlichen Eigenanbau erstmals in einen kontrollierten gesetzlichen Rahmen gestellt. Trotzdem bleibt ausgerechnet die Wiesn eine Cannabis-Tabuzone. Bayern hat sein Gesundheitsschutzgesetz 2024 erweitert: Das Rauchen und Verdampfen von Cannabis ist auf Volksfestgeländen ausdrücklich verboten. Während Bier in Literkrügen ausgeschenkt wird, bleibt der Joint draußen. Legalisiert bedeutet also noch lange nicht gleichbehandelt. Grundlage sind das Cannabisgesetz des Bundes und Artikel 3 des bayerischen Gesundheitsschutzgesetzes.

Am selben Samstag zeigt Wake-N-Bake, wie die neue Cannabisrealität abseits der Festzelte aussehen kann. Nach Angaben des Vereins liegt die behördliche Erlaubnis für die Anbauvereinigung seit dem 3. Dezember 2025 vor. Beim Soft Opening am 19. September sollen Presse, Nachbarschaft und geladene Gäste zwischen 15 und 16 Uhr erste Einblicke in Abgabestelle, Anbau, Alterskontrolle, Qualitätssicherung und Präventionskonzept erhalten. Auch eine erste Abgabe an ein Mitglied ist vorgesehen. Drei Sorten befinden sich nach Vereinsangaben derzeit in der Blütephase und sollen nach der Ernte auf Qualität und Inhaltsstoffe untersucht werden. Der offizielle Start ist für den 26. September geplant. Die Mitgliederzahl ist gesetzlich auf 500 begrenzt; Wake-N-Bake will Cannabis ausschließlich an volljährige Mitglieder ab 21 Jahren abgeben.

Der Kontrast zur Wiesn könnte kaum größer sein. In München wird eine jahrhundertealte Alkoholkultur mit Millionen Gästen, Festzelten, Sicherheitsapparat und Sanitätsstation gefeiert. In Wolfsburg muss ein Verein jeden Schritt dokumentieren, Alterskontrollen organisieren, eine Präventionsbeauftragte benennen und die kontrollierte Abgabe innerhalb enger gesetzlicher Grenzen vorbereiten. Das ist kein Einwand gegen Prävention und Qualitätssicherung – im Gegenteil. Es zeigt aber, wie verschieden der Staat mit beiden Substanzen umgeht. Beim Bier gehört der Rausch zum Brauchtum und das Risikomanagement zur Infrastruktur. Beim Cannabis muss selbst ein nicht gewinnorientierter Verein zunächst beweisen, dass er jeden denkbaren Missbrauch verhindern kann.

Wake-N-Bake betont, Transparenz sei Teil des Konzepts. Vorstandsvorsitzender Robin Glas erklärt, der Verein wolle zeigen, wie Mitgliedschaft, Prävention, Alterskontrolle und legale Abgabe organisiert werden. Neben eigenen Schulungen und Informationsmaterialien verweist der Club auf die Zusammenarbeit mit der Wolfsburger Drogenberatungsstelle DROBS. Auch ein Informationsformat zur schonenden Weiterverarbeitung bereits abgeholten Cannabis wird geprüft, allerdings nur, wenn die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen geklärt sind. Gerade diese Vorsicht illustriert, wie jung und unsicher die praktische Umsetzung des Cannabisgesetzes noch ist.

Das Oktoberfest und Wake-N-Bake hängen deshalb enger zusammen, als es auf den ersten Blick scheint. Beide stehen für den gesellschaftlichen Umgang mit Rausch, Gemeinschaft und Verantwortung. Der Unterschied ist, dass die eine Kultur über Generationen normalisiert wurde, während die andere ihre Legalität bei jedem Schritt neu rechtfertigen muss. Dominik Krause hat diese Doppelmoral schon 2023 benannt. Wenn er am Samstag das erste Fass ansticht, eröffnet er eine Wiesn, auf der Cannabis weiterhin verboten bleibt. Drei Stunden später öffnet in Wolfsburg ein Verein seine Türen, der zeigen will, wie legaler Cannabisanbau und kontrollierte Abgabe tatsächlich funktionieren können. Vielleicht ist genau das die eigentliche Verbindung: Das große Volksfest bewahrt die alte Normalität, während Wake-N-Bake mühsam an einer neuen baut.

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