Der Übernahmekampf zwischen Curaleaf und Aurora Cannabis bekommt eine immer deutlichere europäische Dimension. Während Curaleaf versucht, die kanadische Konkurrenz für ein Aktien- und Barangebot zu übernehmen, antwortet Aurora jetzt mit genau dem Teil des Unternehmens, den Curaleaf offenbar besonders attraktiv findet: dem internationalen Medizinalcannabisgeschäft. In einem am 16. September veröffentlichten Geschäftsupdate stellt Aurora Deutschland, Polen und Großbritannien demonstrativ ins Zentrum seiner Wachstumsstrategie. Der Konzern bestätigt gleichzeitig seine Prognose, wonach Umsatz und bereinigtes EBITDA im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 gegenüber dem Vorquartal wachsen sollen. Das sind noch keine neuen Quartalsergebnisse, sondern eine Prognose des Unternehmens – aber der Zeitpunkt der Mitteilung mitten im Übernahmekampf dürfte kaum zufällig wirken.
Auroras stärkstes Argument ist derzeit seine internationale Infrastruktur. Das Unternehmen zählt Deutschland und Polen zu seinen wichtigsten europäischen Märkten und bezeichnet sich in Polen als Marktführer nach Umsatz. Hinzu kommt die im April für insgesamt 26,5 Millionen kanadische Dollar übernommene Safari Flower Company. Deren Anlage erhielt im Juli eine dreijährige EU-GMP-Zertifizierung und soll zusätzliche Ware für Märkte wie Deutschland, Polen und Großbritannien liefern. Aurora investiert außerdem in die Produktionsanlage in Leuna und erwartet dort eine Verdoppelung der jährlichen Blütenproduktion. Mehr als 90 Prozent der eigenen Anbaukapazitäten seien inzwischen EU-GMP-zertifiziert.
Damit lässt sich langsam erkennen, worum bei der feindlichen Übernahme tatsächlich gekämpft wird. Curaleaf bietet für jede Aurora-Aktie 0,3463 Curaleaf-Aktien plus 0,75 US-Dollar in bar. Das Unternehmen beziffert den rechnerischen Wert seines Angebots mit vier US-Dollar je Aurora-Aktie; nach oben ist die Gegenleistung bei fünf US-Dollar gedeckelt. Aurora lehnt das Angebot ab und argumentiert, Curaleaf wolle eine schuldenfreie Gesellschaft mit rund 149 Millionen kanadischen Dollar an liquiden Mitteln, EU-GMP-Produktionskapazitäten und einem etablierten europäischen Vertriebsnetz zu günstig übernehmen. Curaleaf hält dagegen, Aurora habe über Jahre durch die Ausgabe neuer Aktien seine Aktionäre verwässert und versuche, die Attraktivität des Übernahmeangebots kleinzureden.
Genau an dieser Stelle ist der Streit inzwischen bei der Börsenaufsicht angekommen. Curaleaf beantragte am 14. September bei der Alberta Securities Commission, Auroras sogenanntes At-the-Market-Programm vorläufig zu stoppen. Über ein solches Programm kann Aurora neue Aktien direkt am Markt verkaufen. Curaleaf behauptet, Aurora habe seit dem ersten Übernahmevorstoß im Juni rund 2,81 Millionen neue Aktien zu durchschnittlich 3,04 US-Dollar ausgegeben. Dadurch seien die bisherigen Aktionäre um rund 4,9 Prozent verwässert worden und die Kosten einer vollständigen Übernahme für Curaleaf um mehr als elf Millionen US-Dollar gestiegen. Das sind Vorwürfe Curaleafs; eine entsprechende Entscheidung der Aufsicht lag zunächst nicht vor.
Aurora widerspricht. Das Aktienprogramm sei bereits im Februar 2026 eingerichtet worden – mehr als sechs Monate vor dem feindlichen Übernahmeangebot – und habe der Finanzierung von strategischen Zukäufen gedient. Das Unternehmen verweist ausdrücklich auf seine jüngsten Übernahmen in Großbritannien sowie den Ausbau der internationalen Produktionskapazitäten. Außerdem sei das Programm seit mehreren Wochen nicht mehr genutzt worden. Gleichzeitig dreht Aurora den Spieß um und verweist auf Curaleafs eigene Verschuldung von mehr als einer Milliarde US-Dollar. Darunter befinden sich nach Auroras Darstellung 500 Millionen Dollar besicherte Anleihen mit einem Zinssatz von 11,5 Prozent.
Der interessanteste Teil der Auseinandersetzung findet deshalb möglicherweise gar nicht in Kanada oder den USA statt, sondern in Europa. Curaleaf argumentiert mit Größe: Ein Zusammenschluss würde nach Angaben des Unternehmens einen Cannabis-Konzern mit mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar Umsatz auf Basis der letzten zwölf Monate schaffen. Aurora argumentiert dagegen mit Spezialisierung: medizinisches Cannabis, EU-GMP-Produktion und starke Positionen in regulierten Märkten. Deutschland spielt in dieser Strategie eine Schlüsselrolle. Aurora gehört zu den wenigen Unternehmen, die medizinisches Cannabis unmittelbar in Deutschland anbauen dürfen, und besitzt mit der traditionsreichen Marke Pedanios zudem eine lang etablierte Position im deutschen Apothekenmarkt.
Aus einem klassischen Übernahmeversuch ist damit ein Grundsatzstreit über zwei Geschäftsmodelle geworden. Curaleaf setzt auf Größe, Konsolidierung und einen globalen Konzern. Aurora setzt auf einen fokussierten internationalen Medizinalcannabisanbieter, dessen europäische Infrastruktur nur schwer nachzubauen ist. Welche dieser Geschichten die Aktionäre überzeugender finden, müssen sie selbst entscheiden. Sicher ist bislang nur eines: Je wichtiger Deutschland, Polen und Großbritannien für Aurora werden, desto deutlicher wird auch, warum Curaleaf das Unternehmen überhaupt haben will.
Werbung: Unterstütze diesen Artikel – kaufe Samen bei Königlich Bayerische Samenbank.





















