Eine neue Langzeitstudie liefert Zahlen, die selbst für die Cannabisforschung ungewöhnlich deutlich ausfallen: Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die über zehn Jahre mit Medizinalcannabis behandelt wurden, benötigten am Ende im Durchschnitt fast 90 Prozent weniger Opioide als zu Beginn. Gleichzeitig gingen die berichteten Schmerzen erheblich zurück. Die am 14. September 2026 im European Spine Journal veröffentlichte Untersuchung ist damit eine der bislang längsten Beobachtungen zum Einsatz von Medizinalcannabis bei chronischen Rückenschmerzen.
Die Forscher untersuchten ursprünglich 1.000 cannabisunerfahrene Patienten mit diagnostizierten chronischen Rückenschmerzen, die zuvor mindestens ein Jahr lang Opioide eingenommen hatten und auf konventionelle Therapien nicht ausreichend angesprochen hatten. 638 Patienten nahmen auch nach zehn Jahren noch an der Untersuchung teil. Bei ihnen sank die durchschnittliche Opioiddosis von 62,8 auf 6,4 Milligramm Morphinäquivalent pro Tag – ein Rückgang von 89,8 Prozent. 91,2 Prozent der verbliebenen Teilnehmer reduzierten ihre Opioiddosis um mindestens die Hälfte. Auch die Schmerzen gingen auf einer Zehn-Punkte-Skala im Durchschnitt von 8,71 auf 1,37 zurück. Die funktionellen Einschränkungen verbesserten sich ebenfalls, wenn auch deutlich weniger spektakulär.
Bemerkenswert ist zudem, dass nicht nur Opioide seltener benötigt wurden. Die Autoren berichten auch von erheblichen Rückgängen beim Einsatz von Tramadol und Tapentadol, Benzodiazepinen, bestimmten Antidepressiva und Gabapentinoiden. Gleichzeitig blieb die verwendete Cannabismenge über viele Jahre vergleichsweise stabil. Einen stetigen Anstieg der notwendigen Dosis, wie er bei einer ausgeprägten Toleranzentwicklung zu erwarten wäre, beobachteten die Forscher nicht. Die Mehrheit verwendete verdampfte Cannabisblüten, ein weiterer Teil Cannabisöle.
So spektakulär diese Zahlen sind, so wichtig ist ihre wissenschaftliche Einordnung. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe und die Patienten wurden nicht zufällig verschiedenen Behandlungen zugeteilt. Zudem beendeten 362 der ursprünglich 1.000 Teilnehmer die zehnjährige Beobachtung nicht. Gerade dieser sogenannte Survivorship Bias kann Ergebnisse erheblich beeinflussen: Wer mit einer Therapie unzufrieden ist oder Nebenwirkungen erlebt, bleibt möglicherweise seltener zehn Jahre lang dabei. Auch die Autoren selbst weisen darauf hin, dass ihre Ergebnisse erheblich stärker ausfallen als die Effekte aus randomisierten, placebokontrollierten Cannabisstudien. Die Untersuchung zeigt deshalb einen bemerkenswerten Zusammenhang, beweist aber nicht, dass Cannabis allein für die starken Verbesserungen verantwortlich war.
Genau deshalb ist die Studie trotzdem wichtig. Zehnjährige Daten zu Medizinalcannabis sind ausgesprochen selten. Sie zeigen, dass zumindest ein Teil schwer belasteter Schmerzpatienten Cannabis über sehr lange Zeiträume verwenden kann, ohne dass die benötigte Menge zwangsläufig immer weiter steigt – und dass gleichzeitig der Verbrauch anderer Schmerz- und Begleitmedikamente deutlich sinken kann. Für die Diskussion über Medizinalcannabis als mögliche Ergänzung oder Alternative zu langfristiger Opioidtherapie liefert die Untersuchung damit ein gewichtiges neues Argument. Was jetzt fehlt, sind langfristige kontrollierte Studien, die zeigen, wie viel von dem beobachteten Effekt tatsächlich dem Cannabis zuzuschreiben ist.
Quelle: European Spine Journal
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