Montag, 14. September 2026

Legales Gras wird billiger – doch Hasch kostet plötzlich fast doppelt so viel

Cannabisblüten und Hasch vor einem niederländischen Coffeeshop zum Wietexperiment
Im niederländischen Wietexperiment wird reguliertes Gras günstiger, während sich der durchschnittliche Haschpreis fast verdoppelt hat.

Die Niederlande liefern neue Zahlen aus ihrem Experiment mit staatlich reguliertem Cannabis – und die Preisentwicklung könnte gegensätzlicher kaum sein. In den teilnehmenden Gemeinden sank der durchschnittliche Preis für Gras von 12,06 auf 10,08 Euro pro Gramm. Hasch verteuerte sich dagegen von 11,68 auf 21,12 Euro und kostet damit inzwischen fast doppelt so viel wie vor Beginn des Versuchs. Gleichzeitig ist die Auswahl legal produzierter Cannabisprodukte deutlich gewachsen. Nachdem das Hanf Journal bereits über die allgemeinen Zwischenergebnisse des Wietexperiments berichtet hat, zeigen die detaillierten Marktdaten nun, wie stark eine regulierte Lieferkette Angebot und Preise verändern kann – aber auch, dass nicht jedes Produkt automatisch günstiger oder besser verfügbar wird.

Das niederländische „Experiment Gesloten Coffeeshopketen“ soll eine der größten Absurditäten der bisherigen Cannabispolitik lösen. Coffeeshops durften Cannabis zwar unter strengen Bedingungen verkaufen, der Anbau und die Belieferung der Geschäfte blieben jedoch verboten. Die Ware musste deshalb durch die berühmte Hintertür in den geduldeten Markt gelangen. Seit April 2025 dürfen Coffeeshops in zehn Versuchsgemeinden ausschließlich Cannabis aus einer kontrollierten Lieferkette beziehen. Staatlich zugelassene Produzenten bauen die Pflanzen an, Produkte werden geprüft und sämtliche Bewegungen sollen nachvollziehbar sein. Die Untersuchung vergleicht diese Gemeinden mit zehn Orten, in denen weiterhin das bisherige Duldungsmodell gilt.

Für die erste Folgemessung führten die Forscher 85 Interviews und befragten 865 Coffeeshopbesucher sowie 441 Anwohner und Beschäftigte aus der Umgebung. Zusätzlich wurden die Produktlisten von 134 Coffeeshops ausgewertet. Besonders auffällig ist die gewachsene Auswahl: Die durchschnittliche Zahl unterschiedlicher Grassorten in den Versuchsgemeinden stieg von 10,8 auf 34,2. In den Vergleichsgemeinden erhöhte sie sich lediglich von 12,6 auf 16,2. Auch das Angebot an Haschsorten hat sich in den Versuchsorten mehr als verdoppelt. Edibles waren bei der Ausgangsmessung nur in 34 Prozent der untersuchten Coffeeshops erhältlich, inzwischen sind es 94 Prozent. Konzentrate legten von 17 auf 70 Prozent zu; mehr als sechs von zehn Geschäften bieten mittlerweile auch Vapes an.

Beim Gras scheint der regulierte Wettbewerb bereits zu funktionieren. Während der durchschnittliche Grammpreis in den Versuchsgemeinden um fast zwei Euro sank, stieg er in den Vergleichsgemeinden auf 12,47 Euro. Die Forscher ermittelten zwischen beiden Gruppen einen statistisch signifikanten Preisunterschied von 3,35 Euro pro Gramm. Beim Hasch zeigt sich das entgegengesetzte Bild: Der Preis stieg in den Versuchsorten auf durchschnittlich 21,12 Euro, während in den Vergleichsgemeinden keine entsprechende Verteuerung beobachtet wurde. Als mögliche Erklärung gilt das anfangs begrenzte Angebot regulierter Haschprodukte. Nachdem die Übergangsregelung für nicht reguliertes Hasch im September 2025 endete, traf eine weiterhin vorhandene Nachfrage offenbar auf eine noch unzureichende legale Produktion.

Die Ergebnisse sind trotzdem kein abschließendes Urteil über das Wietexperiment. Bei Besuchshäufigkeit, Konsumfrequenz, problematischem Konsum sowie Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität im Umfeld der Coffeeshops fanden die Forscher bislang keine eindeutigen Unterschiede zwischen Versuchs- und Vergleichsgemeinden. Die Erfahrungen der Konsumenten mit reguliertem Gras und Hasch fallen überwiegend positiv aus; zugleich bleibt der illegale Markt bestehen. Als Gründe für Einkäufe außerhalb der Coffeeshops wurden vor allem niedrigere Preise und die Möglichkeit genannt, größere Mengen zu erwerben. Das niederländische Forschungszentrum WODC betont deshalb ausdrücklich, dass mehrere weitere Messungen erforderlich sind, bevor belastbare Aussagen über Kriminalität, öffentliche Ordnung, Gesundheit und politische Folgen möglich werden. Das unabhängige Begleitgremium soll im Sommer 2028 seinen Abschlussbericht vorlegen.

Für Deutschland steckt in den vorläufigen Ergebnissen bereits eine wichtige Lektion. Eine kontrollierte Lieferkette kann innerhalb kurzer Zeit eine deutlich größere Produktvielfalt schaffen und den Preis für reguliertes Gras senken. Regulierung bedeutet also nicht zwangsläufig höhere Verbraucherpreise. Gleichzeitig zeigt das teure Hasch, dass gesetzliche Vorgaben allein noch kein ausreichendes Angebot erzeugen. Wenn zu wenige Produzenten bestimmte Produktgruppen liefern können, entstehen Engpässe – und hohe Preise machen den Schwarzmarkt wieder attraktiver. Wer Cannabis regulieren will, muss deshalb nicht nur Regeln schreiben, sondern auch dafür sorgen, dass legale Produzenten den tatsächlichen Markt bedienen können.

Das niederländische Experiment beweist noch nicht, dass ein regulierter Cannabismarkt jedes Problem löst. Es zeigt aber zunehmend konkret, was passiert, wenn Cannabis nicht mehr aus einer illegalen Hintertür kommen muss: Produkte werden geprüft, Lieferketten nachvollziehbar und Preise erstmals sinnvoll vergleichbar. Beim Gras scheint dieses System bereits Wirkung zu entfalten. Beim Hasch muss es seine Funktionsfähigkeit erst noch beweisen.

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