Die Schweizer Pilotstudie SCRIPT liefert neue Argumente für eine regulierte Cannabisabgabe. In Bern, Biel und Luzern können bereits regelmäßig konsumierende Erwachsene Cannabis kontrolliert über ausgewählte Apotheken beziehen. Die gestern veröffentlichten Zwischenergebnisse zeigen: Der regulierte Zugang führt nicht zu häufigerem Konsum. Im Gegenteil, die Forschenden sehen sogar leichte Abwärtstendenzen. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Konsumierende häufiger auf potenziell risikoärmere Konsumformen wie Vaporisieren oder orale Einnahme umsteigen.
Das ist bemerkenswert, weil genau diese Frage im Zentrum vieler Legalisierungsdebatten steht: Führt ein legaler und kontrollierter Zugang automatisch dazu, dass Menschen mehr konsumieren? Die bisherigen Daten aus der Schweiz sprechen zumindest bei den untersuchten bereits regelmäßig konsumierenden Erwachsenen nicht dafür. An der SCRIPT-Studie nehmen insgesamt 1.177 Personen teil: 777 in Bern, 261 in Luzern und 139 in Biel. Voraussetzung für die Teilnahme war Volljährigkeit und bereits bestehender regelmäßiger Cannabiskonsum. Es handelt sich also ausdrücklich nicht um eine Studie über die Gesamtbevölkerung und auch nicht über Menschen, die erst durch die Regulierung mit Cannabis angefangen hätten.
Der besondere Ansatz der Studie besteht darin, dass Cannabis nicht einfach nur legal abgegeben wird. Verkauf und Beratung werden miteinander kombiniert. Die Teilnehmer können in ausgewählten Apotheken verschiedene speziell für die Studie produzierte Cannabisprodukte beziehen, darunter Blüten, Harze und E-Liquids. Gleichzeitig beraten geschulte Apothekenmitarbeiter über verantwortungsvollen Konsum und Schadensminderung. In Bern beteiligen sich fünf Apotheken, in Luzern drei und in Biel eine.
Gerade dieser Beratungsansatz scheint Wirkung zu zeigen. Nach Angaben der Studienleitung gibt es Hinweise darauf, dass der regulierte Zugang den Wechsel zu potenziell risikoärmeren Konsumformen begünstigt. Dazu gehören insbesondere Vaporisieren und orale Einnahme statt klassischem Verbrennen und Rauchen. Noch interessanter: 71 Prozent der Teilnehmer gaben an, Informationen zur Risikominimierung aus der Apotheke auch an Menschen in ihrem persönlichen Umfeld weiterzugeben. Damit endet die Wirkung der Beratung möglicherweise nicht bei den eigentlichen Studienteilnehmern, sondern verbreitet sich darüber hinaus.
Auch die Produktwahl ist aufschlussreich. Rund 65 Prozent der im Rahmen der Studie verkauften Produkte waren Cannabisblüten. E-Liquids kamen auf 21 Prozent. Das zeigt einerseits, dass die klassische Blüte weiterhin mit Abstand die wichtigste Konsumform bleibt. Andererseits gibt es im regulierten Markt offenbar durchaus Nachfrage nach Alternativen zur Verbrennung.
Die Apotheken selbst bewerten das Modell nach Angaben der Universität Bern ebenfalls positiv. Die große Mehrheit der Teilnehmer empfinde den Bezug in der Apotheke als unkompliziert und professionell. Positiv bewertet würden außerdem die gleichbleibende Produktqualität, die transparente Zusammensetzung und die Möglichkeit, Cannabis legal zu kaufen, ohne auf den illegalen Markt angewiesen zu sein. Auch das Verkaufspersonal berichtet von überwiegend positiven Erfahrungen mit der neuen Kundengruppe.
Für die Legalisierungsdebatte ist das fast interessanter als die reine Frage der Konsummenge. Ein Schwarzmarkt verkauft Cannabis, aber er bietet in der Regel weder kontrollierte Produktqualität noch systematische Gesundheitsberatung. Ein regulierter Markt kann genau diese zusätzlichen Funktionen übernehmen. Damit verändert sich die politische Frage. Es geht dann nicht mehr nur darum, ob Cannabis verfügbar ist – denn für regelmäßige Konsumenten ist es ohnehin verfügbar. Entscheidend wird vielmehr, unter welchen Bedingungen es verfügbar ist.
Genau hier liegt die Stärke des Schweizer Modells. Die Teilnehmer kaufen Cannabis in einem kontrollierten Umfeld. Die Produkte werden unter definierten Bedingungen hergestellt, der Zugang erfolgt nicht gewinnorientiert und das Verkaufspersonal kann unmittelbar Informationen über Konsumrisiken vermitteln. SCRIPT untersucht damit nicht einfach „Legalisierung“, sondern ein konkretes Regulierungsmodell.
Die Ergebnisse sind auch deshalb aktuell politisch relevant, weil die Schweiz derzeit über ein neues Cannabisprodukte-Gesetz diskutiert. Die Städte Bern, Biel und Luzern verstehen ihre Pilotprojekte ausdrücklich als wissenschaftliche Grundlage für eine künftige Cannabisregulierung. Die SCRIPT-Studie war ursprünglich bis Oktober 2026 vorgesehen, wurde vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit inzwischen aber bis Oktober 2028 verlängert.
Für Deutschland ist der Blick über die Grenze interessant. Die deutsche Teillegalisierung hat zwar privaten Eigenanbau und Anbauvereinigungen ermöglicht, einen regulierten Verkauf an Erwachsene gibt es jedoch weiterhin nicht. Genau deshalb können die Schweizer Daten für die nächste politische Debatte wichtig werden. Denn sie liefern Hinweise darauf, dass kontrollierter Zugang und gesundheitspolitische Beratung sich nicht gegenseitig ausschließen – sondern im Gegenteil miteinander verbunden werden können.
Natürlich sind die bisherigen SCRIPT-Ergebnisse noch keine endgültige Antwort auf alle Fragen. Es handelt sich um Zwischenergebnisse eines laufenden Pilotversuchs. Zudem waren alle Teilnehmer bereits vor Studienbeginn regelmäßige Cannabiskonsumenten. Aussagen darüber, wie sich ein regulierter Markt langfristig auf Konsumprävalenz, Jugendliche oder Menschen ohne vorherige Cannabiserfahrung auswirkt, lassen sich daraus nicht ableiten.
Trotzdem ist eine Aussage bereits bemerkenswert klar: Regulierte Abgabe bedeutet nicht automatisch mehr Konsum.
Und möglicherweise liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis für die politische Diskussion. Wer Cannabisregulierung ausschließlich als Frage zwischen „erlauben“ und „verbieten“ behandelt, übersieht den eigentlich interessanten Bereich dazwischen. Ein regulierter Markt kann Qualitätskontrolle, Beratung und Schadensminderung miteinander verbinden.
Die Schweizer versuchen gerade herauszufinden, ob das funktioniert. Die ersten Ergebnisse sprechen zumindest dafür.
Quelle: Universität Bern – SCRIPT-Zwischenergebnisse
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