Freitag, 4. September 2026

Aurora sagt Nein – jetzt eskaliert der Curaleaf-Übernahmekampf

Aus einem Übernahmeangebot ist endgültig ein offener Machtkampf geworden. Aurora Cannabis hat seine Aktionäre offiziell aufgefordert, das feindliche Übernahmeangebot des Konkurrenten Curaleaf abzulehnen. Der Verwaltungsrat kommt einstimmig zu dem Ergebnis, dass die Offerte das Unternehmen deutlich unterbewertet und nicht im Interesse der Aurora-Aktionäre sei. Curaleaf ließ die Antwort nicht lange auf sich warten: Noch am selben Tag widersprach der Konzern öffentlich und erklärte sein Angebot weiterhin zum besten Weg für die Aktionäre. Damit beginnt eine Auseinandersetzung, bei der es um sehr viel mehr geht als um zwei kanadische Cannabisunternehmen. Im Zentrum stehen Auroras internationale Medizinalcannabis-Aktivitäten – und damit auch der wachsende europäische und deutsche Markt.

Vier Dollar reichen Aurora nicht

Curaleaf hatte sein offizielles Übernahmeangebot am 18. August gestartet. Geboten werden für jede Aurora-Aktie 0,3463 Curaleaf-Aktien plus 0,75 US-Dollar in bar. Zum Zeitpunkt der Ankündigung entsprach dies nach Berechnung von Curaleaf einem Wert von rund vier US-Dollar je Aurora-Aktie. Der Wert der Gegenleistung ist auf maximal fünf US-Dollar pro Aktie begrenzt. Curaleaf sprach von einem Aufschlag von 45 Prozent gegenüber dem zuvor ermittelten 30-Tage-Durchschnittskurs und argumentierte, Aurora-Aktionäre könnten damit unmittelbar einen Aufpreis realisieren und gleichzeitig an einem erheblich größeren internationalen Cannabiskonzern beteiligt bleiben. Das Angebot läuft derzeit bis zum 1. Dezember 2026.

Aurora sieht die Sache vollkommen anders. Nach Prüfung durch einen unabhängigen Sonderausschuss, Finanzberater und Juristen empfiehlt der Verwaltungsrat den Aktionären jetzt ausdrücklich, ihre Aktien nicht anzudienen. Wer bereits Aktien für die Übernahme eingereicht hat, soll sie nach Wunsch des Unternehmens wieder zurückziehen.

Die Botschaft aus Edmonton ist unmissverständlich: Curaleaf will Aurora nach Ansicht des Managements zu billig kaufen.

149 Millionen Dollar Cash gegen mehr als eine Milliarde Schulden

Besonders aggressiv argumentiert Aurora mit den unterschiedlichen Bilanzen der Unternehmen. Aurora bezeichnet sich als schuldenfrei und verfügte zum 30. Juni nach eigenen Angaben über rund 149 Millionen Dollar an Barmitteln und verfügungsbeschränkten Zahlungsmitteln. Curaleaf habe dagegen mehr als eine Milliarde Dollar Schulden und Leasingverbindlichkeiten.

Daraus entwickelt Aurora einen bemerkenswert scharfen Vorwurf: Curaleaf wolle nicht nur das operative Geschäft übernehmen, sondern bekäme bei einer erfolgreichen Übernahme gleichzeitig Zugriff auf Auroras Kasse. Ein Teil des Kaufpreises würde damit indirekt aus dem Vermögen des übernommenen Unternehmens stammen.

Aurora formuliert es sinngemäß noch drastischer: Das Geld der eigenen Aktionäre dürfe nicht dazu benutzt werden, die Bilanz von Curaleaf zu reparieren.

Das ist natürlich die Sichtweise von Aurora – und Curaleaf widerspricht ihr entschieden.

Curaleaf schlägt zurück

Nur Stunden nach Auroras offizieller Ablehnung veröffentlichte Curaleaf seine Gegenargumente. Der Konzern hält den angebotenen Aufschlag weiterhin für attraktiv und wirft Aurora seinerseits vor, die eigene wirtschaftliche Situation schöner darzustellen als sie sei.

Curaleaf verweist darauf, dass Aurora seit September 2020 nach eigenen Berechnungen rund 398 Millionen Dollar durch die Ausgabe neuer Aktien aufgenommen habe. Der Preis für die heute schuldenfreie Bilanz sei deshalb eine erhebliche Verwässerung der bisherigen Aktionäre gewesen. Außerdem argumentiert Curaleaf, Aurora habe noch in den vergangenen Quartalen selbst neue Aktien zu Durchschnittspreisen von 3,57 beziehungsweise 3,09 US-Dollar verkauft – und erkläre nun ein deutlich höheres Übernahmeangebot für unzureichend.

Damit haben wir inzwischen einen klassischen Übernahmekampf: Beide Unternehmen versuchen nicht mehr nur, Investoren von der eigenen Strategie zu überzeugen. Sie greifen direkt die Bilanz, die Unternehmensführung und die Zukunftsstrategie des jeweils anderen an.

Der eigentliche Schatz liegt auch in Europa

Besonders interessant wird die Auseinandersetzung aus europäischer Sicht. Aurora hat sich in den vergangenen Jahren konsequent auf Medizinalcannabis und internationale Märkte konzentriert. Der Konzern verfügt über EU-GMP-konforme Produktionskapazitäten und ist unter anderem im deutschen Markt stark positioniert.

Aurora bezeichnet gerade das internationale Medizinalcannabisgeschäft als einen der wichtigsten Gründe dafür, warum Curaleafs Angebot zu niedrig sei. Bereits im August hatte das Unternehmen erklärt, das internationale Geschäft wachse und die margenstarke deutsche Sparte sei ein wesentlicher Bestandteil der eigenen Wachstumsstrategie.

Curaleaf macht wiederum keinen Hehl daraus, dass genau diese Infrastruktur strategisch attraktiv ist. Der Konzern argumentiert, eine Fusion würde Auroras EU-GMP-Anbau- und Produktionskapazitäten mit Curaleafs Verarbeitung und internationalem Vertrieb verbinden. Nach Curaleafs Darstellung wäre der gemeinsame Konzern in 17 Ländern vertreten und käme auf mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar Umsatz der vergangenen zwölf Monate.

Damit wird deutlich, was hier tatsächlich verhandelt wird.

Es geht nicht nur darum, wer in Kanada mehr Cannabis verkauft.

Es geht darum, wer sich eine möglichst starke Ausgangsposition für den nächsten Entwicklungsschritt des weltweiten Cannabismarktes sichert.

Deutschland macht Aurora wertvoll

Deutschland spielt dabei eine besondere Rolle. Seit dem Inkrafttreten des Cannabisgesetzes und der Herausnahme von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz hat sich der deutsche Medizinalcannabismarkt massiv verändert. Internationale Produzenten betrachten Deutschland längst als einen der wichtigsten medizinischen Cannabismärkte außerhalb Nordamerikas.

Genau deshalb sind Produktionsanlagen allein nicht der entscheidende Wert. Wer bereits EU-GMP-Strukturen, Importwege, regulatorische Erfahrung, Marken, Vertriebspartner und Zugang zu europäischen Märkten aufgebaut hat, besitzt einen Vorsprung, der sich nicht innerhalb weniger Monate kopieren lässt.

Aurora glaubt offenbar, dass Curaleaf diesen Vorsprung kaufen möchte, bevor sich sein vollständiger wirtschaftlicher Wert in den Geschäftszahlen zeigt.

Curaleaf glaubt offenbar das Gegenteil: Dass Aurora allein nicht schnell genug wächst und seine Infrastruktur innerhalb eines größeren Konzerns wesentlich produktiver eingesetzt werden könnte.

Beide Argumentationen sind aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar. Aber sie führen zu völlig unterschiedlichen Bewertungen desselben Unternehmens.

Und plötzlich könnte ein zweiter Käufer auftauchen

Noch interessanter ist deshalb ein Detail in Auroras offizieller Stellungnahme. Das Unternehmen beschränkt sich nicht darauf, das Curaleaf-Angebot abzulehnen. Vorstand und Berater prüfen nach eigenen Angaben weiterhin strategische Alternativen, die den Wert für die Aktionäre erhöhen könnten.

Damit ist theoretisch auch die Tür für andere Interessenten geöffnet.

Aus einer feindlichen Übernahme könnte dadurch ein Bieterwettbewerb werden.

Das wäre für Curaleaf die unangenehmste Entwicklung. Denn sobald ein zweiter ernsthafter Käufer auftaucht, wäre die zentrale Behauptung Auroras – vier Dollar seien zu wenig – plötzlich nicht mehr nur eine Meinung des eigenen Verwaltungsrats, sondern könnte unmittelbar vom Markt bestätigt werden.

Ob tatsächlich ein Konkurrent auftaucht, ist bislang völlig offen. Aber allein die Möglichkeit verändert die Ausgangslage.

Der Kampf hat gerade erst begonnen

Curaleafs Angebot bleibt nach aktuellem Stand bis zum 1. Dezember geöffnet. Es bleibt also genügend Zeit für weitere Manöver. Curaleaf könnte das Angebot verändern oder verbessern. Aurora könnte eine Alternative präsentieren. Ein weiterer Konzern könnte sich einschalten. Oder die Aktionäre könnten letztlich entscheiden, dass ihnen vier Dollar und die Beteiligung am größeren Curaleaf-Konzern genügen.

Sicher ist momentan nur eines: Die freundliche Phase der Gespräche ist vorbei.

Aurora bezeichnet das Angebot mittlerweile öffentlich als feindlich und opportunistisch. Curaleaf wirft dem Aurora-Management im Gegenzug Verwässerung, schwache Cash-Generierung und eine seit Jahren nicht abgeschlossene Transformation vor.

Das ist für die Cannabisindustrie bemerkenswert. Nach Jahren, in denen viele Unternehmen vor allem ums Überleben kämpften, geht es jetzt wieder um internationale Expansion, Marktanteile und strategisch wertvolle Infrastruktur.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Nachricht dieses Übernahmekampfes: Europas Medizinalcannabismarkt ist mittlerweile wertvoll genug, dass zwei der bekanntesten nordamerikanischen Cannabisunternehmen öffentlich darum streiten, wem ein wesentlicher Teil seiner Infrastruktur künftig gehören soll.

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