
Mit der Übergabe des 100. Erlaubnisbescheids für eine Cannabis-Anbauvereinigung hat Niedersachsen einen politischen Meilenstein erreicht. Doch das Bild aus Göttingen erzählt mehr als die Geschichte eines einzelnen Clubs. Es zeigt, warum Anbauvereinigungen politische Rückendeckung brauchen – und warum eine Gesellschaft, die ehrenamtliches Engagement regelmäßig lobt, dieses Engagement auch dann ernst nehmen muss, wenn es um Cannabis geht.
Am 17. August 2026 übergab Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte in Göttingen persönlich den 100. Erlaubnisbescheid für eine Cannabis-Anbauvereinigung an The Cherry e.V.. Niedersachsen kommt damit auf 100 genehmigte Vereinigungen in 36 von 45 Landkreisen, kreisfreien Städten beziehungsweise der Region Hannover.
Das offizielle Übergabebild könnte kaum besser zeigen, worum es eigentlich geht.
Eine Ministerin steht nicht vor einem anonymen Unternehmen und nicht vor einem internationalen Cannabiskonzern. Sie steht gemeinsam mit Menschen, die einen Verein aufgebaut, Anträge geschrieben, Konzepte entwickelt und Verantwortung übernommen haben.
Menschen, die diese Arbeit weitgehend ehrenamtlich leisten.
Und genau deshalb ist dieser Termin politisch wichtiger, als es die Zahl 100 allein vermuten lässt.
Cannabis-Clubs sind Bürgerengagement
Politiker aller Ebenen sprechen gern über die Bedeutung des Ehrenamts.
Sportvereine, freiwillige Feuerwehren, Kulturvereine, Nachbarschaftsinitiativen oder soziale Projekte gelten zu Recht als wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft.
Bei Cannabis-Anbauvereinigungen wird diese Logik jedoch gelegentlich vergessen.
Dabei funktionieren auch sie nur deshalb, weil Bürger bereit sind, ihre Freizeit zu investieren, Verantwortung zu übernehmen und komplizierte gesetzliche Anforderungen zu erfüllen.
Die niedersächsische Landwirtschaftsministerin formulierte diesen Punkt bei der Übergabe ungewöhnlich deutlich.
Der kontinuierliche Aufbau der Vereinigungen sei nur durch einen „kooperativen, sachorientierten Austausch zwischen Behörden und den ehrenamtlichen Vorständen der Cannabis-Anbauvereinigungen“ möglich gewesen.
Dieser Satz verdient Aufmerksamkeit.
Denn er beschreibt ziemlich genau, was bei der Umsetzung des Cannabisgesetzes funktioniert – und was andernorts häufig fehlt:
Zusammenarbeit statt Misstrauen.
Ein Cannabis-Club ist kein einfacher Verein
Wer einen Fußballverein gründet, muss einiges organisieren.
Wer eine Cannabis-Anbauvereinigung gründet, muss deutlich mehr nachweisen.
Für einen Erlaubnisbescheid benötigen die Vereinigungen unter anderem Führungszeugnisse, Alterskontrollen, Gesundheits- und Jugendschutzkonzepte und Sicherheitsmaßnahmen gegen den Zugriff Dritter. Zusätzlich müssen THC-Gehalte kontrolliert und dokumentiert werden; auch für Anbau und Abgabe gelten gesetzliche Obergrenzen.
Hinter einem genehmigten Club stehen deshalb Monate von Planung, Bürokratie und häufig erhebliche private Vorleistungen.
Räumlichkeiten müssen gefunden werden. Sicherheitskonzepte müssen funktionieren. Dokumentation muss aufgebaut werden. Mitglieder müssen organisiert werden. Präventionsbeauftragte brauchen Schulungen. Und all das geschieht in einem Rechtsgebiet, das erst seit gut zwei Jahren existiert und in dem viele praktische Fragen überhaupt erst durch Erfahrungen geklärt werden. Wer diese Arbeit übernimmt, betreibt keinen schnellen Cannabisverkauf.
Er baut eine regulierte Struktur auf.
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Genau deshalb braucht es PolitikerInnen, die sich kümmern
Politische Unterstützung bedeutet dabei nicht, einem Verein Sonderrechte zu verschaffen.
Es bedeutet auch nicht, staatliche Kontrolle abzubauen. Im Gegenteil. Eine gute Cannabispolitik besteht gerade darin, klare Regeln mit einer Verwaltung zu verbinden, die deren Umsetzung tatsächlich möglich macht.
Das niedersächsische Beispiel zeigt, dass beides gleichzeitig funktionieren kann.
Die Clubs werden kontrolliert. Sie müssen umfangreiche Voraussetzungen erfüllen. Gleichzeitig arbeitet die zuständige Landwirtschaftskammer offenbar so, dass aus Anträgen irgendwann auch Genehmigungen werden.
Staudte lobte die Landwirtschaftskammer ausdrücklich für ihre sachorientierte Arbeit und erklärte, Genehmigung und Kontrolle der Vereinigungen seien dort „in guten Händen“.
Politische Unterstützung heißt deshalb vor allem:
Verwaltung handlungsfähig machen. Ansprechpartner schaffen. Probleme ernst nehmen. Und Menschen, die sich an das Gesetz halten wollen, nicht unnötig daran hindern.
Ehrenamt verdient Respekt – auch wenn Cannabis draufsteht
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft des Göttinger Termins.
Ehrenamtliches Engagement verliert seinen gesellschaftlichen Wert nicht dadurch, dass die betreffende Pflanze Cannabis heißt.
Die Vorstände von Anbauvereinigungen übernehmen Verantwortung für Jugendschutz, Prävention, Sicherheit und eine kontrollierte Abgabe.
Staudte berichtete nach ihren Besuchen verschiedener Vereinigungen von einem hohen Verantwortungsbewusstsein der ehrenamtlichen Vorstände. Viele seien gerade deshalb motiviert, weil sie mit ihrem eigenen Konsum keine kriminellen Strukturen mehr unterstützen wollten. Die Menschen, denen sie in den Clubs begegne, kämen aus der Mitte der Gesellschaft und aus unterschiedlichsten Berufen. Auch Suchtprävention und die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen würden ernst genommen.
Genau diese Normalität ist bemerkenswert. Denn jahrzehntelang wurde Cannabiskonsum politisch häufig über Kriminalität definiert. Jetzt sitzen Menschen aus derselben Gesellschaft zusammen und versuchen, einen legalen, kontrollierten Weg zu organisieren. Das ist keine Schwächung staatlicher Ordnung. Es ist im besten Fall deren praktische Umsetzung.
Politik und Clubs müssen miteinander sprechen können
Natürlich darf daraus keine unkritische Beziehung entstehen. Anbauvereinigungen müssen kontrolliert werden. Politiker müssen über Probleme sprechen können. Behörden müssen bei Verstößen einschreiten. Und auch Clubs müssen Kritik aushalten. Aber Regulierung funktioniert nur, wenn beide Seiten miteinander reden. Gerade ein neues Gesetz braucht Rückmeldungen aus der Praxis.
Wo sind Vorschriften unklar? Wo entstehen unnötige Kosten? Welche Anforderungen funktionieren? Wo gibt es echte Sicherheitsprobleme? Welche Regeln sehen auf dem Papier sinnvoll aus und bereiten in der Praxis unerwartete Schwierigkeiten? Solche Fragen können Ministerien nicht allein aus ihren Büros beantworten.
Sie brauchen Menschen, die das Gesetz tatsächlich umsetzen. Deshalb sind Besuche wie der in Göttingen nicht bloß Fototermine. Sie sind ein Teil guter Gesetzgebung.
Niedersachsen zeigt, was möglich ist
Die Zahlen verdeutlichen, wie unterschiedlich die Umsetzung des KCanG inzwischen ausfällt.
In Niedersachsen wurden bis zum 17. August insgesamt 148 Anträge gestellt, davon waren 100 genehmigt. Bei rund acht Millionen Einwohnern liegt das Land damit nach Angaben des Ministeriums pro Kopf bundesweit deutlich an der Spitze. Zum Vergleich nennt das Ministerium Bayern mit 13,25 Millionen Einwohnern und neun genehmigten Anbauvereinigungen.
Dass ein Bundesgesetz innerhalb Deutschlands derart unterschiedlich praktisch sichtbar wird, sollte politische Aufmerksamkeit erzeugen. Denn offenbar hängt der Erfolg des Modells nicht allein vom Wortlaut des KCanG ab. Er hängt auch davon ab, wie Länder und Behörden damit umgehen. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Man kann ein Gesetz politisch akzeptieren und seine Umsetzung trotzdem lähmen.
Oder man kann versuchen, es rechtssicher und pragmatisch umzusetzen. Niedersachsen hat sich erkennbar für die zweite Variante entschieden.
Anbauvereinigungen sind keine Cannabisindustrie
Das sollte auch in der politischen Diskussion stärker berücksichtigt werden. Anbauvereinigungen sind keine gewinnorientierten Cannabisunternehmen. Sie dürfen Cannabis nicht wie ein kommerzieller Händler verkaufen. Das Modell basiert auf gemeinschaftlichem Eigenanbau innerhalb eines gesetzlich eng begrenzten Rahmens. Damit ist die ehrenamtliche Struktur keine Nebensache. Sie ist Teil des Modells.
Wer Anbauvereinigungen politisch will, muss deshalb auch akzeptieren, dass Menschen diese Vereine tatsächlich betreiben können müssen. Wenn Vorschriften so kompliziert, widersprüchlich oder teuer werden, dass nur noch professionelle Unternehmen sie erfüllen könnten, wäre der ursprüngliche Gedanke des Modells irgendwann verloren.
Bürger übernehmen Verantwortung, die der Staat ihnen gegeben hat
Politisch betrachtet steckt darin eine interessante Umkehrung. Der Staat hat Bürgern mit dem Cannabisgesetz ausdrücklich die Möglichkeit gegeben, sich zusammenzuschließen und Cannabis gemeinschaftlich innerhalb eines kontrollierten Rahmens anzubauen. Wenn Bürger genau das tun, sollte die Reaktion nicht lauten:
„Wie können wir es ihnen möglichst schwer machen?“
Sondern:
„Wie sorgen wir dafür, dass das Gesetz sicher und ordentlich funktioniert?“
Das bedeutet weder Deregulierung noch Naivität. Es bedeutet schlicht gute Verwaltung.
Nicht jeder Politiker muss Cannabis mögen
Politische Unterstützung für Anbauvereinigungen bedeutet übrigens auch nicht, dass jeder Politiker Cannabis persönlich gut finden muss. Das wäre ein falscher Anspruch. In einer Demokratie müssen Politiker regelmäßig Gesetze umsetzen, deren Inhalt sie persönlich vielleicht anders gestaltet hätten.
Entscheidend ist etwas anderes:
Wenn Bürger sich an geltendes Recht halten, Verantwortung übernehmen und ihre Vereine transparent betreiben, verdienen sie einen Staat, der ihnen ebenfalls sachlich und rechtsstaatlich begegnet. Diese Haltung sollte eigentlich unabhängig davon gelten, ob jemand Cannabis befürwortet oder ablehnt.
Prävention funktioniert besser mit Ansprechpartnern
Auch beim Jugendschutz und bei der Suchtprävention besitzt das Vereinsmodell einen interessanten Vorteil. Ein illegaler Dealer besitzt keinen Präventionsbeauftragten. Er erstellt kein Jugendschutzkonzept. Er dokumentiert keine THC-Werte. Und er arbeitet üblicherweise nicht mit Beratungsstellen zusammen. Eine regulierte Anbauvereinigung muss genau solche Strukturen aufbauen. Das bedeutet nicht, dass dadurch automatisch jedes gesundheitliche Problem gelöst wäre. Aber es entstehen erstmals verantwortliche Ansprechpartner. Für Politik, Behörden, Wissenschaft und Prävention kann genau das wertvoll sein.
100 Bescheide bedeuten auch 100 Mal Vertrauen
Die 100. Genehmigung in Göttingen ist deshalb mehr als eine Zahl. Jeder Erlaubnisbescheid bedeutet, dass Menschen bereit waren, sich dem regulatorischen Aufwand zu stellen. Und jeder Bescheid bedeutet gleichzeitig, dass eine Behörde nach Prüfung zu dem Ergebnis gekommen ist:
Diese Menschen dürfen diese Verantwortung übernehmen. Das ist letztlich auch eine Form staatlichen Vertrauens. Nicht blind. Nicht ohne Kontrolle. Aber regelgebunden.
Die eigentliche Erfolgsgeschichte sind die Menschen dahinter
Auf dem offiziellen Übergabefoto sieht man deshalb nicht nur eine Ministerin und einen Erlaubnisbescheid. Man sieht Menschen. Menschen in Vereinskleidung, Menschen aus Politik und Verwaltung, Menschen, die Monate Arbeit in ein Projekt gesteckt haben. Genau darin steckt die eigentliche Geschichte des Tages. Deutschland diskutiert häufig darüber, ob Bürger sich noch engagieren, Verantwortung übernehmen und gesellschaftliche Aufgaben mittragen wollen.
Hier tun sie genau das. Sie gründen Vereine. Sie beschäftigen sich mit Prävention. Sie organisieren Sicherheit. Sie erfüllen bürokratische Anforderungen. Sie investieren Zeit. Und sie tun das ehrenamtlich.
Politik sollte darüber nicht nur dann froh sein, wenn es um Sport, Kultur oder Feuerwehr geht.
Ehrenamt bleibt Ehrenamt – auch wenn Cannabis angebaut wird.
Politik entscheidet mit darüber, ob das Modell funktioniert
Ob Cannabis-Anbauvereinigungen langfristig einen relevanten Beitrag zur Zurückdrängung des Schwarzmarkts leisten, wird sich erst zeigen.
Auch Niedersachsen räumt ein, dass die legale Alternative bislang auf einem insgesamt niedrigen Niveau liegt. Gleichzeitig bezeichnet das Ministerium die Clubs ausdrücklich als nahezu flächendeckend entstehende Alternative zum illegalen Markt.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist allerdings bereits sichtbar:
Die Menschen, die solche Strukturen aufbauen sollen, müssen von Politik und Verwaltung als Partner bei der Umsetzung eines Gesetzes behandelt werden.
Nicht als Gegner. Nicht als Verdächtige. Und auch nicht als lästiges Nebenprodukt einer Reform. Der Termin bei The Cherry in Göttingen war deshalb mehr als die Übergabe eines Dokuments.
Er zeigte, wie Cannabispolitik aussehen kann, wenn Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft miteinander statt übereinander sprechen.
Vielleicht ist das der eigentliche Meilenstein hinter dem 100. Bescheid.

















