
Cannabiskonsum ist bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen mit einem deutlich früheren Beginn der Psychose verbunden. Eine neue Meta-Analyse unter Leitung der University of New South Wales wertete 149 Studien mit mehr als 71.000 Menschen aus. Im Durchschnitt trat die erste Psychose bei Cannabiskonsumenten rund 2,5 Jahre früher auf als bei Nichtkonsumenten. Das Ergebnis ist relevant – beweist aber nicht, dass Cannabis die Psychose verursacht.
Die Debatte um Cannabis und psychische Erkrankungen gehört zu den ältesten und zugleich politisch aufgeladensten Themen der Cannabispolitik.
Auf der einen Seite werden gesundheitliche Risiken teilweise heruntergespielt. Auf der anderen Seite wird aus statistischen Zusammenhängen schnell die Behauptung, Cannabis verursache zwangsläufig schwere psychische Erkrankungen.
Eine neue große Meta-Analyse liefert nun zusätzliche Daten – und zeigt gleichzeitig, warum eine saubere Einordnung wichtig bleibt.
Mehr als 71.000 Menschen ausgewertet
Das Forschungsteam untersuchte 149 Studien mit insgesamt mehr als 71.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die meisten Studien stammten aus Europa, Nordamerika und Australien und beschäftigten sich mit Menschen, bei denen psychotische Erkrankungen diagnostiziert worden waren, häufig Schizophrenie.
Dabei verglichen die Forscher das Alter beim ersten Auftreten einer Psychose zwischen Menschen mit und ohne Cannabiskonsum.
Über alle Studien hinweg zeigte sich ein deutlicher Unterschied:
Bei Cannabiskonsumenten begann die Psychose im Durchschnitt rund 2,5 Jahre früher.
Das bestätigt eine Beobachtung, die bereits frühere Untersuchungen nahegelegt hatten. Eine kleinere Meta-Analyse aus dem Jahr 2011 war auf einen Unterschied von rund 2,7 Jahren gekommen. Die neue Untersuchung kann aufgrund der wesentlich größeren Datenbasis zusätzlich nach Altersgruppen differenzieren.
Je später die Psychose, desto größer der Unterschied
Besonders interessant ist dabei die Aufteilung nach dem durchschnittlichen Alter beim Krankheitsbeginn.
In Studien, in denen Psychosen typischerweise zwischen 20 und 24 Jahren begannen, trat die erste Episode bei Cannabiskonsumenten durchschnittlich 1,6 Jahre früher auf.
Lag der typische Krankheitsbeginn zwischen 25 und 29 Jahren, wuchs der Abstand auf 4,43 Jahre.
Bei Menschen, deren Psychose erst ab einem Alter von 30 Jahren auftrat, betrug der Unterschied sogar 6,3 Jahre.
Die Autoren halten es deshalb für möglich, dass sich Auswirkungen längeren Cannabiskonsums über die Zeit aufbauen.
Das ist allerdings eine Interpretation der Daten – kein experimenteller Beweis für einen solchen Mechanismus.
Bei Jugendlichen zeigte sich überraschenderweise kein signifikanter Unterschied
Ein Ergebnis dürfte viele überraschen.
Bei Jugendlichen fand die Meta-Analyse keinen statistisch signifikanten Unterschied beim Alter des Psychosebeginns zwischen Cannabisnutzern und Nichtnutzern.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Cannabiskonsum für Jugendliche ungefährlich wäre.
Die Forscher weisen darauf hin, dass Psychosen vor der Mitte der Teenagerjahre insgesamt selten auftreten. Dadurch gibt es biologisch und statistisch nur einen relativ kleinen Zeitraum, um einen noch früheren Beginn beobachten zu können.
Außerdem betrifft die Studie ausschließlich die Frage, wann eine Psychose erstmals auftritt. Sie untersucht nicht sämtliche anderen möglichen Auswirkungen von Cannabiskonsum im Jugendalter.
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Zusammenhang ist nicht automatisch Ursache
Für die öffentliche Debatte ist dieser Punkt entscheidend:
Die Meta-Analyse zeigt einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und einem früheren Auftreten von Psychosen.
Sie kann aber nicht beweisen, dass Cannabis allein diesen früheren Krankheitsbeginn verursacht.
Die ausgewerteten Untersuchungen waren überwiegend Beobachtungsstudien. Bei solchen Daten bleiben verschiedene Erklärungen möglich.
Menschen mit einer sich entwickelnden psychischen Erkrankung könnten beispielsweise häufiger Cannabis konsumieren. Andere Faktoren wie genetische Veranlagung, soziale Bedingungen, zusätzlicher Substanzkonsum oder bereits vorhandene psychische Symptome könnten sowohl Cannabiskonsum als auch Psychoserisiko beeinflussen.
Die Autoren weisen deshalb ausdrücklich auf Grenzen bei der Ableitung kausaler Aussagen hin.
Trotzdem ist das Signal nicht bedeutungslos
Aus der fehlenden Möglichkeit eines eindeutigen Kausalnachweises folgt umgekehrt nicht, dass Cannabis als Risikofaktor ignoriert werden könnte.
Die wissenschaftliche Literatur zum Verhältnis zwischen häufigem Cannabiskonsum und Psychosen ist inzwischen deutlich umfangreicher als bei vielen anderen diskutierten psychischen Folgen.
Ein aktueller Review im Lancet Psychiatry kommt beispielsweise zu dem Schluss, dass es überzeugende Hinweise darauf gibt, dass täglicher Cannabiskonsum zur Entstehung von Psychosen beitragen kann. Bei Depressionen, Angststörungen und Suizidalität sei die Kausalitätslage dagegen wesentlich unsicherer.
Damit entsteht ein differenziertes Bild:
Nicht jeder Cannabiskonsument entwickelt eine Psychose.
Aber insbesondere intensiver Konsum kann bei anfälligen Personen offenbar ein relevanter Faktor sein.
Die entscheidende Frage lautet: Wer trägt das höchste Risiko?
Genau hier müsste eine moderne Cannabisprävention ansetzen.
Die Frage sollte nicht lauten:
„Ist Cannabis gefährlich oder ungefährlich?“
Sondern:
Für wen ist welcher Konsum unter welchen Bedingungen besonders riskant?
Eine Person, die gelegentlich Cannabis konsumiert, besitzt ein völlig anderes Risikoprofil als jemand, der täglich hochpotente THC-Produkte verwendet und zusätzlich eine familiäre Vorbelastung für psychotische Erkrankungen hat.
Auch Alter, Konsumhäufigkeit, THC-Gehalt und die individuelle psychische Vorgeschichte dürften eine wichtige Rolle spielen.
Die neue Meta-Analyse kann diese Faktoren nicht vollständig voneinander trennen. Gerade deshalb sollten ihre Ergebnisse nicht zu einer pauschalen Aussage über „Cannabis“ verkürzt werden.
Medizinalcannabis wird bereits in die Debatte hineingezogen
In Australien hat die Studie unmittelbar eine Debatte über Medizinalcannabis ausgelöst.
Der leitende Forscher Matthew Large äußerte gegenüber australischen Medien deutliche Bedenken hinsichtlich der zunehmenden Verschreibung hochpotenter Cannabisprodukte. Teile der Berichterstattung stellen deshalb einen direkten Zusammenhang zwischen der Studie und dem stark gewachsenen australischen Medizinalcannabismarkt her.
Hier ist jedoch Vorsicht angebracht.
Die Meta-Analyse unterschied nicht systematisch zwischen illegal konsumiertem Cannabis und ärztlich verschriebenem Medizinalcannabis. Sie umfasste Studien mit sehr unterschiedlichen Produkten, THC-Gehalten, Konsummustern und regulatorischen Bedingungen.
Die Ergebnisse können deshalb nicht einfach als Beweis dafür verwendet werden, dass eine medizinisch überwachte Cannabistherapie dasselbe Risikoprofil besitzt wie langjähriger unkontrollierter Freizeitkonsum.
Das heißt wiederum nicht, dass Medizinalcannabis frei von psychiatrischen Risiken wäre.
Es bedeutet lediglich: Die vorliegende Studie beantwortet diese spezielle Frage nicht.
Hohe THC-Gehalte bleiben ein wichtiges Thema
Gerade mit der Entwicklung moderner Cannabismärkte gewinnt die Frage der Potenz an Bedeutung.
In vielen legalen Märkten sind Produkte mit deutlich höheren THC-Konzentrationen erhältlich als noch vor einigen Jahrzehnten. Gleichzeitig unterscheiden sich Konsumformen erheblich – von niedrig dosierten Produkten bis zu hochpotenten Extrakten.
Wenn Cannabis tatsächlich bei bestimmten Menschen einen psychotischen Krankheitsprozess beschleunigen kann, dürfte deshalb nicht allein die Frage „Cannabis ja oder nein?“ entscheidend sein.
Viel wichtiger könnten Dosis, Häufigkeit und Potenz werden.
Genau dafür braucht es bessere Daten.
Was die Legalisierungsdebatte daraus lernen sollte
Für Deutschland hat die neue Untersuchung eine besondere Bedeutung.
Seit der Teillegalisierung wird häufig so diskutiert, als müssten sich Befürworter und Gegner zwischen zwei Extremen entscheiden:
Cannabis als nahezu harmloses Genussmittel – oder Cannabis als grundsätzlich gefährliche Droge.
Beides wird der wissenschaftlichen Lage nicht gerecht.
Eine regulierte Cannabispolitik kann gesundheitliche Risiken anerkennen, ohne daraus automatisch ein Verbot abzuleiten.
Im Gegenteil:
Gerade ein legaler und regulierter Markt bietet theoretisch Möglichkeiten, THC-Gehalte transparent auszuweisen, Risikogruppen gezielt anzusprechen und Konsumenten sachlich über psychische Risiken zu informieren.
Entscheidend ist allerdings, dass solche Präventionsangebote nicht auf Übertreibung beruhen.
Wer behauptet, Cannabis führe zwangsläufig zur Psychose, verliert bei Konsumenten schnell Glaubwürdigkeit.
Wer den Zusammenhang vollständig leugnet, ignoriert wiederum einen inzwischen erheblichen wissenschaftlichen Befund.
Ein früherer Beginn kann erhebliche Folgen haben
Der Unterschied von durchschnittlich 2,5 Jahren klingt zunächst möglicherweise abstrakt.
Bei psychotischen Erkrankungen können einige Jahre jedoch erhebliche Bedeutung besitzen.
Ein Krankheitsbeginn mit 21 statt 24 Jahren kann Ausbildung, Studium, Berufseinstieg und soziale Entwicklung in einer besonders wichtigen Lebensphase betreffen.
Genau deshalb ist die Frage nach dem Zeitpunkt der ersten Episode medizinisch relevant.
Sollte Cannabis bei einem Teil gefährdeter Menschen tatsächlich dazu beitragen, dass eine ohnehin vorhandene Vulnerabilität früher klinisch sichtbar wird, wäre das ein ernstzunehmender Präventionsansatz.
Ob und bei welchen Personen dieser Mechanismus tatsächlich besteht, muss jedoch weiter untersucht werden.
Keine Entwarnung – aber auch kein neuer Kausalbeweis
Die neue Meta-Analyse ist deshalb weder eine Entwarnung noch der endgültige Beweis einer einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Sie zeigt etwas anderes:
Über eine sehr große Zahl von Studien hinweg tritt Psychose bei Cannabiskonsumenten im Durchschnitt deutlich früher auf als bei Menschen mit Psychose, die kein Cannabis konsumieren.
Dieser Zusammenhang wird mit zunehmendem Alter sogar stärker.
Das ist wissenschaftlich relevant und sollte ernst genommen werden.
Aber aus einem statistischen Zusammenhang wird nicht automatisch die Aussage:
„Cannabis verursacht Psychosen.“
Eine seriöse Cannabispolitik muss beide Aussagen gleichzeitig aushalten können.
Cannabis ist nicht risikofrei.
Und wissenschaftliche Risiken werden nicht glaubwürdiger, indem man sie größer darstellt, als die Daten tatsächlich erlauben.

















