
Niedersachsen erreicht einen symbolischen Meilenstein der deutschen Teillegalisierung: Am Montag, 17. August 2026, soll in Göttingen die 100. Genehmigung für eine Cannabis-Anbauvereinigung übergeben werden. Damit entwickelt sich das Bundesland zum wichtigsten Praxistest für Cannabis-Clubs in Deutschland. Doch die Zahl 100 ist nicht nur ein Grund zum Feiern – sie bietet auch Anlass für eine erste Zwischenbilanz.
Als im Juli 2024 die ersten Anträge für Cannabis-Anbauvereinigungen gestellt werden konnten, war kaum abzusehen, wie schnell sich das Modell in den einzelnen Bundesländern entwickeln würde.
Gut zwei Jahre später zeichnet sich ein recht klares Bild ab: Niedersachsen gehört zu den Bundesländern, in denen die Genehmigungsverfahren vergleichsweise weit fortgeschritten sind.
Am Montag soll Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte in Göttingen die 100. Genehmigung übergeben. Empfänger ist der Verein The Cherry. Nach Angaben aus Niedersachsen wurden insgesamt 148 Anträge gestellt. Mit rund 1,25 genehmigten Anbauvereinigungen je 100.000 Einwohner liegt Niedersachsen bei der Pro-Kopf-Zahl bundesweit vorne. Nur Nordrhein-Westfalen verfügt absolut über mehr Clubs.
Die Zahl 100 ist deshalb mehr als ein Jubiläum.
Sie zeigt erstmals in größerem Maßstab, wie das politische Experiment Anbauvereinigung tatsächlich funktioniert.
Vom ersten Club bis zur Nummer 100
Niedersachsen war bereits beim Start schnell.
Schon wenige Tage nach Beginn der Antragsphase im Juli 2024 übergab Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte den ersten Erlaubnisbescheid an den Cannabis Social Club Ganderkesee.
Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen ist im Bundesland sowohl für Genehmigung als auch Kontrolle der Vereinigungen zuständig. Zu den Voraussetzungen gehören unter anderem Führungszeugnisse, Gesundheits- und Jugendschutzkonzepte, Schutz vor dem Zugriff Dritter sowie Kontrolle und Dokumentation der THC-Gehalte.
Zwei Jahre später erreicht das Modell nun erstmals eine Größenordnung, bei der die Diskussion nicht mehr nur theoretisch geführt werden muss.
Es gibt reale Anlagen, reale Mitglieder, reale Ernten – und reale Probleme.
Die Clubs sollen eine Alternative zum Schwarzmarkt schaffen
Ein zentrales Ziel des Cannabisgesetzes war von Anfang an, Konsumenten eine legale Alternative zu illegal beschafftem Cannabis zu eröffnen.
Genau diese Funktion hebt auch die niedersächsische Landesregierung hervor.
Bei einem Besuch des CSC Sativum in Oldenburg im Juli bezeichnete Ministerin Staudte die Anbauvereinigungen als Möglichkeit, einen legalen Zugang zu getestetem Cannabis zu schaffen und gleichzeitig den Schwarzmarkt einzudämmen. Der dort besuchte Club zählt rund 460 Mitglieder und baut 17 verschiedene Cannabissorten an.
Das ist ein wichtiger Unterschied zum illegalen Markt.
In einem kontrollierten Club können Herkunft, Anbau und THC-Gehalt dokumentiert werden. Gleichzeitig gelten klare Abgabemengen und Jugendschutzanforderungen.
Genau darin liegt die eigentliche politische Idee der Anbauvereinigungen: Nicht möglichst viel Cannabis in Umlauf bringen, sondern einen kontrollierten Zugang außerhalb des Schwarzmarktes ermöglichen.
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Weniger Cannabisdelikte – aber was bedeutet das?
Ein besonders interessanter Effekt der Teillegalisierung zeigt sich inzwischen in der Polizeistatistik.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik Niedersachsen weist für 2025 noch 4.570 Cannabisdelikte aus. Das sind 5.572 Fälle weniger als im Vorjahr, ein Rückgang von 54,94 Prozent.
Das Innenministerium führt diese Entwicklung ausdrücklich auf die Entkriminalisierung konsumnaher Cannabisdelikte zurück.
Das ist politisch durchaus relevant.
Eines der Argumente für die Reform lautete schließlich, Polizei und Justiz nicht länger mit Besitzdelikten zu belasten, die nach neuer Rechtslage teilweise legal sind.
Der Rückgang zeigt, dass dieser Effekt tatsächlich messbar ist.
Er beweist allerdings nicht automatisch, dass der Schwarzmarkt im gleichen Umfang geschrumpft wäre.
Weniger Strafverfahren bedeuten zunächst einmal vor allem: Bestimmte Handlungen sind keine Straftaten mehr.
Der Schwarzmarkt ist noch längst nicht verschwunden
Genau hier beginnt die schwierigere Bilanz.
Kritiker verweisen darauf, dass ein Netz von 100 Anbauvereinigungen in einem Bundesland mit rund acht Millionen Einwohnern den illegalen Markt kaum vollständig ersetzen kann.
Auch die niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen sieht die Verdrängung des Schwarzmarktes kritisch. Die aktuelle Debatte um die 100. Genehmigung zeigt deshalb sehr deutlich, dass Erfolg und Misserfolg der Reform davon abhängen, welchen Maßstab man anlegt.
Wer erwartet hat, dass Cannabis-Clubs innerhalb von zwei Jahren den gesamten illegalen Markt beseitigen, dürfte enttäuscht sein.
Wer dagegen fragt, ob erstmals eine kontrollierte und legale Bezugsquelle entstanden ist, bekommt eine andere Antwort.
Die Clubs ersetzen den Schwarzmarkt bisher nicht.
Aber sie schaffen einen Markt, den es vorher überhaupt nicht gab.
Die praktische Umsetzung bleibt kompliziert
Die Erfahrungen der ersten zwei Jahre zeigen außerdem, dass der Aufbau einer Anbauvereinigung alles andere als einfach ist.
Ein wiederkehrendes Problem ist die Suche nach geeigneten Immobilien.
Beim CSC Sativum berichteten die Verantwortlichen gegenüber Ministerin Staudte davon, wie schwierig es gewesen sei, passende Räume zu finden. Die Anbaufläche befindet sich deshalb räumlich getrennt von der Abgabestelle.
Hinzu kommen umfangreiche Sicherheits-, Dokumentations- und Jugendschutzvorgaben.
Auch die Messung von THC-Gehalten sorgt offenbar weiterhin für Unsicherheit. Vertreter des Oldenburger Clubs wünschten sich bei diesem Thema einheitlichere Vorgaben.
Gerade solche Details zeigen, dass die politische Konstruktion der Anbauvereinigungen noch längst nicht abgeschlossen ist.
Das Gesetz existiert – die praktische Routine entsteht aber erst.
100 Clubs sind viel und gleichzeitig wenig
Die Zahl 100 lässt sich deshalb auf zwei Arten lesen.
Einerseits ist sie ein Erfolg.
Hundert Organisationen haben ein aufwendiges Genehmigungsverfahren durchlaufen, Räumlichkeiten organisiert, Sicherheits- und Jugendschutzkonzepte erstellt und einen legalen gemeinschaftlichen Cannabisanbau vorbereitet oder bereits aufgenommen.
Andererseits verdeutlicht die Zahl auch die Grenzen des Systems.
Selbst wenn jeder Club die gesetzlich möglichen 500 Mitglieder erreichen würde, könnten maximal rund 50.000 Menschen über diese 100 Vereinigungen versorgt werden.
Gemessen an der Zahl der Cannabiskonsumenten wäre das weiterhin nur ein kleiner Teil des potenziellen Marktes.
Die Anbauvereinigungen sind damit bislang eher eine zusätzliche legale Säule als ein vollständiger Ersatz für bestehende Bezugswege.
Niedersachsen wird zum Versuchslabor
Gerade deshalb lohnt sich der Blick nach Niedersachsen.
Mit inzwischen 100 genehmigten Vereinigungen entsteht dort eine ausreichend große Struktur, um die tatsächlichen Auswirkungen besser untersuchen zu können.
Wie viele Clubs produzieren dauerhaft?
Wie viele erreichen ihre Mitgliedergrenze?
Wie entwickeln sich Qualität und Preise?
Wie häufig greifen Behörden ein?
Und vor allem: Wie stark gelingt es den Vereinigungen tatsächlich, Konsumenten aus dem illegalen Markt herauszuholen?
Auf solche Fragen wird es in den kommenden Jahren wesentlich mehr belastbare Antworten geben müssen.
Denn die politische Diskussion über die deutsche Cannabisreform dürfte sich zunehmend von der Frage „War die Legalisierung richtig?“ hin zu einer anderen Frage bewegen:
„Welche Teile funktionieren – und welche müssen verbessert werden?“
Kritik am Jugendschutz bleibt bestehen
Dabei darf auch die gesundheitspolitische Kritik nicht ausgeblendet werden.
Die Ärztekammer Niedersachsen warnt weiterhin vor einer Normalisierung des Cannabiskonsums und verweist insbesondere auf gesundheitliche Risiken für Jugendliche. Auch Vertreter der Suchthilfe kritisieren Defizite bei Prävention und Jugendschutz.
Die Befürworter der Reform argumentieren dagegen, gerade regulierte Strukturen ermöglichten einen besseren Jugendschutz als ein illegaler Markt ohne Alterskontrolle.
Beide Perspektiven werden die weitere Entwicklung begleiten.
Die entscheidende Frage wird deshalb sein, ob sich anhand realer Daten erkennen lässt, welche Effekte tatsächlich eintreten.
Die 100. Genehmigung ist erst der Anfang der Bilanz
Wenn am Montag in Göttingen der Verein The Cherry seinen Bescheid erhält, ist das deshalb weniger ein Endpunkt als ein neuer Abschnitt.
Die erste Phase der deutschen Cannabisreform bestand darin, Regeln zu schaffen und Genehmigungsverfahren aufzubauen.
Jetzt beginnt die interessantere Phase.
Die Clubs müssen zeigen, ob sie dauerhaft funktionieren.
Sie müssen zeigen, ob kontrollierter gemeinschaftlicher Anbau praktisch möglich ist.
Und Politik und Wissenschaft müssen zeigen, ob sich damit tatsächlich Schwarzmarkt, Jugendschutz und Verbraucherschutz beeinflussen lassen.
Niedersachsen ist mit 100 genehmigten Anbauvereinigungen inzwischen weit genug, um genau diese Fragen nicht mehr nur theoretisch zu diskutieren.
Aus dem Experiment Cannabis-Club wird langsam ein Praxistest.

















