
Der Streit um das geplante US-Hanfverbot hat eine neue Wendung genommen. Der US-Senat hat am 8. August mit 90 zu 6 Stimmen ein Übergangsfinanzierungsgesetz verabschiedet, das den Start wesentlicher neuer Beschränkungen für berauschende Hanfprodukte um rund einen Monat verschieben würde. Ein Versuch, diesen Aufschub wieder aus dem Gesetz zu streichen, scheiterte zuvor deutlich. Für die amerikanische Hanfbranche bedeutet das etwas mehr Zeit – gerettet ist sie damit allerdings noch lange nicht.
US-Hanfverbot soll erst im Dezember greifen
Eigentlich sollten die neuen bundesrechtlichen Vorgaben für Hanfprodukte am 12. November 2026 wirksam werden.
Nach dem nun vom Senat beschlossenen Finanzierungspaket würden wesentliche Teile der Verschärfung stattdessen erst am 11. Dezember 2026 greifen. Der Aufschub hängt mit dem Übergangshaushalt zusammen, der die Finanzierung der US-Bundesbehörden bis zu diesem Datum sicherstellen soll.
Auf den ersten Blick wirkt ein zusätzlicher Monat wenig spektakulär.
Politisch könnte dieser Monat allerdings ausgesprochen wichtig werden.
Denn hinter dem Streit steckt eine grundsätzliche Frage: Soll der riesige amerikanische Markt für THC-haltige Hanfprodukte weitgehend verschwinden – oder gelingt es der Branche noch, den Kongress von einem regulierten Modell zu überzeugen?
Wie aus Nutzhanf ein Milliardenmarkt wurde
Der Ursprung des Konflikts reicht zurück bis zum Farm Bill von 2018.
Damals wurde Hanf auf Bundesebene legalisiert, solange bestimmte THC-Grenzen eingehalten wurden. Die Gesetzgebung schuf damit die Grundlage für eine legale amerikanische Hanfindustrie.
Doch Unternehmer entdeckten schnell eine regulatorische Lücke.
Aus legalem Hanf ließen sich Cannabinoidprodukte herstellen, die durchaus berauschend wirken können. Dazu gehören beispielsweise Produkte mit Delta-8-THC sowie zahlreiche Getränke, Gummies und andere Erzeugnisse.
Diese Produkte konnten teilweise sogar in Bundesstaaten verkauft werden, in denen klassisches Cannabis weiterhin illegal war.
Aus einer Nutzhanfregelung entstand so ein vollkommen neuer Cannabinoidmarkt.
Washington will die Lücke schließen
Ende 2025 wurde deshalb eine grundlegende Verschärfung beschlossen.
Die neue Definition von Hanf würde viele heute frei verkäufliche Produkte faktisch aus dem legalen Markt drängen. Betroffen wären insbesondere Produkte, die relevante Mengen psychoaktiver Cannabinoide enthalten.
Die bisherige Regelung orientierte sich stark am Anteil von Delta-9-THC bezogen auf das Trockengewicht der Pflanze. Gerade bei Getränken und anderen verarbeiteten Produkten ermöglichte das Konstruktionen, mit denen berauschende Mengen THC verkauft werden konnten, obwohl das Ausgangsmaterial formal als Hanf galt.
Die geplanten Änderungen sollen diese Lücke weitgehend schließen.
Ted Budd wollte den Aufschub verhindern
Gegen die Verschiebung formierte sich Widerstand innerhalb der Republikanischen Partei.
Senator Ted Budd aus North Carolina wollte erreichen, dass die bereits beschlossene Verschärfung wie ursprünglich vorgesehen im November wirksam wird.
Sein zentrales Argument ist der Jugendschutz.
Budd und andere Kritiker des Hanfmarktes verweisen darauf, dass berauschende Produkte teilweise in gewöhnlichen Geschäften und Tankstellen verkauft werden und damit wesentlich leichter zugänglich seien als Cannabisprodukte in streng regulierten Märkten.
Der Konflikt entwickelte sich in den vergangenen Tagen zu einem ungewöhnlich heftigen parteiinternen Streit.
Senat stimmt 61 zu 32 gegen Budds Vorstoß
Am Samstag wurde es konkret.
Die demokratische Senatorin Amy Klobuchar beantragte, Budds Änderungsantrag beiseitezulegen.
Der Senat folgte diesem Antrag mit 61 zu 32 Stimmen.
Damit blieb der vorgesehene Aufschub Bestandteil des Finanzierungsgesetzes.
Anschließend verabschiedete der Senat das gesamte Finanzierungspaket mit einer sehr deutlichen Mehrheit von 90 zu 6 Stimmen.
Das ist politisch bemerkenswert.
Denn der Senat hat damit nicht beschlossen, berauschende Hanfprodukte dauerhaft zu legalisieren.
Er hat zunächst lediglich entschieden:
Die Branche bekommt mehr Zeit.
Ausgerechnet Trump unterstützt die Verschiebung
Eine zusätzliche politische Pointe liefert das Weiße Haus.
Donald Trump hatte während seiner ersten Amtszeit 2018 selbst den Farm Bill unterzeichnet, durch den Hanf bundesrechtlich legalisiert wurde.
Ende 2025 unterzeichnete er wiederum die Gesetzgebung, mit der die inzwischen entstandene Hanf-THC-Lücke weitgehend geschlossen werden soll.
Nun unterstützt sein Weiße Haus offenbar einen Aufschub.
Nach Berichten von Axios telefonierte Trump persönlich mit Ted Budd, um für die Verschiebung zu werben. Innerhalb der republikanischen Senatsfraktion führte das zu erheblichen Diskussionen.
Das zeigt, wie kompliziert die politische Lage inzwischen geworden ist.
Aus einer vermeintlichen Randfrage der Hanfregulierung ist ein Konflikt entstanden, der Landwirtschaft, Getränkeindustrie, Jugendschutz, Cannabispolitik und inzwischen sogar die Haushaltsgesetzgebung miteinander verbindet.
Ein Monat kann für die Branche entscheidend sein
Warum kämpft die Hanfindustrie überhaupt so energisch um wenige zusätzliche Wochen?
Weil sie versucht, eine Alternative zum weitgehenden Verbot durchzusetzen.
In Washington liegen bereits Vorschläge vor, die eine wesentlich längere Übergangsfrist schaffen würden. Der im Januar eingebrachte Hemp Planting Predictability Act sieht beispielsweise vor, die Umsetzung der neuen Hanfdefinition nicht nur um Wochen, sondern um drei Jahre zu verschieben. Im Senat wird die Initiative von Amy Klobuchar gemeinsam mit Rand Paul und Jeff Merkley getragen; ein entsprechender Entwurf wurde auch im Repräsentantenhaus eingebracht.
Damit würde Zeit entstehen, einen neuen regulatorischen Rahmen zu entwickeln.
Genau darum geht der eigentliche politische Kampf.
Regulieren statt verbieten?
Teile der Hanfbranche argumentieren, dass Produkte mit berauschenden Cannabinoiden durchaus streng reguliert werden könnten.
Denkbar wären beispielsweise Altersgrenzen, verbindliche Laborprüfungen, klare THC-Höchstwerte, kindersichere Verpackungen, Kennzeichnungspflichten und Beschränkungen beim Verkauf.
Das wäre ein völlig anderer Ansatz als ein weitgehendes bundesweites Verbot.
Die Gegner halten dagegen, dass die bisherige Situation überhaupt erst deshalb entstanden sei, weil Unternehmen eine gesetzliche Hanfdefinition genutzt hätten, um psychoaktive Produkte außerhalb klassischer Cannabismärkte zu verkaufen.
Beide Seiten streiten damit nicht mehr darüber, ob diese Produkte berauschen können.
Sie streiten darüber, wie der Staat darauf reagieren soll.
Selbst Zahlungsdienstleister reagieren bereits
Die Unsicherheit hat längst wirtschaftliche Konsequenzen.
Unternehmen müssen entscheiden, welche Produkte sie noch herstellen, welche Lagerbestände sie aufbauen und ob Investitionen in den Hanfmarkt überhaupt noch sinnvoll sind.
Besonders problematisch ist, dass Unternehmen nicht erst auf das Inkrafttreten eines Verbots warten.
Zahlungsdienstleister, Händler und andere Geschäftspartner können schon vorher reagieren, wenn sie regulatorische Risiken vermeiden wollen.
Damit entsteht für die Branche eine paradoxe Situation:
Ein Markt kann wirtschaftlich bereits schrumpfen, bevor das Gesetz tatsächlich greift.
Nicht alle Produkte bekommen automatisch Aufschub
Auch die Formulierung „Hanfverbot verschoben“ benötigt eine wichtige Einschränkung.
Die aktuellen Vorschläge unterscheiden zwischen natürlich in Cannabis sativa L. vorkommenden Cannabinoiden und bestimmten synthetischen beziehungsweise nicht natürlich vorkommenden Substanzen.
Der Aufschub bedeutet deshalb keineswegs, dass sämtliche derzeit angebotenen Produkte automatisch bis Dezember legal bleiben.
Für Verbraucher und Unternehmen bleibt die genaue Produktkategorie entscheidend.
Aber entschieden ist noch nichts
Und hier liegt der wichtigste Punkt für die Einordnung:
Der Senatsbeschluss allein ändert das geltende Recht noch nicht.
Das Repräsentantenhaus muss der vom Senat verabschiedeten Fassung zustimmen. Anschließend muss das Gesetz Präsident Trump vorgelegt werden. Die aktuelle Finanzierungsvorlage hat diesen Weg noch nicht vollständig durchlaufen.
Deshalb wäre es falsch zu schreiben:
„Das US-Hanfverbot wurde verschoben.“
Präziser ist:
Der US-Senat hat für eine Verschiebung gestimmt.
Ob daraus tatsächlich geltendes Recht wird, entscheidet sich in den nächsten Schritten des Gesetzgebungsverfahrens.
Der Kampf um Hanf ist längst größer als Hanf
Der Vorgang ist auch deshalb interessant, weil er zeigt, wie schnell sich Cannabispolitik verändern kann.
2018 wollte Washington eigentlich amerikanischen Nutzhanf fördern.
Wenige Jahre später existierte aufgrund dieser Entscheidung ein großer Markt für psychoaktive Hanfprodukte.
2025 reagierte der Gesetzgeber mit drastischen Einschränkungen.
2026 versucht ein Teil des Kongresses wiederum, deren Inkrafttreten zu verzögern.
Aus einer landwirtschaftlichen Regelung wurde so innerhalb weniger Jahre eine nationale Debatte über THC.
Auch für Europa interessant
Für Europa und Deutschland lohnt sich ein genauer Blick auf diese Entwicklung.
Denn die amerikanische Erfahrung zeigt, was passiert, wenn gesetzliche Definitionen und neue Cannabinoidprodukte nicht zusammenpassen.
Ein regulatorisches Vakuum wird vom Markt sehr schnell gefüllt.
Anschließend ist es politisch ausgesprochen schwierig, einen milliardenschweren bestehenden Markt wieder einzufangen.
Das gilt nicht nur für Cannabis.
Es gilt ebenso für neue Cannabinoide, Hanflebensmittel, Getränke und andere Produkte, die zwischen klassischen regulatorischen Kategorien liegen.
Fazit: Die Branche gewinnt Zeit – nicht den Kampf
Die Abstimmung im US-Senat ist zweifellos ein Erfolg für diejenigen, die ein sofortiges Inkrafttreten der neuen Hanfbeschränkungen verhindern wollen.
Der Versuch, den Aufschub zu streichen, scheiterte mit 61 zu 32 Stimmen. Das gesamte Finanzierungsgesetz erhielt anschließend mit 90 zu 6 Stimmen eine überwältigende Mehrheit.
Aber aus vier zusätzlichen Wochen wird noch keine langfristige Zukunft.
Das Repräsentantenhaus muss zustimmen.
Der Präsident muss unterschreiben.
Und selbst dann bleibt die entscheidende Frage ungelöst:
Will Amerika berauschende Hanfprodukte regulieren – oder weitgehend vom Markt verbannen?
Der Senat hat darauf am Wochenende noch keine endgültige Antwort gegeben.
Er hat vor allem eines gekauft:
Zeit.

















