
Mehr als 100 deutsche Cannabis-Anbauvereinigungen haben sich mit einem gemeinsamen Schreiben an die Politik gewandt. Ihr Anliegen: eine klare Trennung zwischen Medizinalcannabis, kommerziellen Telemedizin-Angeboten und dem nichtkommerziellen Eigenanbau in Cannabis Social Clubs. Die Vereine sehen die Gefahr, dass unterschiedliche Bereiche der Cannabisregulierung zunehmend miteinander vermischt werden – mit Folgen für Patienten, Anbauvereinigungen und die öffentliche Wahrnehmung.
Anbauvereinigungen und Cannabis-Telemedizin: Worum geht es?
Nach Angaben des Bundesverbands Cannabis Anbauvereinigungen Deutschlands (CAD) unterstützen inzwischen mehr als 100 genehmigte Anbauvereinigungen ein gemeinsames Positionspapier. Darin sprechen sich die Clubs ausdrücklich nicht gegen Medizinalcannabis aus. Vielmehr fordern sie eine saubere Abgrenzung zwischen einer ärztlich begründeten Therapie und kommerziellen Geschäftsmodellen rund um die digitale Verschreibung von Cannabisblüten.
Nach Ansicht der Vereine müsse Medizinalcannabis weiterhin Patienten vorbehalten bleiben, die eine medizinische Indikation haben und ärztlich begleitet werden. Gleichzeitig kritisieren sie Entwicklungen, bei denen Cannabisrezepte über stark standardisierte Onlineprozesse oder aggressive Werbung vermarktet werden.
Unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Systeme
Die Diskussion zeigt ein Spannungsfeld, das seit der Cannabislegalisierung in Deutschland immer deutlicher wird.
Cannabis-Anbauvereinigungen unterliegen umfangreichen gesetzlichen Vorgaben. Dazu gehören Genehmigungsverfahren, Dokumentationspflichten, Präventionskonzepte, Sicherheitsmaßnahmen und ein umfassendes Werbeverbot. Gewinne dürfen die Vereine nicht erzielen, ihr Zweck ist ausschließlich der gemeinschaftliche Eigenanbau für Mitglieder.
Demgegenüber steht der Bereich des Medizinalcannabis, der nach dem Medizinal-Cannabisgesetz geregelt wird und Patienten mit entsprechender Indikation den Zugang über Ärztinnen und Ärzte ermöglicht.
Nach Auffassung der Anbauvereinigungen darf dabei jedoch kein Eindruck entstehen, dass medizinische Verschreibungen als einfacher Ersatz für die regulierten Strukturen der Cannabis-Clubs dienen.
Debatte über Telemedizin hält an
Die Diskussion kommt nicht überraschend. Bereits in den vergangenen Monaten hatten sich verschiedene Institutionen mit der Rolle digitaler Rezeptplattformen beschäftigt.
So sprach sich unter anderem der Deutsche Ärztetag für strengere Anforderungen an die Verschreibung von Medizinalcannabis aus und betonte die Bedeutung eines persönlichen Arzt-Patienten-Kontakts. Auch Bundesärztekammer, Apothekerverbände und weitere Organisationen haben wiederholt auf mögliche Fehlentwicklungen hingewiesen.
Parallel entschied der Bundesgerichtshof im Frühjahr 2026, dass die Werbung für verschreibungspflichtiges Medizinalcannabis gegenüber Verbraucherinnen und Verbrauchern engen rechtlichen Grenzen unterliegt.
Clubs wollen keine Konkurrenz zu Patienten
Bemerkenswert ist, dass sich die Anbauvereinigungen in ihrem Schreiben ausdrücklich nicht gegen Cannabispatientinnen und -patienten positionieren.
Vielmehr betonen sie, dass beide Systeme unterschiedliche Aufgaben erfüllen:
- Medizinalcannabis dient der Behandlung von Erkrankungen unter ärztlicher Verantwortung.
- Cannabis-Anbauvereinigungen ermöglichen den gemeinschaftlichen Eigenanbau für Erwachsene im Rahmen des Konsumcannabisgesetzes.
Nach Ansicht der Clubs sollten beide Bereiche nebeneinander bestehen können – allerdings mit klaren rechtlichen Grenzen und ohne wirtschaftliche Fehlanreize.
Politische Stimme der Anbauvereinigungen wird lauter
Das gemeinsame Schreiben zeigt zugleich, dass sich die Cannabis-Anbauvereinigungen zunehmend als politische Interessenvertretung verstehen.
Während sich viele Clubs in den ersten Monaten nach Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes vor allem mit Genehmigungen, Sicherheitsauflagen und dem Aufbau ihrer Infrastruktur beschäftigten, treten sie inzwischen häufiger mit eigenen Positionen an die Öffentlichkeit.
Mit mehr als 100 unterstützenden Vereinen erhält diese Stimme zunehmend Gewicht – nicht nur in der Debatte um Telemedizin, sondern auch bei Fragen zur weiteren Entwicklung des Cannabisrechts in Deutschland.
Fazit
Die Diskussion um Anbauvereinigungen und Cannabis-Telemedizin zeigt, dass die Cannabisregulierung in Deutschland längst mehr ist als die Frage nach Anbau oder Besitzmengen. Es geht zunehmend darum, unterschiedliche Versorgungswege sauber voneinander abzugrenzen und gleichzeitig sowohl Patientenschutz als auch die Ziele des Konsumcannabisgesetzes zu erhalten.
Die Forderung der Clubs richtet sich dabei nicht gegen die medizinische Versorgung, sondern für transparente Regeln und eine klare Rollenverteilung innerhalb des deutschen Cannabissystems.
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