Donnerstag, 23. Juli 2026

Vier Jahre Cannabisverschreibung in der Schweiz: Fortschritt mit Hürden für Patientinnen und Patienten

Zürich. Vor vier Jahren trat in der Schweiz eine Gesetzesänderung in Kraft, die vielen Patientinnen und Patienten neue Hoffnung gab: Seit dem 1. August 2022 dürfen Ärztinnen und Ärzte medizinisches Cannabis ohne die zuvor erforderliche Ausnahmebewilligung des Bundes verschreiben. Was damals als Meilenstein gefeiert wurde, hat den Zugang zur Therapie zwar deutlich verbessert – von einer flächendeckenden und unkomplizierten Versorgung kann jedoch auch heute noch keine Rede sein.

Anlässlich des vierten Jahrestages der Reform macht der Schweizer Verein MEDCAN auf bestehende Probleme aufmerksam. Präsidentin Franziska Quadri, selbst Cannabispatientin, schildert eindrucksvoll, wie sich ihr Leben durch den legalen Zugang zu medizinischem Cannabis verändert hat – und warum viele Betroffene noch immer um eine wirksame Therapie kämpfen müssen.

Ein Leben ohne Angst vor der eigenen Medizin

Franziska Quadri lebt seit einem Unfall mit starken neuropathischen Schmerzen und Spastiken. Erst die Möglichkeit, medizinisches Cannabis legal, in geprüfter Qualität und unter ärztlicher Begleitung zu beziehen, habe ihr ein Stück Lebensqualität zurückgegeben.

Nach eigenen Angaben erhält sie ihre Cannabisblüten heute über eine spezialisierte Apotheke. Die Kosten übernimmt ihre Unfallversicherung. Dadurch sei sie nicht länger gezwungen, sich auf dem Schwarzmarkt zu versorgen oder rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Für viele andere Patientinnen und Patienten sehe die Realität jedoch weiterhin anders aus.

Gesetz geändert – Versorgung weiterhin lückenhaft

Nach Angaben von MEDCAN wenden sich jede Woche zahlreiche Menschen an den Verein, weil sie trotz schwerer Erkrankungen keine Ärztin oder keinen Arzt finden, der bereit ist, Cannabis zu verschreiben. Andere erhalten zwar ein Rezept, müssen die Behandlung jedoch vollständig selbst finanzieren.

Gerade die Frage der Kostenübernahme bleibt ein zentrales Problem. Während einzelne Kranken- oder Unfallversicherungen medizinisches Cannabis erstatten, müssen viele Betroffene ihre Therapie aus eigener Tasche bezahlen – häufig über einen langen Zeitraum.

Für chronisch kranke Menschen kann dies zu einer erheblichen finanziellen Belastung werden.

Medizinisches Cannabis als Chance für Patienten und Gesundheitssystem

MEDCAN weist darauf hin, dass Cannabis seit Jahrtausenden als Heilpflanze genutzt wird und heute bei verschiedenen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden kann. Je nach Krankheitsbild kann eine Behandlung unter anderem dazu beitragen,

  • chronische Schmerzen zu lindern,
  • Spastiken zu reduzieren,
  • Entzündungen zu hemmen,
  • den Schlaf zu verbessern,
  • die Lebensqualität zu steigern.

Nach Ansicht des Vereins profitieren davon nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst. Wenn wirksame Cannabistherapien dazu beitragen, andere Medikamente einzusparen, Krankenhausaufenthalte zu reduzieren und die Selbstständigkeit der Betroffenen zu fördern, könnten langfristig auch die Gesundheitssysteme entlastet werden.

Die Schweiz gilt als Vorreiter – dennoch bleibt Handlungsbedarf

Im europäischen Vergleich verfügt die Schweiz inzwischen über einen vergleichsweise modernen Rechtsrahmen für medizinisches Cannabis. Die Abschaffung der Ausnahmebewilligung im Jahr 2022 gilt als wichtiger Schritt in Richtung einer regulären medizinischen Versorgung.

Aus Sicht von MEDCAN reicht die Gesetzesänderung allein jedoch nicht aus. Der Verein fordert insbesondere:

  • mehr medizinisches Fachwissen über Cannabistherapien,
  • einen einfacheren Zugang zu verschreibenden Ärztinnen und Ärzten,
  • transparente Entscheidungen der Kranken- und Unfallversicherungen,
  • sowie eine stärkere Berücksichtigung der Erfahrungen von Patientinnen und Patienten.

Kommentar

Die Entwicklung in der Schweiz zeigt exemplarisch, dass eine gesetzliche Liberalisierung allein noch keine flächendeckende Versorgung garantiert. Zwischen dem rechtlichen Anspruch und der praktischen Realität klafft vielerorts weiterhin eine Lücke. Für viele Patientinnen und Patienten entscheidet nicht die medizinische Notwendigkeit über den Zugang zu einer Cannabistherapie, sondern die Bereitschaft einzelner Ärzte oder die Erstattungspraxis der Versicherungen.

Damit steht die Schweiz vor einer ähnlichen Herausforderung wie zahlreiche andere europäische Staaten: Der rechtliche Rahmen wurde modernisiert – nun muss auch die Versorgungspraxis Schritt halten.


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