Sonntag, 19. Juli 2026

Neue Bundesstudie: Cannabis-Teillegalisierung löst keinen allgemeinen Drogenschub bei Jugendlichen aus

Ein Jahr nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes zeigt eine repräsentative Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit keinen signifikanten Anstieg des Konsums illegaler Drogen unter Minderjährigen. Während Cannabis deutlich verbreiteter bleibt als alle anderen Substanzen, wächst das eigentliche Problem bei jungen Erwachsenen vor allem rund um Kokain und Lachgas.

Seit der Teillegalisierung von Cannabis wird in Deutschland beinahe jede drogenpolitische Entwicklung mit derselben Frage verbunden: Führt die Reform dazu, dass mehr junge Menschen konsumieren – und öffnet Cannabis womöglich sogar die Tür zu anderen Drogen?

Eine neue Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit liefert darauf keine endgültige Antwort. Sie enthält jedoch einen Befund, der in der politischen Debatte kaum unbeachtet bleiben dürfte: Der Konsum illegaler Drogen unter Jugendlichen hat sich in den vergangenen zehn Jahren statistisch nicht signifikant erhöht.

Für die Drogenaffinitätsstudie 2025 wurden insgesamt 7.001 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren befragt. Die Erhebung fand von April bis Juli 2025 statt und bildet damit erstmals ein vollständiges Befragungsjahr nach Inkrafttreten des Konsumcannabisgesetzes ab.

Kein erkennbarer Drogenschub bei Minderjährigen

Von den 12- bis 17-Jährigen hatten 2,5 Prozent mindestens einmal im Leben eine der untersuchten illegalen Drogen konsumiert. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate waren es 1,6 Prozent, innerhalb der vergangenen 30 Tage 0,8 Prozent.

Als regelmäßigen Konsum definiert die Studie eine Einnahme an mehr als zehn Gelegenheiten innerhalb eines Jahres. Dieses Kriterium erfüllten 0,3 Prozent der befragten Jugendlichen.

Im Vergleich der Jahre 2015 bis 2025 stellt das Bundesinstitut keine statistisch signifikante Veränderung fest. Der Konsum illegaler Drogen unter Minderjährigen sei praktisch unverändert geblieben.

Damit liefern die Daten zumindest keinen Hinweis auf die häufig beschworene These, die Cannabis-Teillegalisierung könne Minderjährige kurzfristig in größerer Zahl zum Konsum anderer Drogen verleiten.

Ein kausaler Nachweis ist das selbstverständlich nicht. Die Studie wurde nicht als direkte Evaluation des Cannabisgesetzes konzipiert. Dennoch ist der Befund relevant: Ein allgemeiner Drogenschub unter Jugendlichen ist in den Daten nicht zu erkennen.

Cannabis spielt in einer anderen Größenordnung

Cannabis wird seit dem 1. April 2024 nicht mehr gemeinsam mit den weiterhin illegalen Substanzen ausgewertet. Der Bericht verweist deshalb auf einen gesonderten Teilband zur Entwicklung des Cannabiskonsums.

Der Vergleich ist bemerkenswert. Im Jahr 2025 hatten 7,5 Prozent der Minderjährigen mindestens einmal Cannabis konsumiert. 6,1 Prozent gaben einen Konsum innerhalb der vergangenen zwölf Monate an.

Bei den 18- bis 25-Jährigen lag die Lebenszeitprävalenz sogar bei 47,9 Prozent. Mehr als ein Viertel dieser Altersgruppe – 25,6 Prozent – hatte innerhalb des vergangenen Jahres Cannabis konsumiert.

Damit ist Cannabis um ein Vielfaches verbreiteter als sämtliche im neuen Bericht untersuchten illegalen Drogen. Zu diesen zählen unter anderem Kokain, Ecstasy, Amphetamin, LSD, Ketamin, synthetische Cannabinoide und Opioide.

Das unterstreicht, warum eine eigenständige Regulierung sachgerecht ist. Cannabis ist weder hinsichtlich seiner Verbreitung noch seines Konsumkontextes sinnvoll mit Crack, Crystal Meth oder Fentanyl gleichzusetzen.

Während alle über Cannabis reden, wächst der Kokainkonsum

Die eigentliche Dynamik zeigt sich bei den jungen Erwachsenen.

Unter den 18- bis 25-Jährigen hatten 18,7 Prozent mindestens einmal eine weiterhin illegale Droge ausprobiert. 8,3 Prozent konsumierten innerhalb der vergangenen zwölf Monate eine solche Substanz.

Besonders deutlich entwickelt sich Kokain. Die Lebenszeitprävalenz stieg von 2,9 Prozent im Jahr 2015 auf 7,5 Prozent im Jahr 2025. Der Konsum innerhalb der vergangenen zwölf Monate erhöhte sich im selben Zeitraum von 1,2 auf 4,1 Prozent.

Bei jungen Männern lag die 12-Monats-Prävalenz sogar bei 5,7 Prozent. Unter jungen Frauen waren es 2,4 Prozent.

Der Bericht empfiehlt deshalb ausdrücklich, den gestiegenen Kokainkonsum stärker in der Prävention zu berücksichtigen. Während die Politik regelmäßig neue Verschärfungen für Cannabis diskutiert, wächst an anderer Stelle ein erheblich riskanterer Markt.

Lachgas erreicht überraschend hohe Werte

Auch Lachgas spielt eine größere Rolle als bisher vielfach angenommen. Die Substanz wurde 2025 erstmals in die Drogenaffinitätsstudie aufgenommen.

Unter Jugendlichen hatten 1,3 Prozent Lachgas mindestens einmal konsumiert. Bei jungen Erwachsenen waren es bereits 8,0 Prozent. Damit lag Lachgas bei der Lebenszeitprävalenz vor Kokain, Amphetamin, LSD und Ketamin.

Weil die Substanz zuvor nicht abgefragt wurde, lässt sich daraus noch kein zeitlicher Anstieg ableiten. Die hohe Verbreitung zeigt jedoch, dass eine moderne Drogenpolitik ihre Aufmerksamkeit nicht allein auf Cannabis richten darf.

Neue Fragen erzeugen teilweise neue Anstiege

Bei der Interpretation der Zahlen ist Vorsicht notwendig. Im Jahr 2025 wurden nicht nur Lachgas und Ketamin neu aufgenommen. Auch die Frage nach Opioiden wurde verändert.

Bis 2023 fragte die Studie lediglich nach Heroin. Nun wurden zusätzlich Fentanyl, Tramadol und Tilidin genannt. Entsprechend stiegen die angegebenen Opioidprävalenzen stark an.

Bei jungen Erwachsenen erhöhte sich die Lebenszeitprävalenz von 0,4 Prozent im Jahr 2023 auf 3,7 Prozent im Jahr 2025. Dieser Sprung darf nicht als reiner Konsumanstieg interpretiert werden, da erstmals auch verbreitete verschreibungspflichtige Schmerzmittel ausdrücklich Teil der Frage waren.

Dasselbe gilt für die Gesamtkategorie „mindestens eine illegale Droge“. Wer zusätzliche Substanzen in eine Befragung aufnimmt, findet zwangsläufig mehr Menschen, die mindestens eine davon konsumiert haben.

Die Daten verlangen eine neue Prioritätensetzung

Die Studie zeichnet kein Bild einer drogenfreien Jugend. Sie liefert aber ebenso wenig Stoff für ein einfaches Legalisierungs-Schreckensszenario.

Der Konsum illegaler Drogen unter Minderjährigen ist seit Jahren weitgehend stabil. Gleichzeitig steigen bei jungen Erwachsenen insbesondere die Kokainwerte. Lachgas ist überraschend verbreitet, synthetische Cannabinoide bleiben ein besonderes Risiko und die Opioidfrage wird durch Fentanyl und missbräuchlich verwendete Medikamente komplexer.

Eine vernünftige Drogenpolitik müsste auf diese unterschiedlichen Entwicklungen ebenso unterschiedlich reagieren.

Cannabis benötigt Regeln, Jugendschutz, Qualitätskontrolle und glaubwürdige Prävention. Kokain, synthetische Cannabinoide und Opioide benötigen andere Strategien. Wer jede Substanz unter derselben moralischen Überschrift behandelt, verhindert keine Probleme – er übersieht sie.

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1 Kommentar
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buri_see_kaeo
18 Tage zuvor

Na, wer hätte das gedacht… Von den Hanffreunden sicher so gut wie niemand.
ich schreib da aus Erfahrung:
Vor etwas über’m Jahr habe ich mir das Lachgas (N₂O) aus ’ner Sprüsahnedose testweise reininhaliert. Nach meinem Geschmack/Empfinden törnt es shycae. Und klar, obwohl verfügbar kam es zu keiner Konsumsteigerung. Wer also nicht will, der will vermutlich nicht.
mfG  fE

Zuletzt bearbeitet 18 Tage zuvor von buri_see_kaeo