Montag, 1. Juli 2024

Wenn der Opa zum Kindernotdienst wird

Als Vater versagt – als Großvater gefragt

Eine Satire von Sadhu van Hemp

Unverhofft kommt oft, selbst dann, wenn man als alter Mann glaubt, das Leben sei gelebt. Bei mir war es ein Anruf vom Jugendamt, der mich daran erinnerte, dass ich noch zu etwas zu gebrauchen bin. Die Fragen, die mir gestellt wurden, konnte ich nicht verneinen: Ja, ich bin der Großvater. Jawohl, ich kann meinem Enkel das bieten, was Vater und Mutter vermissen lassen – und zwar Liebe, die voll absichtsloser Güte und reinen Herzens ist. Und ja, ich kümmere mich um den Jungen, wenn es dem Kindeswohl dient. Keine halbe Stunde später lieferte der Kindernotdienst meinen Enkel bei mir ab.

Dass ich auf die alten Tage noch einmal ein Kind unter meine Fittiche nehme, hat mir anfänglich ganz und gar nicht gefallen. Schließlich habe ich schon bei der Erziehung meines eigenen Einzelkindes auf der ganze Linie versagt.

Schon die Zeugung meines Söhnchens war ein Fauxpas: Am Gründonnerstag 1968 war’s, als mich eine Germanistikstudentin in ihrer Trauer über das Attentat auf Rudi Dutschke weinend in ihren Busen schloss und anschließend gegen meinen Willen entjungferte. Neun Monate später pünktlich zum Weihnachtsfest kam der Klapperstorch – und mit ihm die ungewollte Vaterschaft.

Da lag er also in der Wiege, mein Nachkomme, und er war mir von Anfang an unsympathisch. Eine dunkle Vorahnung beschlich mich, dass das Knäblein aus der Art schlagen und mir nur Sorgen bereiten würde. Sich der Vaterpflichten zu entziehen, ging damals nicht. Und da ich mit zwanzig Jahren noch minderjährig war, wurde ich von meinen Erziehungsberechtigten zwangsverheiratet. Ich konnte nur versagen. Und das tat ich dann auch, nachdem mich meine Frau wegen eines indischen Gurus verlassen und zum alleinerziehenden Vater gemacht hatte.

Alle Mühe, die ich mir mit dem Jungen gab, war umsonst. Das pädagogische Ziel, einen anständigen und gebildeten Gutmenschen zu formen, war nicht zu erreichen. Der Hinderungsgrund war der Einfluss der Großeltern. Während ich die zehn Gebote predigte, trichterten die nur unzulänglich entnazifizierten Opas und Omas dem Knaben das ganze Gegenteil ein. Und so kam es, wie es kommen musste: Mein Söhnchen brach die Schule ab und ergriff auf Anraten seiner Großväter den Beruf des Polizisten.

Die Jahre gingen dahin, und mit ihnen auch die Nazi-Großeltern. Dafür gab’s aber Familiennachwuchs. Sohnematzen hatte sich mit einer Kollegin vom Sittendezernat gepaart, und die beiden passten wie die Faust aufs Auge. Entsprechend rustikal ging es zu, wenn sich das Duo hinter verschlossenen Türen dem trauten Familienglück hingab. Es herrschte ein rauer Umgangston, und ständig lag Streit in der Luft, der, wenn er eskalierte, in Handgreiflichkeiten ausartete. Im Keller des Wüstenrothäuschens betrieben die beiden einen illegalen Schießstand, der zugleich als Partykeller diente. Gefeiert wurde viel und feuchtfröhlich, vor allem die Geburts- und Todestage großer deutscher Persönlichkeiten, die sich als Verbrecher und Massenmörder ihre Meriten verdient haben.

In dieses Milieu wurde nun der Stammhalter der Familie hineingeboren – und es war zum Verzweifeln, mitansehen zu müssen, wie dieser kleine Mensch zu einem Unhold erzogen wurde. Die schwarze Pädagogik meines Sohnes und meiner Schwiegertochter verfehlte ihre Wirkung nicht, und der Junge entwickelte bereits in frühen Lebensjahren Auffälligkeiten, die besorgniserregend waren. Im Kindergarten kam es schließlich zum ersten großen Eklat, als mein Enkel seiner Erzieherin mit einer Pistole drohte, die er aus dem Nachttisch der Eltern entwendet hatte. Doch statt aus dem Vorfall die richtigen Konsequenzen zu ziehen und den Eltern die Waffenscheine zu entziehen, wurde der Junge mit Psychopharmaka behandelt.

Mit der Einschulung häuften sich die Ausfälle und alles deutete darauf hin, dass der Junge auf dem besten Wege war, sich zum Soziopathen zu entwickeln. Nach dem Vorbild der Eltern begegnete er den Mitmenschen grundsätzlich hochaggressiv und oftmals handgreiflich. Zudem hatte er sich ein Vokabular angeeignet, das nur noch aus Schimpfwörtern bestand, die in ihrer Aussagekraft dem Adressaten das Blut in den Adern gefrieren ließ. Zu allem Übel ließen sich die Lehrer von meinem Sohn und seiner Frau derart einschüchtern, dass sie es nicht wagten, den Schulpsychiatrischen Dienst einzuschalten. Erst viel später erfuhr ich, dass meine Schwiegertochter die Lehrer unmissverständlich davor gewarnt hatte, sich mit der örtlichen Polizei, also mit ihren Kollegen, anzulegen. Die Folge war, dass fortan alle Entgleisungen des Jungen von der Schule gedeckt wurden.

Doch dann kam der Tag, an dem alles anders werden sollte. Anlass dafür gab ein Gerichtsvollzieher, der mit einem Pfändungsbeschluss wegen nichtgezahlter Fernsehgebühren an der Tür klingelte. Geöffnet wurde dem guten Mann von meiner immer unter Strom stehenden Schwiegertochter, die mit vorgehaltener Waffe anschaulich klarmachte, dass der Besuch unerwünscht ist. Auf einmal zeigte sich, dass die Eltern des soziopathischen Kindes selbst Soziopathen sind. In dem Glauben, die Zeit für die Wiederherstellung des Deutschen Reiches sei gekommen, erklärten sie Haus und Garten kurzerhand zum Reichsgebiet, auf dem die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland nicht gelten. Ein gutes Jahr kamen sie damit durch – unterstützt von erstaunlich vielen Leuten, die die beiden in den sozialen Netzwerken wie Volkshelden feierten.

Im Herbst letzten Jahres wurde dem Spuk ein vorläufiges Ende bereitet. Ein Sondereinsatzkommando des Landeskriminalamts stürmte das „Reichsgebiet“ meines Sohnes und seiner Frau – und mir wurde das Sorgerecht für meinen Enkelsohn übertragen.

Doch mit der vom Jugendamt ad hoc übertragenden Aufgabe, den Jungen zu sozialisieren und zu einem umgänglichen Menschen zu machen, trat ein neues Problem auf. Grund dafür ist meine Nebenbeschäftigung, die ich ausübe, um meine magere Rente nicht mit Sozialhilfe aufstocken zu müssen. Bislang wusste zum Glück niemand aus der Familie, dass ich mich als Cannabis-Gärtner betätige und meine Ernte gewinnbringend an alte Weggefährten aus der Hippiezeit weitergebe. Mein Enkel hat natürlich sofort Witterung aufgenommen, als er bei mir einzog. Stante pede drohte er damit, mich wegen der Cannabis-Plantage im Keller bei der Polizei anzuschwärzen. Ich stand vor der Wahl: entweder sofort den Grow einzustellen oder den Knaben in Stubenarrest zu nehmen. In der Hoffnung, den Jungen zur Vernunft zu zwingen, tat ich letzteres.

Das Geschrei war groß, als ich ihn am Genick packte und in meinem Growraum an das Fallrohr kettete. Zur Beruhigung verabreichte ich dem armen Kerl Cannabis-Öl, was auch prompt anschlug und zugleich den Entzug von den Psychopharmaka erleichterte. Doch mit dem Wegsperren und der Sedierung mit Haschisch und Marihuana allein war es nicht getan. Was der Junge nun brauchte, war ein Mensch, ein richtiger Mensch mit menschlichen Gefühlen und Grips im Kopp, der ihn von den Fesseln der Dummheit befreite.

Und so habe ich dem Jungen vorgelesen, Stunde um Stunde, Tag für Tag. Zunächst die „Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain, dann die „Enzyklopädie des Cannabis-Anbaus“ und zuletzt „Mr. Nice“ von Howard Marks. Ganze Nächte klebte er an meinen Lippen, und es war eine Freude zuzusehen, wie der Junge mehr und mehr aufblühte und sich der Welt des Wissens öffnete. Keine drei Wochen waren vergangen, als ich meinen Enkel soweit hatte, dass er in seinem Opachen einen echten Freund erkannte, der ihn liebte und respektierte.

Um dem Jungen eine reelle Chance zu geben, die Bildungslücken zu schließen, schickte ich ihn nach den Herbstferien auf eine Privatschule, die er artig und sogar dann besuchte, wenn er krank war. Die Drohung, mich wegen des Cannabis-Grows zu verpetzen, hat er nie wiederholt – im Gegenteil: Oft sitzen wir einträchtig im Growraum und maniküren gemeinsam die geernteten Blüten.

Doch nun ist unsere heile Welt bedroht. Das Strafgericht hat im Prozess gegen meinen missratenen Sohn und seine vermaledeite Frau beide Augen zugedrückt und die Ungezogenheit, mit Waffen herumzufuchteln, mit einer kleinen Geldstrafe geahndet. Laut Urteil seien sie ja grundanständige Leute, ganz ohne Fehl und Tadel, die als Polizeibeamte Staat und Gesellschaft dienen und nur privat sagen, was man wohl noch sagen darf.

Kaum dass das Urteil gesprochen war, sind die beiden auch schon zum Vormundschaftsgericht geeilt, um das Sorgerecht zurückzuerlangen. Zudem haben sie einen Strafantrag wegen Körperverletzung gegen mich gestellt, da ich dem Jungen seine Medikamente vorenthalte, wodurch er erhebliche Qualen erleiden würde. Aus heiterem Himmel bin ich plötzlich der Bösewicht. Und diese Botschaft verbreitet meine Schwiegertochter auch noch in den sozialen Netzwerken. Der Internet-Mob tobt und twittert, ich sei ein Kinderschänder, der ein deutsches Kind in die „Judenschule“ zwingt und mit linksgrün versifften Hasspredigten verdirbt. Seit ein paar Tagen lungern ein paar dunklen Gestalten vor dem Haus herum, die die Nachbarn gegen mich aufwiegeln.

Wie die Geschichte enden wird, ob blutig oder unblutig, hängt nun am seidenen Faden, den das Vormundschaftsgericht in Händen hält. Ich hoffe sehr, dass das Gericht eine kluge Entscheidung trifft. Nicht auszudenken, wie der Knabe reagiert, wenn er dazu gezwungen wird, wieder in den Schoß seiner Eltern zurückkehren zu müssen. Ich befürchte Schlimmes. Sollte es tatsächlich so weit kommen, werde ich jedenfalls nicht zögern, ihn dabei zu unterstützen, es nicht wie einen Doppelmord aussehen zu lassen.

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