Donnerstag, 10. Juni 2021

Konferenzteilnehmer in Kirgisistan fordern Legalisierung

Armut bekämpfen und Alkoholkonsum einschränken

Konferenzteilnehmer in Kirgisistan fordern Legalisierung - Armut bekämpfen und Alkoholkonsum einschränken

„Eine wunderbare Initiative“

Beitrag von Amandara M. Schulzke

10. März, Bischkek. „Wird Kirgisistan Armut durch Anbau und Verwendung von technischem, medizinischem und Freizeithanf bekämpfen? Ist es möglich, die Moral der ganzen Nation zu verändern?“ Eine internationale Konferenz, die dem Thema der Cannabis-Legalisierung gewidmet war, fand in der Hauptstadt der Kirgisischen Republik statt.

Die Veranstaltung wurde von der „Mind Free of Drugs“ World League und ihrem Präsidenten Jenishbek Nazaraliev – organisiert. Das Thema der Cannabis-Legalisierung wird in Kirgisistan immer häufiger angesprochen. An der Veranstaltung nahmen Fachleute, Wissenschaftler, Politiker und Geschäftsleute aus den USA, Japan, Chile, Israel, Tschechien, der Ukraine, Georgien, Kanada und den Niederlanden teil, unter anderem Lumír Ondřej Hanuš, Pavel Bém und Akakyi Zoidze. 

Lumír Ondřej Hanuš ist ein tschechischer Chemiker und eine führende Autorität auf dem Gebiet der Cannabisforschung. Pavel Bém ist Vize-Bürgermeister von Prag und ein einflussreicher tschechischer New-Wave-Politiker, außerdem Facharzt für Psychiatrie mit ausgiebigen Erfahrungen bei der Suchtprävention. Er leitete das Kontaktzentrum für Drogenabhängige. Akakyi Zoidze ist der ehemalige Vorsitzende des Parlaments von Georgien für Gesundheit und soziale Entwicklung und Initiator des Cannabis-Legalisierungsprojekts. 

Vertreter der Regierung der Kirgisischen Republik, und des Jogorku Kenesh – des Parlaments, mehrerer Botschaften und Nichtregierungsorganisationen nahmen ebenfalls an der Konferenz teil.

Nazaraliev berichtete über die hohe Armut in Kirgisistan, insbesondere unter der Landbevölkerung. Wenn das durchschnittliche Armutsniveau in der Welt 10 Prozent beträgt, so liegt es in Kirgistan bei 22 Prozent. 73,8 Prozent der Menschen, die sich unterhalb der Armutsgrenze befinden, leben in ländlichen Gebieten, so seine Rede. Sie müssen mit 2,1 Dollar pro Tag auskommen, wobei eine extreme Armutsgrenze mit 1,9 Dollar pro Tag definiert ist. 

Dies sei der Hauptgrund, warum die kirgisische Nation immer noch als Stammesgesellschaft organisiert ist. Die Armut sperrt die Menschen in eine archaische Sozialstruktur und begrenzt die Möglichkeiten der geistigen und intellektuellen Entwicklung. Sie führt zu Rückschritten und provoziert Alkoholismus. Heute produziert Kirgisistan etwa drei Gallonen (11,36 Liter) hochprozentigen Alkohol pro Kopf im Jahr. 93 Prozent davon werden im Geheimen hergestellt. Deshalb ist Alkoholismus das Problem №1 im Land. Nazaraliev hat in 35 Jahren medizinischer Praxis mehr als 18.000 Patienten aus 25 verschiedenen Ländern behandelt. Mehr als die Hälfte von ihnen litt an Alkoholismus und nur fünf wollten wegen Cannabisabhängigkeit behandelt werden. 

„Die Cannabis-Integration kann den Alkoholmissbrauch einer ganzen Nation und ihre Armut reduzieren und zugleich für Tourismus und eine neue Kulturbewegung sorgen“ und den „früheren Nationalstolz zurückbringen«. Der Professor sieht keine großen Risiken durch Cannabisanbau in Kirgisistan. 

Während der Konferenz sprach Nazaraliev mit dem Präsidenten der Kirgisischen Republik Sadyr Japarov, dem Premierminister, dem Chef des Parlaments und den Fraktionsvorsitzenden von Jogorku Kenesh.

Nazaraliev schlug vor:

– den Anbau von Cannabis und Industriehanf in Kirgisistan wiederzubeleben, um das Problem der Armut zu lösen;

– Cannabis im Rahmen der Antikorruptionspolitik zu entkriminalisieren;

– die Abhängigkeit von Lebensmittel- und Textilimporten durch die Einführung von Nutzhanf in die Leichtindustrie und die Lebensmittelindustrie zu reduzieren;

– das Land mit erschwinglichen, aus Cannabis hergestellten, Medikamenten zu versorgen.

Medizinische Verwendung von Cannabis

Dr. Lumír Hanuš referierte über seine Studien zu medizinischem Cannabis. Er forscht seit 1951 zu dem Thema. Zum Beispiel fand er heraus, dass Cannabis antibakterielle Eigenschaften hat. „Der therapeutische Wert von Cannabis ist wissenschaftlich bewiesen. Es sollte legalisiert werden, zumindest für den medizinischen Gebrauch“, sagte Hanuš. Das Ehrenmitglied der Mind Free of Drugs World League aus der Ukraine, Konstantin Doroshenko, unterstützte ihn: „Heute wird Cannabis in fortgeschrittenen Volkswirtschaften der Welt wie Kanada, den USA, den Niederlanden und europäischen Ländern entkriminalisiert und legalisiert, da seine medizinischen und entspannenden Eigenschaften für den Menschen in vielerlei Hinsicht von Vorteil sind. Wir wissen, dass eine Person unter dem Einfluss von Cannabis nicht aggressiv ist. Wir wissen, dass medizinisches Cannabis das Leben von unheilbar kranken Menschen rettet und erleichtert. Es hilft bei der Behandlung von komplexen psychischen Erkrankungen.“ 

Doroschenko erklärte, dass sich der Cannabismarkt nach den jüngsten Daten schneller entwickelt als der Markt für IT-Technologien. „Ich nehme an, dass der Anbau von medizinischem Cannabis und seine Herstellung in Kirgisistan bei entsprechender gesetzlicher Regelung einen großen Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaft Ihres Landes leisten kann“, schloss Doroschenko.

Cannabisherstellung und Wirtschaft

Laut Mikhail Golichenko, UN-Spezialist, zeigt Kirgisistan seit langem gute Ergebnisse bei der Reform der Hanf-Gesetzgebung, auch im Zusammenhang mit dem Drogenhandel. „Es gehört zu den Ländern, die stolz darauf sein können, Dienstleistungen zur Schadensminimierung zu entwickeln und den Zugang zu HIV-Präventionsdiensten zu verbessern“, betonte Golichenko. 

Der Experte nannte die Cannabisgesetzgebung eine „wunderbare Initiative“. Golichenko lebt in Kanada, wo Freizeit-Cannabis seit 2018 legalisiert ist. „Es gibt Daten über den Einfluss der Cannabisproduktion auf die Wirtschaft. Die Cannabisindustrie macht fast 1 Prozent des kanadischen BIP (Bruttoinlandsprodukt) aus, was mit der Alkoholproduktion vergleichbar ist“, sagte der UN-Spezialist. 

Der Leiter des ukrainischen Hanfverbandes, Alexander Chyzhov, berichtete über Hanfmessen, die in der Ukraine seit zwei Jahren stattfinden. „Bei uns ist es legal. Wir sehen enorme Möglichkeiten in diesem Sektor“, sagte Chyzhov. Viele Hanffasern verarbeitende Unternehmen sind im Land entstanden. Samen, Öl, Halwa (mit Hanfsamen statt Sesam), Proteine und andere Lebensmittelprodukte wurden eingeführt, es gibt auch eine Linie von Hanftextilien und sogar Pelz – ein revolutionäres Produkt aus Hanf.

Der Berater des ukrainischen Hanfverbandes, Anton Mormul: „Es gibt mehr als 25.000 Artikel, die aus Hanf hergestellt werden können.“ Er hob den Häuserbau hervor. „Wie gut und interessant Wohnraum aus Cannabis sein könnte. Zwei Drittel der Städte der Welt sind in seismischen Zonen gebaut; 150 Erdbeben ereignen sich jedes Jahr. Hanfhäuser könnten 40 Sekunden einem Erdbeben der Stärke 12 auf der Richterskala und einem Tornado mit einer Windgeschwindigkeit von 260 km/h standhalten“, sagte er. Insgesamt gibt es in der Ukraine 40 Unternehmen, die Industriehanf anbauen. Sie arbeiten mit dem National Institute of Bast Crops zusammen, das bald 90 Jahre alt wird.

„Hanf ist die beste Pflanze. Er braucht keine Pestizide und Herbizide, er kann zwei Ernten in einem Jahr geben, er stellt den Boden wieder her. Hanf verbraucht 75 Prozent weniger Wasser als Baumwolle und absorbiert während des Wachstums viermal mehr Kohlendioxid als Bäume“, sagte Oksana Devo, die Leiterin des Unternehmens, das Hanfpelze in der Ukraine produziert. Der Leiter des ukrainischen Hanfverbandes Alexander Chyzhov schlug ein Kooperationsabkommen mit Kirgisistan vor, um gemeinsam den Markt für Hanfprodukte zu entwickeln.

Öffentliche und staatliche Unterstützung für die Initiative

Georgien stand kurz davor, den Anbau von medizinischem und Nutzhanf zu legalisieren. Darüber sprach der georgische Parlamentsabgeordnete Akakyi Zoidze. Seiner Meinung nach zwangen jedoch der Einfluss der orthodoxen Kirche und der heftige Widerstand der Bevölkerung die Behörden zum Rückzug. Obwohl das Verfassungsgericht „den individuellen Gebrauch von Cannabis fast gesetzlich geregelt hat“ und „der Gebrauch von Cannabis weder administrativ noch strafrechtlich strafbar ist“, ist Georgien „in der Phase der Gesetzgebung stecken geblieben“.

„Wir haben sechzig Jahre lang gegen die Inhaftierung wegen Cannabis gekämpft, das hat mentale Spuren hinterlassen, und dann haben wir die Reformen nicht abgeschlossen“, sagte Dr. Zoidze. Internationale Investoren waren bereit, in Georgien 300 Millionen Dollar zu investieren, und das Land hätte in zwei Jahren 1 Milliarde Dollar erwirtschaften können. Diese Mittel hätten helfen können, die Armut zu überwinden. Aber das ist bisher nicht geschehen. Deshalb wünschte sich der ehemalige Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des georgischen Parlaments die Unterstützung der Republik und der Regierung für die Initiative zur Cannabisgesetzgebung. 

Als Ergebnis der Konferenz wurden ein Memorandum und konkrete Vorschläge für die Regierung der Kirgisischen Republik ausgearbeitet. 

Anm. d. Red.: Hanf wächst in Kirgisistan wild und wurde zu Zeiten der Sowjetunion industriell angebaut. Seine räumliche Nähe zu Afghanistan bedingt, dass es als Transitland für Cannabis genutzt wird.

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Otto Normal
Otto Normal
4 Monate zuvor

Deutschland verpaßt wieder einmal den Cannabis-Zug auf dem andere schlauere Nationen längst aufgesprungen sind. Unser Staat ist jedoch fest im Würgegriff einer überwiegend kriminellen, unfähigen und lobbygesteuerten Regierung, gestützt von einem durch und durch faschistischem und völlig verblödetem Volk, welches eigentlich gar nichts anderes als Hitler & Co. verdient hat. Selbst diese waren noch zu gut. Denunziantentum wohin man blickt. Korruption an allen Ecken bis in die höchsten Spitzen. Die Gerichte entweder gelähmt durch Weisungsbefugnis aus dem Innenministerium oder selber völlig rechts-national eingestellt wie z.B. das BVG in seiner aktuellen Besetzung. Faschisten wie dieser Maassen vom Verfassungsschutz tauchen – auch wenn sie entlassen wurden – immer wieder erneut auf, oder werden wie in diesem Fall einfach von einem „Heimatminister“ (die… Weiterlesen »

Hans Dampf
Hans Dampf
4 Monate zuvor

Aber, aber. Entwicklungsland hin oder her. Dafür ist unser Land Fußball-Europameister. Das ist doch auch schon was, oder etwa nicht?
Doch im Ernst, ich sehe es wie Otto Normal.
Nach der Wahl werden sich viele sicher die Augen reiben, denn nach der Wahl ist vor der Wahl. So wie es aussieht, werden die Schwarzen auch weiterhin den Ton angeben und das Volk an der Nase rumführen ,,dürfen“.
Weltmeister beim Alkoholkonsum ist schließlich auch nicht schlecht, Sportsfreunde. Wobei, eine legale Sportzigarrette wäre mir lieber.

Daniel Csavojetz Sommer Holler
4 Monate zuvor

Cannabis ist zwar kein Broccoli – aber Broccoli ist auch kein Cannabis… ;D