Freitag, 27. Dezember 2019

Richtige Gangstas mit Joints und Bongs

Warum der Noir-Kriminalroman von George Pelecanos richtig reinhaut


Momentan gibt es viel Neuerscheinungen auf dem Markt des Kriminalromans in all seinen Spielarten. Den Großteil davon kann man getrost vergessen, denn die heutigen Autor*innen scheinen vergessen zu haben, über was sie eigentlich schreiben. So verkommt in den meisten Büchern zum zufälligen Unfall, der eben nicht die psychisch-physische Extremsituation des Lebens als Unikum darstellt, sondern als beliebig handelbare Ware, welche die Autor*innen hier und da einsetzen, um ihrem Werk ein wenig Pfiff und Schwung zu verleihen. Ebenso stereotyp sind auch die meisten Charaktere der schlechten Kriminalromane von heute. Austauschbare Typen, die nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus leeren Klischees einer nichtssagenden Zeit bestehen. Darüber hinaus fehlt dem heutigen Kriminalroman auch das, was ihn eigentlich ausmachen sollte. Denn der Krimi ist die modernste und vielleicht auch adäquateste literarische Form, um soziale Gesellschaftskritik zu üben. Doch weit gefehlt. Die meisten Verbrecher sind farblos und blass – sie begehen die Verbrechen eher aus einem inneren Defizit oder aus einer Störung ihrer biochemischen Stoffwechsel denn aus sozialer Not und psychischer Verzweiflung über eine verrottete und bis ins Mark „falsche“ Gesellschaft heraus.

Nun ist ein Lichtstreif am Horizont erschienen. Der Ars Vivendi Verlag hat nun einen Noir-Krimi vom Feinsten herausgebracht. George Pelecanos hat mit „Prisoners“ ein literarisch-gesellschaftskritisches Meisterstück geschaffen. Der weltberühmte Horror-Autor Stephen King sagt über Pelecanos: „George Pelecanos ist der vielleicht beste lebende amerikanische Krimiautor.“ Natürlich sind solche Verabsolutierungen immer schwierig, aber ich würde King zustimmen wollen, dass Pelecanos tatsächlich einer der besten lebenden Krimiautoren ist.

Zum Inhalt: Der junge und bereits früh auf die schiefe Bahn geratene Michael Hudson sitzt eine mehrjährige Haftstrafe wegen eines bewaffneten Raubüberfalls ab, an dem er als Fahrer beteiligt gewesen war. Im Gefängnis entdeckt er – ohne Schulabschluss – das Lesen für sich, denn er hält sich aus allen Knaststreitereien heraus und kapselt sich ab, um die Haftzeit möglichst unbeschadet zu überstehen. Die Bücher, die Michael liest, stammen von US-amerikanischen Größen: John Steinbeck, Elmore Leonard usw. Bücher werden für Michael zu einer Möglichkeit, sich über sein eigenes Leben klar zu werden und für sein eigenes Leben zu lernen. Doch mit der Läuterung und Einsicht sind auch Gefahren verbunden, denn eines Tages wird Michael völlig unerwartet entlassen – dahinter steckt natürlich eine Finte, von der er zunächst nichts weiß. Michael ist sich nämlich nicht bewusst, dass sein Verfahren von Phil Ornazian, einem skrupellosen Privatdetektiv, der mit allen möglichen „krummen“ Dingern seine Familie über Wasser halten muss, manipuliert wurde. Während Michael mehr oder weniger erfolgreich im Alltag Fuß zu fassen versucht und als Küchenhilfe jobbt, ermittelt Ornazian in einem Vergewaltigungsfall in der Washingtoner Oberschicht. Für eine illegale, bewaffnete Operation braucht Ornazian einen Fahrer – und Michael steht gewissermaßen in seiner Schuld. Wird Michael nun auf Ornazians „Angebot“ eingehen, damit wieder auf die schiefe Bahn geraten und Gefahr laufen, erneut inhaftiert zu werden?

„Prisoners“ ist ein Lesevergnügen der ausgezeichneten Sorte. Die Charaktere sind glaubwürdig und sie besitzen Tiefgang. Gangsta sind hier nicht einfach Gangsta, sondern Pelecanos versucht ihren kriminellen Werdegang auch aus den soziopolitischen und gesamtgesellschaftlichen Umständen heraus – Stichworte: Ghettoisierung, mangelnde Bildung, keine Zukunftsaussichten und eine Gesellschaft, die sich beinahe ausschließlich über Konsum und Besitz definiert – zu erklären. Der Noir-Krimi beschönigt nichts – er schildert die traurigen gesellschaftlichen Zustände wie sie sind und schildert die Menschen auch in ihrer inneren Verzweiflung und Zerrissenheit. Drogen spielen in „Prisoners“ deshalb so eine exorbitant wichtige Rolle, da sie eben ein essenzieller Bestandteil der amerikanischen Ghetto- und Armenkultur, ja überhaupt des American Way of Lifes, sind. So wird in „Prisoners“ auch jede Menge „gebufft“, ob in Joint- oder Bongform. Klar, die richtig bösen und fiesen Typen stehen auch auf härtere Sachen, indem sie zum Beispiel reiche Vorstadtmädchen mit „Lean“, einer krassen Codein-Promethazin-Mischung (angereichert durch K.O.-Tropfen) außer Gefecht setzen, sie dann mehrfach vergewaltigen und zu guter Letzt noch das Haus leerräumen. Die klare Sprache von Pelecanos und die geschliffen scharfen Dialoge ermöglichen es auch, das Buch mit besonderem Genuss nach dem Konsum von etwas Cannabis zu genießen. Aber bitte offiziell nur diejenigen, die dafür auch das entsprechende Rezept vom Arzt vorweisen können …

Christian Rausch

3 Antworten auf „Richtige Gangstas mit Joints und Bongs

  1. Rainer Sikora

    Beim lesen dises Artikels,kam mir der Gedanke,das Buch ist zum stonten genießen geeignet.Im letzen Absatz fand ich das bestätigt.Jetzt stört mich die Vorschrift mit dem Rezept aber sehr.

  2. Die Heimleitung

    Handelt es sich hierbei, nicht eher um das Genre , Fantasy ? Diese Kriminalfälle in den Verklebten blättern aus Brasilianischer Holzcelulose ,enden zu selten ,als Deutscher Justizskandal ,außerdem ,wer zu viel Bücher liest ,wird kurzsichtig . Leben statt lesen ! Schauen-statt-lesen !

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